Ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens verabreicht einer Frau im Stadttheater von Rio de Janeiro, in dem sich eine Impfstelle  befindet, eine Dosis des Impfstoffs gegen Covid-19. | dpa

Brasilien Keine Angst vor Impfungen

Stand: 23.11.2021 05:04 Uhr

Mag Brasiliens Präsident Bolsonaro noch so sehr über Corona-Impfstoffe herziehen: Im Land entspannt sich die Lage zusehends. Die aktuellen Fallzahlen liegen deutlich unter denen Deutschlands. Woran liegt das?

Von Jaris Lanzendörfer und Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

In Rio de Janeiros wichtigstem Covid-Krankenhaus ist vor wenigen Tagen der vorerst letzte Patient aus der Notaufnahme entlassen worden. Während er beide Daumen nach oben hob, schoben drei Pfleger den 70-jährigen Adelino Gomes Silva Filho per Rollstuhl symbolisch aus dem Ronaldo-Gazolla-Krankenhaus. Rund fünfzig Pflegefachkräfte standen dabei Spalier und klatschten für ihn.

Wäre er nicht zweimal geimpft gewesen, wäre der Mann laut eigener Aussage gestorben. "Die Leute, die sich nicht impfen lassen wollen, sind verrückt", sagte Gomes.

In Brasilien kehrt der Alltag zurück: Die Promenade der Copacabana ist voller Menschen, in den U-Bahnen herrscht dichtes Gedränge. Das Land scheint die Corona-Krise immer besser in den Griff zu bekommen. Am Sonntag meldete das Gesundheitsministerium 8833 Neuinfektionen. Zwar sind die Schutzmasken, die die Bürger weiterhin tragen, ein Symbol dafür, dass Covid-19 noch nicht vorbei ist, aber die Zahl der Neuinfektionen und der Toten liegt mittlerweile deutlich unter den Zahlen vom April dieses Jahres, dem Höhepunkt der Pandemie im Land.

Brasilien überholt Deutschland

Corona hat das Land schwer getroffen: Inzwischen sind wegen der Pandemie rund 600.000 Menschen in Brasilien gestorben, der populistische Präsident Jair Bolsonaro blockierte zudem wichtige Impf-Verträge mit dem Hersteller Pfizer und lieferte sich eine Schlammschlacht mit dem Gouverneur São Paulos, João Doria, über Impfstoffe. Dazu kamen Lieferengpässe für die Vakzine, auch weil die großen Industrienationen im Frühjahr viele Impfstoffe für sich horteten.

Dennoch haben mittlerweile 76 Prozent der Brasilianer zumindest eine Dosis erhalten, mehr als in Deutschland (70,5 Prozent, Stand: 22.11.2021). Impfchampion ist der Bundesstaat São Paulo, dort sind, laut Gesundheitsbehörde, mittlerweile alle Erwachsenen mindestens einmal geimpft, da Gouverneur Doria eigenständig Vakzine anschaffte. Er wollte nicht länger auf Bolsonaro warten.

Impfskepsis? Gibt es kaum

"Die brasilianische Bevölkerung erkennt die Wichtigkeit der Impfungen an", sagt Julival Riberio, ein Spezialist für Infektionskrankheiten. "Jetzt, wo die Impfungen zu haben sind, nehmen die Brasilianer sie wahr."

Sogar Anhänger von Bolsonaro machen das, obwohl dieser vor einigen Monaten meinte, dass die Impfungen Menschen in Krokodile verwandeln könnten. Es scheint, als sei der wichtigste Mann Brasiliens der einzige Impfgegner in diesem Land.

Erfahrungen mit großen Impfkampagnen

Das hat auch mit Erfahrungen aus der Vergangenheit zu tun: Krankheiten wie Tuberkulose oder der Schweinegrippe konnten dank erfolgreicher Impfkampagnen bekämpft werden. Dazu kommt: Die Impfkampagne ist in Brasilien unkompliziert organisiert. Das Land verfügt über ein flächendeckendes Netz aus Gesundheitsstationen, dazu wurden Theater, Museen oder Supermarktparkplätze zu Impfstationen.

Erst am Wochenende organisierte die Stadt Rio de Janeiro einen großen Impftag auf dem Aterro de Flamengo: Die Hauptverkehrsader der Stadt wurde am Wochenende gesperrt. Jeder, der noch nicht vollständig geimpft war, bekam hier die zweite Dosis.

Und nun die "größte Karnevalsfeier der Geschichte"?

Die Brasilianer haben laut Experte Ribeiro das Gefühl, dass das Schlimmste geschafft ist. Unter anderem deshalb und wegen den niedrigen Infektionsraten hat der Gesundheitsminister von Rio de Janeiro, Daniel Soranz, kürzlich die "größte Karnevalsfeier der Geschichte" für Ende Februar angekündigt.

Doch Infektionsspezialist Ribeiro mahnt, dass der Impfschutz nach sechs Monaten nachlässt und es zu früh sei, um große Partys, insbesondere Silvester und Karneval zu feiern. Brasilien empfange in dieser Zeit Touristen aus aller Welt und niemand könne garantieren, dass durch die großen Menschenansammlungen keine neuen Varianten entstehen. "Was in Europa mit den ganzen Massenveranstaltungen passiert, sollte der Welt eine Lehre sein."

Damit sich aus den niedrigen Fallzahlen keine neue Welle wie letztes Jahr ergibt, muss laut Ribeiro weiterhin geimpft werden. Er appelliert deshalb, dass man nur als Gemeinschaft Covid-19 besiegen könnte - jeder sollte sich impfen lassen.

Unterstützend soll dabei die Drittimpfung sein, die Gesundheitsminister Marcelo Queiroga vergangenen Dienstag in Brasília für alle ab 18 Jahren angekündigt hat. Ribeiro hält es allerdings für wichtig, dass die dritte Dosis zuerst an gefährdete Brasilianer wie ältere Menschen oder Patienten in einer Chemotherapie verteilt wird. Diese seien aus medizinischen Gründen am ehesten darauf angewiesen.

Über dieses Thema berichtete SWR2 am 07. Juni 2021 um 16:05 Uhr.