Eingangsbereich der Colonia Dignidad in den 1980er-Jahren (Archivbild). | dpa

"Colonia Dignidad" Noch heute profitieren einige wenige

Stand: 26.04.2021 13:15 Uhr

2016 versprach Deutschland, die Aufarbeitung der Verbrechen bei der Sekte "Colonia Dignidad" voranzutreiben. Fünf Jahre danach gibt es weder einen Gedenkort noch Erfolge bei der Suche nach Massengräbern.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Es wirkte wie ein Moment des Aufbruchs, als der damalige Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier 2016 den Weltsaal des Auswärtigen Amts betrat. In der voll besetzten Halle saßen Menschen, die mehr als 30 Jahre ihres Lebens unter sklavenartigen Bedingungen hinter Stacheldraht auf dem Gelände der ehemaligen Sekte "Colonia Dignidad" gelebt hatten. Und auch Angehörige verschwundener politischer Häftlinge in Chile, die unter der Pinochet-Diktatur verschleppt wurden und deren Spur sich in der "Colonia Dignidad" verliert.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Sie alle hörten eine historische Rede: Steinmeier bekannte sich zur Schuld des Auswärtigen Amts. "Über viele Jahre haben deutsche Diplomaten bestenfalls weggeschaut", sagte er und versprach eine umfassende Aufarbeitung der Gräueltaten der Sekte. Fünf Jahre danach ist die bisherige Bilanz ernüchternd. Die Kritik am Umgang des Auswärtigen Amts mit diesem düsteren Kapitel deutscher Diplomatie und deren Folgen wächst.

Sektenmitglieder missbraucht, Gefangene gefoltert

In der 1961 gegründeten Sekte in Chile wurden Kinder vom pädophilen Anführer Paul Schäfer systematisch missbraucht. Die Sektenmitglieder mussten wie Sklaven arbeiten. Sie lebten eingesperrt auf dem mit Stacheldraht umzäunten Gelände. Als sich 1973 der Diktator Augusto Pinochet an die Macht putschte, folterte der chilenische Geheimdienst Dina Regimegegner auf dem Gelände der Deutschen. Mithilfe der Sektenführung wurden Dutzende von ihnen im riesigen Waldgebiet der "Colonia Dignidad" verscharrt.

Zahlreiche Gräueltaten waren der deutschen Botschaft in Chile seit den 1960er-Jahren bekannt: Geflüchtete hatten den Diplomaten dramatische Berichte aus dem Innenleben der Sekte geschildert. Doch anstatt ihnen zu helfen, wurden sie zurückgeschickt und erneut dem brutalen Führungskreis der Sekte ausgeliefert. Franz-Josef Strauß war ein politischer Unterstützer der Sekte, die sich nach außen hin fromm und christlich gab.

Nach Steinmeiers Rede 2016 blieb es im Auswärtigen Amt merkwürdig ruhig. Den Worten des Ministers folgten keine konkreten Taten. Stattdessen trieb ein Bündnis von Abgeordneten aller Fraktionen die Aufarbeitung voran. Ohne Gegenstimme wurde 2017 im Bundestag ein Beschluss verabschiedet, der die Bundesregierung aufforderte, endlich Ernst zu machen. Abgeordnete wie Michael Brand (CDU) und Renate Künast (Grüne) besuchten das Sektengelände und erfuhren dabei, wie sehr die traumatisierten Opfer bis heute unter der jahrzehntelangen Gefangenschaft, dem Missbrauch und der Zwangsarbeit leiden. Es ist vor allem das Verdienst der Abgeordneten, die nicht lockerließen, dass die Bundesregierung 2019 schließlich einen Hilfsfond auflegte, der für die Sektenopfer einmalig bis zu 10.000 Euro vorsieht.

Keine Gedenkstätte, kein Dokuzentrum

Darüber hinaus ist die angekündigte Aufarbeitung bislang ausgeblieben. Auf dem Sektengelände sollten sich längst eine Gedenkstätte und ein Dokumentationszentrum befinden, um an die Verbrechen zu erinnern. Doch stattdessen wird dort heutzutage Bier ausgeschenkt. Tourismus anstelle einer Erinnerungskultur.

Für die chilenische Menschenrechtlerin Margarita Romero ist dies enttäuschend. "Es gibt keinerlei Fortschritt - weder beim Bau der Gedenkstätte noch bei dem Dokumentationszentrum", bedauert Romero, die 2016 vor Gericht durchgesetzt hatte, dass das Sektengelände zu einem Gedenkort erklärt wird. Damit sind alle juristischen Hürden für eine Gedenkstätte aus dem Weg geräumt worden. Doch Deutschland und Chile haben in ihren bilateralen Regierungsgesprächen bislang kein Ergebnis vorgelegt. Das Auswärtige Amt erklärt auf Nachfrage, man "berate über ein Gedenkstättenkonzept".

Dass es nicht vorangeht, sorgt für Frust bei Künast. "Die Aufarbeitung läuft im Schneckentempo", kritisiert die Grüne und fordert von der deutschen Außenpolitik "endlich klar zu zeigen, dass sie diesen Gedenkort will." Auch Experten wie der Politikwissenschaftler Jan Stehle sind verärgert über den Stillstand: "Es müssen konkrete Schritte erfolgen. Die Angehörigen und die Opfer erwarten einen Spatenstich noch in diesem Jahr."

"Zum Vorteil einiger weniger"

So sieht das auch Doris Zeitner, die seinerzeit in die Sekte hineingeboren wurde und dort 40 Jahre lang eingesperrt war. Sie hat zusammen mit anderen ehemaligen Sektenmitgliedern den Opferverband ADEC gegründet und fordert die Bundesregierung auf, für mehr Gerechtigkeit unter den traumatisierten Opfern zu sorgen. Denn die ehemalige Gemeinschaft ist tief gespalten. Der gemeinsam erarbeitete Sektenbesitz, riesige Ländereien mit Wäldern und Landwirtschaftsbetrieben, befindet sich mittlerweile in der Hand einiger weniger Sektenmitglieder.

Diese neue Führungsriege verkaufe Grundstücke und Teile des Sektenvermögens, ohne die Opfergemeinschaft zu informieren oder daran zu beteiligen, sagt Zeitner: "Das ist ungerecht, dass die neue Führung der Nachfolgefirmen der Colonia Dignidad alles an sich reißt. Normale Ex-Sektenmitglieder, so wie wir, bekommen nichts davon ab."

Das Auswärtige Amt hat nie darauf hingewirkt, die Struktur der Sektenfirmen aufzulösen. Das sorge heute für extreme Ungerechtigkeit und eine zusätzliche Traumatisierung, ist der Politikwissenschaftler Stehle sicher: "An diesem Ort lebt heute eine Post-Sekten-Gemeinschaft. In den Firmen wird zum Vorteil einiger weniger gewirtschaftet. Viele Opfer partizipieren aber nicht an diesem Vermögen."

Diese Strukturen kann die deutsche Regierung nicht allein ändern. Aber das Auswärtige Amt hat die Möglichkeit, größeren Druck auf Chile auszuüben. Stehle fordert "endlich deutliche Worte seitens der Bundesregierung. Bundesminister Maas muss sich zur 'Colonia Dignidad' äußern."

Mit dem politischen Willen könnte es auch bei der Suche nach unentdeckten Massengräbern vorangehen. Noch immer werden die Leichen vieler Folteropfer auf dem Sektengelände vermisst. Deutschland hatte Chile Hilfe zugesagt bei der Labor-Analyse von Erdproben. Doch auch hier gibt es bislang keine Ergebnisse. So warten die Familien der verschwundenen politischen Gefangenen fünf Jahre nach dem Abend im Weltsaal des Auswärtigen Amts bis heute darauf, zu erfahren, wo ihre Angehörigen verscharrt wurden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. April 2021 um 20:00 Uhr.