In der Favela Jardim Gramacho in Rio de Janeiro (Brasilien) stehen Menschen um Lebensmittelspenden an | AP

Auf Corona folgt Hunger Brasiliens zweite Epidemie

Stand: 25.12.2021 08:16 Uhr

Die Corona-Pandemie traf Brasilien hart - viele Menschen starben, aber viele verloren eben auch ihre Arbeit und rutschten in die Armut. Unter ihnen grassiert jetzt eine neue Epidemie: der Hunger.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

Valéria Sabina macht ihren Kühlschrank auf. Er ist fast leer, bis auf eine Flasche Wasser, einen Topf mit gekochten Bohnen, eine noch grüne Tomate und ein bisschen Salz. Sie habe kein Geld, stellt sie fest, es reiche einfach für nichts mehr. Früher hätten sie Arbeit und ein Auskommen gehabt - jetzt seien sie auf Essensspenden angewiesen. Und sie erzählt von anderen Menschen, die ihre Habseligkeiten verkaufen müssten, weil es nichts zu essen gebe. 

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

So geht das fast allen Familien hier in der Favela Catiri in Bangu, einem Vorort im Westen von Rio de Janeiro. Deswegen ist Auricélia Mercês, die sich in der Favela ehrenamtlich engagiert, im Morgengrauen aufgestanden, um mit einem alten Fiat ins zwei Stunden entfernte Zentrum von Rio zu fahren. Dort, in einer riesigen Industriehalle, lagern Tausende Pakete mit Lebensmitteln. "Natal sem fome", steht darauf, "Weihnachten ohne Hunger". Landesweit werden 1500 Tonnen Lebensmittel verteilt, es ist die größte Spendenaktion seit Jahren. 

"Der Hunger ist groß", sagt Auricélia, und das schmerze. Zuerst hätten die Menschen geweint, weil sie in der Pandemie ihre Liebsten verloren haben, jetzt weinten sie, weil sie nichts zu essen haben: "Sie können es sich nicht mehr leisten. Denn fast alle haben während der Pandemie ihre Arbeit verloren."

Der Hunger ist zurück

Eine zweite Epidemie greift um sich in Brasilien - der Hunger. Für mehr als 100 Millionen Brasilianer, also die Hälfte der Bevölkerung, ist die Ernährungssicherheit nicht gewährleistet. Das heißt: Bestimmte Lebensmittel wie Fleisch, Milchprodukte oder Gemüse kommen nicht mehr auf den Tisch, die Qualität des Essens nimmt ab, und das führt zu Mangelernährung.

20 Millionen Menschen leiden direkt an Hunger. Daniel Souza, Vorsitzender der NGO "Ação da Cidadania" weiß, dass Brasilien schon vor der Pandemie ein Hungerproblem hatte, nachdem in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Programmen abgebaut worden seien, mit denen Brasilien den Hunger erfolgreich bekämpft habe. Die Daten für 2018 und 2019 zeigten, dass die Hungersnot bereits da war - "die Pandemie hat sie nun massiv verschlimmert".

Die Errungenschaften verworfen

In den 1990er-Jahren begann Brasilien, Programme gegen den grassierenden Hunger aufzulegen, unter der Regierung von Ex-Präsident Lula da Silva wurden sie ausgebaut, finanziert auch durch den Rohstoffboom der 2000er-Jahre. Dank höherer Mindestlöhne, Transferzahlungen für arme Familien und dem Ausbau der Schulmahlzeiten konnte der Hunger besiegt werden. 2014 strich das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen Brasilien von seiner Weltkarte.

Nun ist der Hunger zurück. Valéria Sabina ist vor allem wütend auf die Regierung von Jair Bolsonaro. Als dieser ins Amt kam, sei alles noch schlimmer geworden, vor allem für die Armen. Sie habe immer für sich sorgen können, aber jetzt sei es "kritisch".

"Der politische Wille fehlt"

Während der Pandemie explodierten die Lebensmittelpreise, auch weil die Landeswährung, der Real, massiv an Wert verlor. Allein der Preis für Reis stiegt um 70 Prozent, Öl um 30 Prozent. Zwar legte die Regierung zu Beginn der Pandemie ein Hilfsprogramm auf, inzwischen aber wurde es stark eingeschränkt - der politische Wille fehle, sagt Auricélia Mercés. 100 Pakete mit Grundnahrungsmitteln hat sie von Rios Zentrum in die Favela gebracht und verteilt, damit wenigstens zur Weihnachten etwas auf dem Tisch steht.

Brasilien, kritisiert sie, lebe "in einem sozialen Abgrund", und sie fragt, wie es sein könne, dass in einem reichen Land, das Lebensmittel in die ganze Welt exportiert, immer noch Menschen Hunger leiden.

Mercés spricht den Kontrast an zu dem, was die Menschen zu Weihnachten im TV sähen, überall Essen in den Shows und in der Werbung. "Die Leute blicken auf ihre eigene Realität und haben nichts, das tut weh." Gegen diese Ungerechtigkeit kämpften sie und ihre Mitstreiter - "wir glauben einfach, dass es eine bessere Welt geben kann".

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 23. Dezember 2021 um 17:52 Uhr.