Katta Alonso | Matthias Ebert

Klage über hohe Krebsraten Chiles "Opferzonen" für die Wirtschaft

Stand: 05.09.2022 09:32 Uhr

In einigen Regionen Chiles klagen Bewohner über Umweltverschmutzung und hohe Krebsraten. Sie machen zu laxe Auflagen für die Industrie dafür verantwortlich. Der Ausgang des Referendums ist für sie enttäuschend.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Lila, weinrot und kanariengelb blühen die Blumen im Garten von Katta Alonso. Sie bieten der Rentnerin Ablenkung. Denn wenn sie von ihrer Terrasse Richtung Pazifikküste schaut, zeichnet sich ein ganz anderes Bild. Dort reihen sich 16 Betriebe aneinander: Kraftwerke, eine Zementfabrik und eine Kupferschmelze. "Das ist eine wirtschaftliche Opferzone. Das heißt, der Staat hat hier zahlreiche Fabriken und Kraftwerke gebaut, die gefährlich sind und alles verschmutzen", kritisiert Katta, die die Anwohner-Vereinigung "Frauen in Opferzonen" leitet.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Ihr Ort Ventanas war früher ein idyllisches Fischerdorf und beliebtes Seebad. Vor 50 Jahren jedoch hat der chilenische Staat offiziell entschieden, dieses Gebiet zugunsten der Industrie zu opfern. Heute wirken die Kohlekraftwerke aus der Zeit gefallen, weil Chile über reichlich Potenzial für erneuerbare Energien verfügt. Damals jedoch sorgten sie für eine zuverlässige Stromversorgung und gelten bis heute als unentbehrlich.

Lange Zeit keine Umweltauflagen

"Bis in die 1990er-Jahre gab es für die Betriebe keine Umweltauflagen und bis heute sind die Auflagen, die es gibt, lax", erklärt der Gewerkschafter Juan Peña, der seit 32 Jahren in der staatlichen Kupferschmelze Codelco arbeitet. Er fordert Investitionen in Filteranlagen für eine Erneuerung der alten Anlage.

Alonso dagegen kämpft seit 15 Jahren für eine Schließung der Betriebe, weil diese gravierende Folge für die Umwelt und die Gesundheit der Bewohner hätten. "Von der Kupferschmelze tritt immer wieder Schwefeldioxid aus. Außerdem ist unsere Bucht mit Arsen verseucht."

Eine Nachbarin von Katta ist an Brustkrebs erkrankt. Die 72-jährige Jimena Vegas sei eine von vielen Nachbarn, bei denen eine Krebserkrankung festgestellt worden sei. Kattas Verdacht: Die Verschmutzung durch die Fabriken mache die Menschen in Ventanas krank. "Wenn dort giftige Wolken austreten, kratzt dieser Staub im Hals", erklärt Jimena.

Jimena Vegas | Matthias Ebert

Die 72-jährige Jimena Vegas ist an Brustkrebs erkrankt. Bild: Matthias Ebert

"Mehr Krebserkrankungen als andernorts in Chile"

Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Unfällen. Nachdem giftige Stoffe ausgetreten waren, klagten Schulkinder über Kopfschmerzen, Übelkeit und Nasenbluten - 2011, 2018 und zuletzt im Juni 2022. In solchen Momenten entlädt sich die Wut der Anwohner vor den Fabriken. Seit Jahren kommt es dort zu Demonstrationen gegen die Betriebe.

Katta und ihre Mitstreiterinnen kämpfen seit Jahren juristisch für höhere Umweltauflagen - vor allem bei der Kupferschmelze. "Denn wir registrieren bei uns statistisch viel mehr Krebserkrankungen als andernorts in Chile", erklärt Maria Teresa Almarza. Ihre Hoffnung ruhte darauf, dass Chiles neue Verfassung angenommen würde. Diese wurde 2019 angestoßen, als mehr als eine Million Menschen für mehr Rechte und ein Ende der wirtschaftsfreundlichen Verfassung aus der Pinochet-Diktatur auf die Straße gegangen waren.

Arbeiter der Kupferschmelze gegen neue Verfassung

Im Juni dieses Jahres hatten frei gewählte Bürger einen neuen Verfassungstext vorgelegt. Dieser räumte der Gesundheit der Menschen höhere Priorität ein und sah strengere Umweltauflagen vor. "Die neue Verfassung würde uns endlich mehr Rechte geben", sagte Mercedes Gonzalez. Ihre Hoffnung bis zuletzt war, dass ein Ja zur neuen Verfassung das Aus für die wirtschaftliche Opferzone in Ventanas bedeuten würde.

Doch viele Chilenen sahen das offensichtlich anders. Vor allem Arbeiter der Kupferschmelze lehnten den Entwurf ab. "Ich bin gegen die neue Verfassung, weil sie von den Linken geschrieben wurde - von Kommunisten. Denen müssen wir mit harter Hand begegnen", erklärt Carlos Castillos, der in seinem roten Jeep vorfährt. So wie er hat eine Mehrheit der Chileninnen und Chilenen abgestimmt und den Verfassungsentwurf nun mit klarer Mehrheit abgelehnt.

Für die Befürworter wie Katta Alonso ist das eine herbe Enttäuschung. Sie wird den Anblick der Industriebetriebe so schnell nicht los. Vor ihrer Haustür wird wohl auch auf absehbare Zeit ein gigantisches Industriegebiet liegen, das bislang kaum Rücksicht nimmt auf die Gesundheit der Menschen.