Gabriel Boric und Jose Antonio Kast | AFP

Präsidentschaftswahl in Chile Aufbruch oder zurück zur Vergangenheit?

Stand: 20.11.2021 03:26 Uhr

Bei der Präsidentschaftswahl in Chile stehen zwei Kandidaten im Fokus, die unterschiedlicher nicht sein könnten: der Linke Boric und der Rechtspopulist Kast. Es geht auch um das Erbe der Pinochet-Diktatur.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

Gabriel Boric klettert gern auf Bäume: am liebsten auf die große Zypresse seiner Heimatstadt Punta Arenas in Magallanes an der äußersten Südspitze von Chile. Der Baum symbolisiere für ihn Freiheit und den Kampf für eine neue Gesellschaft, erklärte er im Juli vor Journalisten. Damals war er überraschend als Sieger aus der internen Vorwahl der linken Koalition "Apruebo Dignidad" hervorgegangen.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Nun steht er unter alten Araukarien-Bäumen auf der Plaza Ñuñoa im Osten von Santiago de Chile und will erklären, wie seine Idee vom neuen Chile aussieht. Klimaschutz und Feminismus, Mittelstand statt Mega-Bergbau, mehr Gewicht für die Regionen, Mindestlohn und bezahlbaren Wohnraum: "Wenn Chile die Wiege des Neoliberalismus war, dann kann es auch das Grab sein", sagt er - "aber eines, auf dem alle Blumen blühen".

Schwarze Röhrenjeans, tätowierte Unterarme, Vollbar: Boric will Präsident von Chile werden - mit 35 Jahren. Es ist die wohl spannendste Wahl seit Ende der Pinochet-Diktatur. Denn es geht auch um ihr Erbe.

Chiles Präsidentschaftskandidat Boric macht ein Selfie mit Unterstützern und Anhängern. | AP

Selfie mit Links: Präsidentschaftskandidat Boric mit Unterstützern. Bild: AP

Chiles Präsidentschaftskandidat Kast bei einem Selfie mit Anhängern | AFP

Auch Gegenkandidat Kast setzt auf das verbindende Selfie-Element. Bild: AFP

Kandidat des sozialen Aufstandes

Boric wurde als einer der Anführer der Studentenproteste von 2011 bekannt, drei Jahre später zog er ins Parlament ein und gründete 2017 die linke Bürgerkoalition "Frente Amplio" mit. Erstmals seit Chiles Rückkehr zur Demokratie tauchte damit eine dritte Option auf, neben den zwei traditionellen Parteienbündnissen - und holte auf Anhieb 20 Prozent.

Schon damals war zu spüren, dass etwas aus dem Lot geraten ist im Land, das stets als Oase und Modell in Südamerika galt: Mit konstantem Wirtschaftswachstum, gutem Investitionsklima, politischer Stabilität. Doch schon damals bröckelte die Fassade, im Oktober 2019 brach sie zusammen.

Gabriel Boric | EPA

Gabriel Boric steht für einen Bruch mit dem Neoliberalismus in Chile. Bild: EPA

Eine vergleichsweise mickrige Erhöhung der Metropreise trat eine Protestwelle los, wie sie Chile noch nie erlebt hatte. Hunderttauende waren auf den Straßen - mit Wut auf eine Elite, die sich vor allem um ihre eigenen Interessen kümmert, während die Mehrheit sich verschulden muss, um Miete, Bildung, Gesundheitsfürsorge zu bezahlen.

Im Zentrum der Kritik: Chiles Verfassung. Sie stammt noch aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet. Der ließ nicht nur foltern und morden, sondern machte Chile auch zum neoliberalen Versuchslabor. Fast alles liegt bis heute in privater Hand: Renten, Strom, selbst die Wasserversorgung. Viele sehen darin den Hauptgrund für die extreme soziale Ungleichheit im Land.

Der chilenische Weg

Und das soll sich ändern: Vor einem Jahr, im Oktober 2020, stimmte eine überwältigende Mehrheit der Chilenen für die Ausarbeitung einer neuen Verfassung. "Chile sucht damit auch einen demokratischen Weg, die Wut auf den Straßen zu kanalisieren", sagt die Politologin Claudia Heiss von der Universität de Chile, eine mögliche Antwort auf Politikverdrossenheit, soziale Ungleichheit und Marginalisierung.

In der verfassungsgebenden Versammlung sitzen gleichviele Frauen wie Männer, dazu Vertreter der indigenen Völker, die in der alten Carta Magna gar nicht auftauchten. Boric hat bereits signalisiert, dass er den Verfassungsprozess unterstützen würde: "Er steht für den Wandel, den wir brauchen", sagt die 40-jährige Ärztin Lidia Calderón, "für einen Staat, der sich um das Wohl seiner Bürger sorgt".

Graben statt Mauer

Doch die Herausforderungen sind groß für den Linken, der außerdem auf eine Koalition mit der Kommunistischen Partei angewiesen ist: Die Pandemie hat Chile hart getroffen, die sozialen Probleme sind größer geworden, im Süden des Landes spitzt sich der Konflikt um Land mit dem indigenen Volk der Mapuche weiter zu - gleichzeitig haben Verunsicherung und Fremdenhass zugenommen. Ein Stimmung, von der ein anderer Kandidat profitiert: José Antonio Kast.

Jose Antonio Kast | EPA

José Antonio Kast gibt unumwunden zu, wie sehr er mit Ex-US-Präsident Trump sympathisiert. Bild: EPA

Im Wahlkampfspot steht er an Chiles staubig-karger Grenze zu Bolivien und fordert "einen Graben von drei Metern Breite und drei Metern Tiefe" gegen illegale Einwanderung. Mit Ex-US-Präsident Donald Trump teile er Überzeugungen, erklärt Kast - Kind deutscher Nachkriegseinwanderer, Hundeliebhaber und früherer Verteidiger der Pinochet-Diktatur. Aus dem UN-Menschenrechtsrat will der 55-Jährige austreten, den Konflikt im Süden militärisch lösen, eine neue Verfassung hält er für unnötig. Die Bestehende habe Chile schließlich zu einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Länder Lateinamerikas gemacht.

In den letzten Wochen zog er in den Umfragen gleichauf mit Boric und mäßigte seinen Diskurs. "Wir werden die traditionellen politischen Grenzen aufbrechen", erklärt er beim Frühstück mit der internationalen Presse, von der er sich zu Unrecht als "extrem rechts" bezeichnet fühlt: "Sind alle Chilenen, die mich wählen, Rechtsextremisten? Das stimmt nicht. Das sind Menschen mit gesundem Menschenverstand, die ihre Freiheit zurück wollen!"

Ganze Region steht unter Spannung

Diego Aitte zum Beispiel: der 30-jährige Unternehmer kommt aus Las Condes, einer Bastion der Konservativen. Kast repräsentiere Ordnung und Sicherheit, meint Aitte. Die verfassungsschaffende Versammlung führt für ihn dagegen direkt in eine "linke Diktatur" mit Boric als "allmächtigem Präsidenten". Sagten Beobachter vor einigen Monaten noch einen deutlichen Sieg der Linken bei der Wahl voraus, scheint das längst nicht mehr so klar.

Patricio Fernández, Journalist und Vertreter des Verfassungskonvents, wundert das nicht. "Wir haben einen Moment der großen Transformation erlebt, wir erleben jetzt aber auch die Ängste, die der Wandel und all die Veränderungen mit sich bringen werden", sagt er.

Begleitet Chiles nächste Regierung den Verfassungsprozess oder lehnt sie ihn ab? Wird das neoliberale Musterland zur Wiege einer neuen Linken in Südamerika oder übernimmt ein Rechtspopulist mit Nostalgie für alte Diktaturzeiten? Die Wahl am Sonntag wird auch in der gesamten Region mit angehaltenem Atem verfolgt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. November 2021 um 06:20 Uhr.