Ein Musiker spielt auf einem Cello | picture alliance / dpa

Arbeitslose Cellistin in New York Von der Met in den Central Park

Stand: 09.03.2021 14:53 Uhr

Die Corona-Pandemie hat viele Künstler hart getroffen. So auch in New York. Etwa tausend Angestellte der Metropolitan Opera stehen seit einem Jahr ohne Lohn da. Betroffen ist auch die Cellistin Dorothea Figueroa.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Niemals dachte Dorothea Figueroa, dass sie mal Straßenmusik machen würde. Dass sie vom Graben eines der berühmtesten Orchester der Welt in den Central Park wechselt, um ihre Kasse aufzubessern. Die gebürtige Dresdnerin ist seit fast 20 Jahren Cellistin im Orchester der Metropolitan Opera. Und seit einem Jahr ohne Lohn. So wie rund 1000 Met-Angestellte mit ihr - Musiker, Sänger, Bühnenarbeiter. Alle traf es hart, als sich der Vorhang am 11. März vor einem Jahr zum letzten Mal schloss.

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Über Nacht ohne Gehalt

"Was wir natürlich nicht erwartet hatten, war, dass wir dann plötzlich ohne finanzielle Hilfen dastehen", sagt Figueroa.

Denn über Nacht blieb das Gehalt weg. Die Oper konnte nichts mehr zahlen. Auch für Dorotheas Mann nicht, der ebenfalls Cellist im Orchester war. Das Arbeitslosengeld ist dürftig, die Ersparnisse sind langsam verbraucht.

Es wird eng, sagt die Profi-Musikerin: "Wir haben zum Beispiel zwei kleine Kinder im Grundschulalter und hatten dann echt Sorge, dass sie weiter in die Schule gehen können, die wir uns ausgesucht hatten."

Dazu kommen die Raten für die kleine Wohnung und das teure Leben in Manhattan. Viele Kollegen konnten nicht bleiben: "Ganz viele wohnen jetzt wieder bei ihren Eltern. Ich glaube, 40 Prozent aller Musiker haben schon die Stadt verlassen."

"Von der Met im Stich gelassen"

Die, die da sind, sind frustriert. Und kämpfen um ihr Geld. Vom Management der Met fühlen sie sich im Stich gelassen, sagt der Vorsitzende des Opern-Komitees, Brad Gemeinhardt. "Anstatt mit uns zusammenzuarbeiten, hat sich die Met entschieden, unsere Gehälter auszusetzen und unsere Verträge dauerhaft zu verschlechtern."

Anders ist es aus der Sicht von Opernchef Peter Gelb. Der Manager will das Haus retten, das er seit 15 Jahren leitet: "Je härter es wird, desto unwahrscheinlicher ist, dass ich aufgebe."

Die Met sei mit 3000 Angestellten der größte Betrieb der darstellenden Künste in den USA - mit einem Jahresbudget von 300 Millionen Dollar.

Gelb sagt: "Wir sind nicht nur ein Orchester, wir sind ein Opernhaus. Und zwar das einzige im ganzen Land, das seinen Musikern und Sängern Vollbeschäftigung bietet. So wie die Staatsoper in Berlin oder die Bayerische Staatsoper in München."

Met-Budget ist angespannt

Nur dass es im Moment nicht zahlen könne - solange es keine Vorstellung gibt, sagt Manager Gelb. Schon vor der Pandemie war das Met-Budget angespannt. Jetzt sei es ein Desaster: Es gebe keine Touristen, keine Subventionen, kein Stimulus-Geld - nur ein paar Sponsoren. Die Oper habe die Wahl: Entweder man müsse etwas ändern oder eingehen, so Gelb.

"Wir verhandeln gerade  mit den Gewerkschaften über neue Vertragsbedingungen. Wir sind an Zusagen gebunden, die es der Met unmöglich machen würden, dass sie in den nächsten Jahren überlebt. Denn es wird eine Weile dauern, bis das Publikum zurückkommt."

Heißt, wenn der Lohn wieder fließen soll, muss er kleiner werden. Gelb erklärt: "Wir haben Kürzungen von rund 30 Prozent vorgeschlagen - und zwar der Lohn- und Nebenkosten der Orchestermusiker, des Chors und der Bühnenarbeiter. Für den Einzelnen macht das aber etwa lediglich 20 Prozent weniger Lohn aus."

Sanierung dauert lange

Stimmen die Musiker zu, bekommen sie wieder ihr Geld. Sie gehörten dann immer noch zu den bestbezahlten Künstlern der Welt.

Doch ganz so einfach ist nicht, sagt Verhandler Gemeinhardt: "Diese Kürzungen sollen permanent sein, und da liegt der Streitpunkt: Wir sind bereit, einige Zugeständnisse zu machen, bis die Met wieder läuft und sich finanziell stabilisiert hat. Aber dann müssen die Musiker wieder das verdienen, was sie vorher hatten."

Das will Opernchef Gelb ihnen nicht versprechen. Das Sanierungskonzept brauche langen Atem, sagt der Manager, der nach eigenen Angaben seit einem Jahr auch auf sein Gehalt von umgerechnet über einer Million Euro verzichtet. Solange, bis der normale Betrieb wieder laufe. Es sei nicht damit getan, dass die Ticket-Schalter voraussichtlich im September wieder öffnen. Auch dann werde es dauern, bis Einheimische und Touristen zurück in die Säle kommen, sagt Gelb.

Sorgen um das künstlerische Niveau

Die Musiker haben ein Stück von ihrer Identität verloren, sagt Cellistin Figueroa. Sie und ihre Kollegen sorgen sich um das künstlerische Niveau. Wenn es weniger Geld gibt, könnten viele gehen, fürchten sie. Das Management könne das nicht riskieren.

"Da kann man nicht einfach vom Orchester zehn bis 20 Leute verlieren und denken: Das ist ein Organismus. Da reiße ich mal schnell die Niere raus, und das funktioniert noch."

Doch die gebürtige Sächsin hat Hoffnung. Und ans Gehen denkt sie nicht. Außerdem hat sie diese Krise zumindest das gelehrt: Es macht Spaß, im Central Park zu spielen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 09. März 2021 um 11:55 Uhr.