Symbolbild mit Dosen des russischen Impfstoffs Sputnik V | dpa

Streit um Sputnik V Russen wollen brasilianische Behörde verklagen

Stand: 30.04.2021 01:59 Uhr

Der Streit zwischen Russland und Brasilien um den Impfstoff Sputnik V eskaliert. Nachdem die brasilianischen Behörden das Vakzin abgelehnt hatten, bereitet man in Russland nun eine Verleumdungsklage vor.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

Der Streit um den russischen Impfstoff Sputnik V erreicht eine neue Ebene. Der Hersteller des Vakzins hat angekündigt, die Anvisa, die brasilianische Behörde für Arzneimittel, wegen Verleumdung zu verklagen. Aus russischer Sicht verbreitet die Anvisa wissentlich falsche Informationen. Der russische Fonds für Direktinvestitionen, der Sputnik V weltweit vermarktet, vermutet dahinter politische Einflussnahme.

Ivo Marusczyk ARD-Studio Buenos Aires

Die Anvisa hatte am Montag eine Zulassung für Sputnik V abgelehnt. Die Behörde meldete schwere Zweifel an dem russischen Impfstoff an. In dem Bericht ist von inhärenten Risiken und schwerwiegenden Mängeln die Rede. Diese Kritik geht also weit über die oft geäußerten Zweifel an den Daten zur Wirksamkeit hinaus. Aus Sicht der brasilianischen Behörde kann der Sputnik-Hersteller die Qualität des Impfstoffs nicht garantieren, auch die Herkunft der Grundstoffe könne nicht nachvollzogen werden. Russland habe einem brasilianischen Team außerdem nicht alle versprochenen Produktionsstätten gezeigt.

Heikle Kritik der brasilianischen Aufsicht

Es gibt aber noch einen weiteren, sehr heiklen Kritikpunkt. Die Anvisa behauptet, Sputnik V sei nicht so sicher wie von Russland behauptet. Sputnik V ist - wie das Vakzin von AstraZeneca - ein Vektorimpfstoff. Das heißt, ein anderes Virus, in diesem Fall ein Adenovirus, dient als "Transportmittel", um den Bauplan der Spike-Proteine des SARS-CoV2-Erregers in die Zellen zu bringen. So lösen sie eine Immunantwort des Körpers aus. Diese Adenoviren sind dabei so verändert, dass sie sich nicht mehr vermehren können, sie müssten also harmlos sein.

 

Doch die brasilianischen Arzneimittel-Kontrolleure kommen zum Schluss, dass das bei Sputnik V verwendete Adenovirus sich noch vermehren könnte. Damit bestehe die Gefahr, dass dieses Virus Krankheiten oder sogar Todesfälle auslöst, heißt es im Bericht der Anvisa.

Anvisa genießt weltweit guten Ruf

Der Hersteller von Sputnik V widerspricht. Die brasilianische Behörde könne gar nicht beurteilen, ob das Adenovirus in Sputnik V replikationsfähig ist. Denn sie habe gar keine Impfstoff-Proben für so eine Untersuchung erhalten. Hier liege also ein klarer Fehler der Behörde vor. Allerdings genießt die Anvisa weltweit einen guten Ruf, in Brasilien gibt es viel Know-How zu Impfstoffen.

Mehr als die Hälfte der Bundesstaaten und auch die Zentralregierung Brasiliens hatten Sputnik-Impfstoff bestellt, insgesamt 40 Millionen Impfdosen. Diese Impfdosen dürfen jetzt nicht nach Brasilien geliefert werden. Brasilien impft derzeit vor allem mit CoronaVac, einem in China entwickelten Vakzin, und mit AstraZeneca, es gibt aber große Probleme mit dem Nachschub. Immer wieder muss die Impfkampagne unterbrochen werden.

In Brasilien sind seit Ausbruch der Pandemie 400.000 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben. Die Zahl neuer Fälle geht inzwischen leicht zurück, die Intensivstationen sind aber noch völlig überlastet. Ein Untersuchungsausschuss des Senats beschäftigt sich seit dieser Woche mit der Frage, welche Verantwortung die Regierung von Präsident Jair Bolsonaro trägt. Bolsonaro hatte das Virus von Anfang an immer kleingeredet und versucht, Schließungen und Ausgangssperrungen wegen der Pandemie zu verhindern.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 30. April 2021 um 12:13 Uhr.