Eine Kuh steht auf einer Weide. | REUTERS
Weltspiegel

Chiles Verfassungskonvent Wasser für alle?

Stand: 21.11.2021 07:19 Uhr

Chile befindet sich in einem Reformprozess, der das Land langfristig verändern wird. Eine verfassungsgebende Versammlung berät unter anderem die Frage: Soll Wasser weiter in Privatbesitz bleiben oder zukünftig ein öffentliches Gut sein?

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Wenn Harry Jürgensen an seinen Ställen vorbei geht, wirkt er mit sich im Reinen. Der 79-Jährige besitzt 900 Kühe, dank derer sein Betrieb Milch, Butter und Margarine produziert. Für die lukrative Produktion, die Jürgensen sich über viele Jahre aufgebaut hat, wird jede Menge Wasser benötigt: "Meine beiden Brunnen pumpen es hinauf - einer aus 80 Metern Tiefe, der andere aus 130 Metern."

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Die Wasserrechte dafür besitzt der deutschstämmige Jürgensen seit Langem, genauer gesagt seit Anfang der 1980er Jahre. Damals hatte Chiles Diktator Augusto Pinochet eine wirtschaftsliberale Verfassung durchgesetzt, die Wasser als Privatbesitz definiert. Dieser Verfassungsgrundsatz gilt bis heute. Die Brunnen bohrte Jürgensen damals auf eigene Faust und pumpt das Wasser seitdem nach oben, ohne etwas dafür zahlen zu müssen. 19 Liter pro Sekunde darf er entnehmen.

Verfassung aus der Zeit der Diktatur

Bald schon könnte Schluss sein mit diesen privaten Wasserrechten. Denn derzeit verhandelt eine verfassungsgebende Versammlung ein neues Grundgesetz für Chile aus. 155 frei gewählte Mitglieder sollen einen fundamentalen Wandel in der Andenrepublik einleiten. Auch Harry Jürgensen ist einer von ihnen.

Die bislang gültige Verfassung stammt noch aus der Zeit der Pinochet-Diktatur und gilt als besonders wirtschaftsfreundlich. Umweltschutz spielt darin keine große Rolle und Wasser wird als Privatbesitz definiert. "Wir müssen anerkennen, was die bisherige Verfassung gebracht hat", sagt Jürgensen. "Chile ist das am besten entwickelte Land Südamerikas geworden."

Rinder-Farm Besitzer Harry Jürgensen

Harry Jürgensen in den Rinderställen seines Betriebs.

Dürre in der Atacama-Wüste

Andere Abgeordnete des Verfassungskonvents sehen das komplett anders: Sie wollen Wasser zukünftig als öffentliches Gut festschreiben lassen, das nicht zuerst der Industrie zugutekommt, sondern den Menschen. Die Biologin Cristina Dorador - ebenfalls Mitglied in der verfassungsgebenden Versammlung - weiß aus eigener Erfahrung, wie knapp Wasser in Nordchile ist.

In ihrer Region Antofagasta liegt die Atacama-Wüste, in der es kaum noch Wasser gibt, auch weil zahlreiche Minenbetriebe private Wasserrechte besitzen. Vor allem Kupfer- und Lithiumminen pumpen es aufwändig ab. Gleichzeitig fehlt in vielen Armenviertel der Zugang zu sauberem Trinkwasser. Ein Leitungsnetz gibt es nicht und das Grundwasser sei oft mit Arsen kontaminiert, sagt sie.

Die Biologin Cristina Dorador setzt sich für Wasserschutz ein. | ARD-Studio Rio de Janeiro

Die Biologin Cristina Dorador setzt sich dafür ein, dass Wasser kein Privatbesitz ist. Bild: ARD-Studio Rio de Janeiro

"Ein neues Gleichgewicht finden"

Bei den Protesten von 2019, als 1,5 Millionen Menschen für eine sozialere Politik auf die Straße gegangen waren, wurde auch die Forderung nach einem gerechteren Zugang zu sauberem Trinkwasser laut. Daraufhin rief die Regierung die verfassungsgebende Versammlung ins Leben. "Ich bin überzeugt, dass unsere zukünftige Verfassung das Recht auf Wasser festschreiben wird", erklärt Dorador bei einer Veranstaltung in einer Wüstengemeinde. Sie macht damit vielen Menschen Hoffnung, die sich vom Staat vernachlässigt fühlen.

Auch Landwirt Harry Jürgensen ist mittlerweile der Meinung, dass der Staat jedem Einwohner Zugang zu Trinkwasser ermöglichen muss. Das sei bislang nicht der Fall. "Es darf nicht mehr sein, dass die Landwirtschaft und die Minen beim Wasser gegenüber den Menschen Vorrang haben. Wir müssen da ein neues Gleichgewicht finden", meint er. Acht Monate haben sie dafür noch Zeit. Dann muss der neue Verfassungstext fertig sein.

Über dieses Thema berichtete das Erste im Weltspiegel am 21. November 2021 um 19:20 Uhr.