Eine Unterstützerin hält einen Fächer mit der Aufschrift "#FreeBritney in die Höhe" (Foto vom 17.05.2021). | REUTERS

Prozess um Britney Spears Von der Pop-Sängerin zur Symbolfigur

Stand: 29.09.2021 13:08 Uhr

Irritierende Botschaften auf ihrem Instagram-Kanal traten eine Bewegung los: Dass sich im Vormundschaftsprozess von Britney Spears nicht nur Fans mit der Sängerin solidarisieren, liegt auch an ihrem Status als mehrfache Symbolfigur.

Von Katharina Wilhelm, ARD-Studio Los Angeles

Wird Britney Spears gegen ihren Willen zu Hause festgehalten? Kommuniziert die US-Sängerin mit Rosen und T-Shirt-Farben mit ihren Fans? Diese und andere Theorien hatten ihre Fans aufgestellt. Ausgangspunkt war ein Podcast zweier Comediennes aus Los Angeles, die Spears' Instagram-Kanal analysierten, weil er ihnen merkwürdig vorkam.

Katharina Wilhelm ARD-Studio Los Angeles

"Sie war immer nur allein zu Hause zu sehen - jetzt, nach den vielen Enthüllungen, wissen wir, dass sie von der Kommunikation abgeschnitten war und so wohl wirklich mit geheimen Botschaften nach außen kommunizieren wollte", sagte Tess Barker, eine der beiden Podcasterinnen.

Mit ihren Recherchen begründeten sie den Hashtag #FreeBritney - einen Aufruf, die Vormundschaft ihres Vaters Jamie Spears über die Sängerin zu beenden.

Entmündigt - und trotzdem weiter auf der Bühne

Nach psychischen Zusammenbrüchen im Jahr 2008 war Spears entmündigt worden - trat aber weiterhin öffentlich auf, gab Shows, ging auf Konzerttourneen. Nicht nur die Fans zweifelten irgendwann daran, dass es dabei mit rechten Dingen zuging.

Auch die "New York Times" beschäftigte sich in der Dokumentation "Framing Britney Spears" hintergründig mit dem Fall: Die Journalisten konnten erstmals nachweisen, dass Spears bereits seit dem Jahr 2014 versuchte, ihren Vater als Vormund loszuwerden. 

Ein Britney-Spears-Fan hält ein Plakat und eine Handyhülle mit ihrem Konterfei vor dem Gericht in Los Angeles in die Höhe (Foto vom 14.07.2021). | REUTERS

Wenn in Los Angeles die Klage gegen die Vormundschaft vor Gericht verhandelt wird, sind die Fans von Britney Spears da - mit Unterstützungsbotschaften in allen Formen. Bild: REUTERS

"Ich bin traumatisiert"

Im Juni 2021 äußerte sich die Sängerin per Telefonschalte vor Gericht zu ihrem Fall und bestätigte die Vermutungen ihrer Fans:

Ich habe gelogen und der Welt gesagt, ich bin okay. Das war eine Lüge. Ich bin traumatisiert, ich bin wütend, und deprimiert!

In dem Gerichts-Telefonat, dessen Mitschnitt geleakt wurde, beschuldigt die Sängerin ihren Vater und ihr Management unter anderem, sie zum Arbeiten gezwungen zu haben. Ihr sei außerdem verboten worden, zu heiraten und weitere Kinder zu bekommen. 

"Ich sollte nicht in einer Vormundschaft sein, wenn ich für mich arbeiten und andere Leute bezahlen kann. Das ergibt keinen Sinn, die Gesetze müssen sich ändern!", sagte sie. "Mein Management und mein Vater, die gehören ins Gefängnis!"

Debatte über Vormundschaftssystem

Seit Britney Spears' Fall in der Öffentlichkeit bekannt wurde, wird in den USA vermehrt über das System von Betreuung und Vormundschaft gesprochen. Und über Missbrauch an den Entmündigten, der darin stattfinden kann.

"Die meisten Menschen, die das Thema betrifft, sind in der amerikanischen Gesellschaft unsichtbar. Es sind Seniorinnen und Senioren, Menschen mit einer Behinderung. Leute, die keine Armee an Fans hinter sich haben", sagt Tess Barker, die weitere Fälle von Vormundschaftsmissbrauch entdeckt hat. "Wenn man überlegt, wie schwer es für so einen Star war, da rauszukommen, wie schwer ist es dann für normale Leute? So schlimm das für Britney ist: Es ist gut, dass das dieses Thema Aufmerksamkeit bekommt - und somit die Leute, die sonst keine eigene Plattform besitzen."

Umgang mit weiblichen Stars vor #MeToo

Dass der Fall Spears so große Aufmerksamkeit erhält, liegt auch daran, dass er etliche gesellschaftspolitische Facetten hat: Britney Spears ist für viele mittlerweile eine Art Symbolfigur für die Zeit vor #MeToo. Interviews aus den frühen 2000er-Jahren, in denen die damals minderjährige Sängerin etwa nach ihren Brüsten gefragt wird, wirken im Rückblick deplatziert - damals war die Frage geradezu typisch für den Umgang von Boulevardmedien mit prominenten Frauen.

Die "New York Times"-Kolumnistin Jessica Bennett meint in einem Interview mit dem Radionetzwerk NPR, dies seien Zeugnisse einer Medienkultur, die von einem männlichen Blick geprägt wurden. Die Jagd der Paparazzi und die Häme der Medien nach ihren Abstürzen wäre heute kaum noch so denkbar.

Fotografen umringen 2007 ein Auto von Britney Spears. | picture-alliance/ dpa

Maximale Öffentlichkeit, maximale Beobachtung: Jeder Schritt und jede Krise von Britney Spears wird seit Jahren in der Öffentlichkeit ausgebreitet - hier kommt sie 2007 von einer Verhandlung über das Sorgerecht für ihre Kinder. Bild: picture-alliance/ dpa

"Free Britney Act" in Planung

Britney Spears hat indirekt auch eines geschafft, was in der Gesellschaft und im Politikbetrieb der USA derzeit ungewöhnlich ist: Einigkeit. Republikanische und demokratische Politiker haben gemeinsam den sogenannten "Free Britney Act" entworfen. Dieser soll Menschen, die unter einer gesetzlichen Vormundschaft oder einer Betreuung stehen, mehr Rechte einräumen - zum Beispiel die Möglichkeit, einen unabhängigen Betreuer zu ernennen. So soll Missbrauch in einer Vormundschaft verhindert werden. 

Unklar ist noch, wie die nächste Anhörung ausgehen wird: Britneys Vater Jamie Spears hatte kürzlich die Beendigung der Vormundschaft beantragt, auch ihr neuer Anwalt Mathew Rosengart will ihren Vater möglichst schnell absetzen.

Podcasterin Tess Barker glaubt, dass die Richterin dem Antrag des Vaters folgen wird: Die mediale Aufmerksamkeit und die Proteste hätten ihrer Meinung nach zu viel Druck aufgebaut, als dass er sich als Vormund halten könne.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. September 2021 um 12:54 Uhr.