Geimpfte Senioren in Chile zeigen ihr Impf-Zertifikat | AP

Vorbild Chile Die Impf-Champions

Stand: 19.03.2021 05:02 Uhr

Chile hat geschafft, woran Länder wie Deutschland derzeit verzweifeln: eine effiziente und breite Impf-Kampagne, um die Pandemie möglichst schnell hinter sich zu lassen. Teil des Erfolgsrezepts sind auch unbürokratische Lösungen.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Südamerika

Der Stadtpark "Juan Pablo II" ist für die Einwohner der chilenischen Hauptstadt Santiago in normalen Zeiten ein Ort der Erholung - mit Spielplatz, Skulpturen und einem Teich samt Fontäne. Doch es sind keine normalen Zeiten - und so wurde der Park kurzerhand umfunktioniert zu einem Impfzentrum.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Jetzt stehen zahlreiche Stühle mit Abstand auf grünem Rasen angeordnet und auf denen betagte Chilenen ungeduldig auf die Spritze warten, die ihnen eine Rückkehr ins normale Leben verspricht. "Das funktioniert richtig gut und liegt wohl an unserer Effizienz", mutmaßt die Chilenin Mili Fierro, die gerade geimpft wurde.

Derzeit sind die 50- bis 60-Jährigen dran. Bis zu 90 Patientinnen und Patienten gleichzeitig können im Stadtpark "Juan Pablo II" behandelt werden. Was in ganz Chile derzeit passiert, ist nicht nur unbürokratisch, sondern auch effizient. Das schmale Land zwischen Anden-Kordillere und Pazifik impft derzeit so schnell wie kein anderes Land weltweit. Nicht nur in Parks, auch in Schulen, Kirchen und Stadien werden die Impfstoffe verabreicht.

Dabei kommt nicht nur Pflegepersonal zum Einsatz, sondern auch Hebammen oder Zahnärztinnen und Zahnärzte. Auf diese Weise hat Chile zuletzt sogar den Impf-Vorreiter Israel als das am schnellsten impfende Land der Welt überholt, wie das Programm "Our World in Data" der Universität Oxford ermittelt hat.

In einer Kirche in Osorno werden Bürger gegen Covid-19 geimpft | dpa

Eine Kirche als Impfzentrum: Auch das ist in Chile derzeit üblich. Bild: dpa

Der Unterschied zu Brasilien

Damit taugt Chile - anders als die meisten Länder Südamerikas und Europas - zum Impf-Vorbild und dürfte bald schon die schlimmsten Pandemie-Probleme hinter sich lassen. Während sich Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro bis vor Kurzem noch ausschließlich impfskeptisch geäußert und es versäumt hatte, früh genügend Impfstoff-Verträge abzuschließen, hat in Chile bereits mehr als ein Fünftel der Bevölkerung die erste Impfdosis erhalten.

Bis Ende März sollen besondere Risikogruppen geimpft sein, bis Juni dann 80 Prozent der Bevölkerung. Brasilien - aber auch Deutschland - dürften dieses Ziel erst deutlich später erreichen.

Autoschlangen vor einem Stadion in Santiago, in denen es ein Durchfahrt-Zentrum für die Impfung gegen Covid-19 gibt. | AP

Impfung bei der Durchfahrt: Ein solches Zentrum wurde auf einem Stadion-Parkplatz in Santiago errichtet. Bild: AP

Pandemie zunächst unterschätzt

Chiles Präsident Sebastián Piñera kann die Impfstoff-Kampagne seines Landes als großen Erfolg verbuchen, der den viel kritisierten Beginn der Pandemie vergessen machen könnte. Damals, im ersten Halbjahr 2020, ordnete Chiles Regierung erst spät weitreichende Quarantäne-Maßnahmen an. Dadurch breitete sich das Virus schnell aus, weil mitten in der Pandemie viele Hausangestellte und Arbeiterinnen und Arbeiter wochenlang in voll besetzten öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit pendeln mussten.

Anschließend galten für einzelne Stadtviertel strenge Lockdown-Regeln. Dies trieb im Mai besorgte Anwohner auf die Straße. Sie warfen Steine auf Polizisten und klagten über fehlende Unterstützung vom Staat. Die Armut stieg damals rasant an; viele Menschen waren auf Essensspenden durch Suppenküchen angewiesen.

Blick auf menschenleere Straßen in Santiago de Chile während des Lockdowns im März 2020 | AFP

Menschenleer waren die Straßen in Santiago im März 2020, als die Regierung einen kompletten Lockdown verhängte. Bild: AFP

Impfungen als Chefsache

Beim Impfen dagegen hat der Staat früh erkannt, wie wichtig eine professionelle Kampagne ist. Damit wurde im ersten Halbjahr 2020 ein eigener Stab betraut, der eng mit dem Präsidentenpalast zusammenarbeitete. Impfen wurde zur Chefsache, damit es zu keinen Verzögerungen kommt.

Außerdem bestellte man frühzeitig große Mengen an Impfstoffen mehrerer Hersteller. Für das eng im internationalen Handel eingebundene Chile mit seinen zahlreichen Freihandelsverträgen war das kein Neuland. Jetzt stehen Impfdosen von BioNTech/Pfizer sowie Sinovac aus China bereit, demnächst auch die Präparate von Johnson & Johnson und AstraZeneca.

In einer Schule in Santiago warten Chilenen darauf, gegen Covid-19 geimpft zu werden. | dpa

Unterricht ist wichtig, Impfungen aber auch: In einer Schule in Santiago warten die Menschen darauf, ihre Spritze zu bekommen. Bild: dpa

Früh Impf-Pläne erstellt

Aus Sicht von Sonia Moreno, die Leiterin eines Impfzentrums im Stadtteil "La Florida", verlief auch die Vorbereitung auf die Impfung ideal: "Nachdem genügend Impfstoffe eingekauft wurden, hatte man den Gesundheitssektor früh eingebunden. Noch bevor die Impfstoffe eingetroffen waren, hatten wir detaillierte Impf-Pläne und alle nötigen Informationen erhalten."

Jetzt steht Moreno in einer Schule, in der derzeit kein Präsentunterricht stattfindet. Hier trudeln gerade 50- bis 60-jährige Risikopatienten ein, die ihre erste Dosis erhalten. Auf seine Spritze wartet Pedro Ferrer. Er spricht aus, was wohl die meisten Chilenen derzeit denken: "Dass wir weltweit führend sind bei der Impfung, ist immerhin eine gute Nachricht, nach so vielen schlechten."

Wenn man von wenigen lokal steigenden Inzidenzwerten in einigen Stadtvierteln von Santiago de Chile absieht, dürfte die Pandemie-Bilanz Mitte des Jahres positiv ausfallen. Die Wirtschaft kann sich vollständig erholen, wenn die chilenische Regierung ihr Ziel erreicht: die Impfung von 80 Prozent der Bevölkerung bis Juni.

Auf einem Schul-Sportplatz in Santiago warten Chilenen auf ihre Covid-19-Impfung | AP

Auch die Sportplätze von Schulen werden für Impfungen genutzt. Bild: AP

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 03. März 2021 um 13:00 Uhr.