Männer tragen den Sarg mit den sterblichen Überresten des Briten Philips oder seines Begleiters auf einem Flughafen in Brasilia (Brasilien) | AFP
Weltspiegel

Bedrohte Journalisten in Brasilien Mit allen Mitteln

Stand: 19.06.2022 01:43 Uhr

Die Morde an dem Briten Phillips und seinem Begleiter Pereira zeigen, wie gefährlich die Arbeit für Journalisten in Brasilien geworden ist - vor allem dort, wo es ungelöste Umwelt- oder Landkonflikte gibt.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Mit steinerner Miene heben sechs Polizisten den ersten der beiden braunen Holzsärge aus dem Flugzeug der Bundespolizei. In ihm befinden sich menschliche Überreste. Sie stammen allem Anschein nach von dem britischen Journalisten Dom Phillips und seinem brasilianischen Begleiter, dem Indigenen-Experten Bruno Pereira.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Die Särge wurden mit einem Jet der Bundespolizei aus dem abgelegenen brasilianischen Grenzort Atalaia do Norte zur DNA-Analyse nach Brasilia gebracht, um letzte Gewissheit über ein brutales Verbrechen zu erlangen.

Mord aus Rache?

Am 5. Juni waren Phillips und Pereira auf dem Rückweg von einer Recherchereise auf dem Fluss Itaquai nahe der Grenze zu Peru spurlos verschwunden. Phillips wollte ein Buch über die Bedrohung des Amazonas und illegale Invasoren schreiben. Die Polizei nahm einen lokalen Fischer als Tatverdächtigen fest. Als kurz darauf Phillips' Rucksack und Pereiras' Gesundheitsausweis am Flussufer gefunden wurden, gab der Verdächtige zu, die beiden erschossen, verbrannt und vergraben zu haben.

Der Mann führte die Polizei zu dem Ort des Verbrechens. Indigene sagten aus, Phillips und Pereira hätten zuvor - zusammen mit einer indigenen Patrouille - eine Gruppe Krimineller auf frischer Tat beim Fischen oder beim Drogenhandel ertappt. Offenbar wollte sich der Tatverdächtige an ihnen rächen.

Bolsonaros Erklärungen

Während die Angehörigen trauern und Brasiliens Journalisten fassungslos sind, schien Präsident Jair Bolsonaro die Schuld für das grausame Verbrechen vor allem bei Phillips und Pereira zu suchen. Er sprach zynisch von einem "Abenteuer" der beiden, die "in dieser Region unerwünscht waren, weil sie immer wieder Berichte gegen Goldgräber und über Umweltverbrechen veröffentlicht hatten".

Die Aussagen kommen für Marcelo Beraba, den Präsidenten des brasilianischen Verbands der Investigativ-Journalisten (Abraji), nicht überraschend: "Seit Bolsonaros Amtsantritt 2019 erleben wir mehr Bedrohungen, Einschüchterungen und körperliche Gewalt gegen Journalisten."

Dom Phillips spricht mit zwei indigenen Männern in Aldeia Maloca Papiú im Bundesstaat Roraima/Brasilien. (Bild vom 16.11.2019) | AFP

Dom Phillips berichtete aus dem Amazonasregenwald über die Rechte Indigener.  Bild: AFP

Gefahr an der Agrargrenze

Übergriffe auf Journalisten, Indigene oder Umweltschützer passieren besonders häufig im Hinterland Brasiliens, wo Kriminelle Holz fällen, nach Gold schürfen oder mit Drogen handeln. Aber auch an den Orten, an denen die Agrargrenze verläuft. Dies hat ein ARD-Team 2019 im Bundesstaat Bahia erlebt - bei Dreharbeiten für den Weltspiegel in der Region Matopiba über einen Landkonflikt zwischen Soja-Exporteuren und alteingesessenen Bauern.

Mitten in ein Interview mit einem Kleinbauern platzten plötzlich drei mit Maschinengewehren bewaffnete Männer mit Schutzwesten. Sie schrien: "Runter mit der Kamera!" Die Dreharbeiten sollten abgebrochen werden. Das ARD-Team wurde mit dem Finger am Abzug eingeschüchtert.

Erst nach einiger Zeit gaben sich die Männer als Militärpolizisten zu erkennen. Einen Durchsuchungsbefehl für das Haus des Kleinbauern hatten die Angreifer jedoch nicht dabei. Es handele sich um "geheime Ermittlungen", sagten sie.

Zweierlei Recht

Für den Investigativ-Journalisten Beraba ist dies ein Fall, wie er häufig in Brasilien vorkommt. "Überall dort, wo sich die Agrarindustrie ausbreitet, kommt es zu Konflikten mit Alteingesessenen. Manche Großagrarier fühlen sich dort berechtigt, zu allen Mitteln zu greifen."

In der Region Matopiba breiten sich seit den 1990er-Jahren Soja-Exporteure aus, die mit Kleinbauern in Konflikt um Land geraten. Der lokale Agrar-Verbandspräsident Celestino Zanella, selbst ein Soja-Exporteur, erklärt freimütig, dass Landwirte wie er "ein Abkommen mit der Militärpolizei geschlossen haben, die unsere Fazendas beschützt".

Und er ergänzt: "Wir schützen uns aber auch auf eigene Rechnung." Haben Soja-Farmer Militärpolizisten außerhalb der Dienstzeit angeheuert - ohne gesetzliche Grundlage?

Keine Erklärung - auch Jahre danach

Die ARD meldete der Militärpolizei von Bahia den Vorfall offiziell und forderte Aufklärung, unterstützt von deutschen Diplomaten. Doch bis heute, drei Jahre später, liegt kein Ergebnis der internen Polizei-Untersuchungen vor.

Bis dato ist also unklar, ob es sich um einen rechtmäßigen Einsatz handelte oder einen illegalen Einschüchterungsversuch gegen Kleinbauern und Journalisten.

Ein weiterer Vorfall ereignete sich 2021 am brasilianischen Nationalfeiertag. Nach einer Massendemonstration von Bolsonaro-Anhängern in der Hauptstadt Brasilia begannen am 7. September einige Unterstützer des Präsidenten, mit Gewalt Kameramänner abzuführen.

Auch das ARD-Team, das sich gerade auf eine Schalte mit Tagesschau24 vorbereitete, wurde von einem Mob getreten und weggedrängt. Dabei wurde ein Mikrofon gestohlen. Obwohl sich diese Szene nur wenige hundert Meter vom Parlament entfernt abspielte, war nirgendwo ein Polizist zu sehen, der hätte eingreifen können.

Überfall der Militärpolizei Bahia auf Journalisten.  | ARD, Rio de Janeiro

So näherten sich 2019 Bewaffnete dem ARD-Team - der Vorfall ist bis heute nicht aufgeklärt. Bild: ARD, Rio de Janeiro

Die Wächter des Amazonas in Gefahr

Die zunehmende Gewalt gegen Journalisten in Brasilien hat den Briten Dom Phillips und seinen Begleiter Bruno Pereira im Amazonas nun offenbar das Leben gekostet. In einem Gebiet, in dem illegale Goldgräber, Holzfäller oder Drogenkuriere sich immer weiter ausbreiten.

An vorderster Front stehen dabei vor allem Brasiliens Indigene. Sie verstehen sich als Wächter des Amazonas - und geraten dadurch in Konflikte mit den Kriminellen, die sie immer wieder mit dem Tod bedrohen.

Karte: Brasilien mit Javari-Tal

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 19. Juni 2022 um 18:30 Uhr.