Chiles neuer Präsident Boric  | AFP

Neuer Präsident in Chile Große Freude und große Erwartungen

Stand: 20.12.2021 12:43 Uhr

Eine neue Verfassung, Reformen bei Rente und Bildung - Chile hofft nach der Wahl des Sozialisten Boric zum Präsidenten auf einen grundlegenden Wandel. Wird dem 35-Jährigen der versprochene Aufbruch gelingen?

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

Mit Regenbogenflaggen, den Kindern auf dem Arm und Freudentränen im Gesicht stürmen sie auf die Straßen im Zentrum von Santiago de Chile. Autokorsos, Hupkonzerte überall - und Luftaufnahmen bestätigen: Es sind Massen. Hunderttausende Chilenen feiern den Wahlsieg von Gabriel Boric.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

"Ich bin so glücklich, ich habe schon die ganze Zeit geheult, weil ich so lang darauf gewartet habe, dass mein Land endlich diese reiche Elite abwählt, dass endlich einer Präsident wird, der sich für die Menschen einsetzt, das ist einfach wunderbar", sagt eine der Feiernden. Und ein anderer ergänzt: "Das ist ein Fest der Demokratie. Chile hat nicht die Vergangenheit gewählt, Chile hat Aufbruch gewählt, Chile ist heute ein anderes Land."

Glückwünsche vom Verlierer

Der Linksprogressive Boric erreichte bei der Stichwahl am Sonntag 55 Prozent der Stimmen, lag damit mehr als elf Prozentpunkte vor seinem Kontrahenten, dem Rechtsnationalisten José Antonio Kast. Es war ein überraschend deutlicher Sieg in einer Wahl mit hoher Beteiligung.

Dabei hatten viele mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen gerechnet. Kast räumte seine Niederlage früh ein und gratulierte Boric zum Wahlsieg. "Er verdient all unseren Respekt, viele Chilenen haben ihm ihr Vertrauen geschenkt und wir wünschen seiner Regierung alles Gute. Trotz unseren offensichtlichen Differenzen wollen wir unseren Beitrag für das Vaterland leisten. Gemeinsam wollen wir die Chilenen wieder einen."

Dank auch auf indigener Sprache

Boric dankte seinen Wählern auf Mapudungun, der Sprache des indigenen Volkes der Mapuche - und auf Spanisch. Er wird Chiles jüngstes Staatsoberhaupt. Der frühere Studentenführer und Mitbegründer des linken Bündnisses Frente Amplio ist erst 35 Jahre alt. Er steht nicht nur für einen Generationswechsel in Chiles Politik, sondern auch für den Reformprozess, der mit den massiven sozialen Protesten vor zwei Jahren angestoßen wurde.

Nach seinem Sieg erklärte Boric, alleine komme eine Regierung nicht voran. "Wir wollen gemeinsam mit den Menschen in den Präsidentenpalast Moneda einziehen. Um mit Hoffnung und Verantwortung, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Denn heute hat die Hoffnung über die Angst gesiegt."

Reformen bei Rente und Bildung

Boric setzt sich für eine Reform des privaten Rentensystems und eine stärkere Rolle des Staates im Gesundheits- und Bildungswesen ein, aber auch für Frauenrechte und Klimaschutz. Damit will er endgültig mit dem Erbe der Pinochet-Diktatur brechen und ihrem neoliberalen Wirtschaftsmodell viele für die große soziale Ungleichheit in Chile verantwortlich machen.

Dazu gehört auch die Ausarbeitung eines neuen Gesellschaftsvertrages. Die Abschaffung der alten Verfassung aus Zeiten der Diktatur war eine der zentralen Forderungen der sozialen Proteste von 2019. "Unser Projekt steht für mehr demokratischen Fortschritt und vor allem für die Unterstützung des verfassungsgebenden Prozesses. Damit wir eine neue Verfassung bekommen, die für Zusammenhalt steht und nicht für Spaltung", erklärte der Politiker.

Eingeschränkter Handlungsspielraum

Die Hoffnungen und Erwartungen an den neuen Präsidenten sind enorm. Einfach wird es nicht für seine Regierung. Zum einen hat die Pandemie auch in Chile die Wirtschaft hart getroffen und damit die sozialen Herausforderungen noch einmal verschärft - zum anderen hat der Wahlkampf auch deutlich gemacht, wie gespalten das Land ist. Manche sehen in Boric einen linken Extremisten, der das Land in den Abgrund führen könnte.

Dabei schränkt eine Pattsituation im Kongress die Gestaltungsmacht der neuen Regierung erheblich ein. Viel wird davon abhängen, wie es dem jungen, linken Hoffnungsträger gelingt, auch seine Gegner zu überzeugen, Brücken zu bauen und Bündnisse zu schmieden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. Dezember 2021 um 11:00 Uhr.