Drei Leute verladen in Manaus eine grüne Sauerstoffflasche für an Covid-19 erkrankte Angehörige auf ihren Stauraum. |

Corona-Krise in Manaus Drei Tage Schlammpiste für etwas Sauerstoff

Stand: 28.01.2021 04:30 Uhr

Trotz internationaler Hilfe fehlt es im brasilianischen Manaus weiter an medizinischem Sauerstoff. Hilfskonvois kommen nur langsam voran - und gegen eine Verlegung der Kranken gibt es Widerstand.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Buenos Aires

Der Sauerstoff-Konvoi brauchte drei Tage. Drei Tage für gut 800 Kilometer durch den Urwald. Denn die BR-319, die einzige Straße, die Manaus mit dem Rest Brasiliens verbindet, gilt seit Jahren als unpassierbar. Die in den 1970er-Jahren gebaute Straße ist längst zugewuchert, an vielen Stellen weggespült, eine abenteuerliche Schlammpiste durch einen entlegenen Teil des Amazonas-Regenwalds.

Ivo Marusczyk ARD-Studio Buenos Aires

Trotzdem hatte die Regierung einen Konvoi aus sieben Lastwagen, begleitet von geländegängigen Autos, auf die Reise geschickt. Denn der Transport per Schiff über den Rio Madeira hätte sechs Tage gedauert - und das hätte bedeutet, dass in Manaus womöglich wieder Kranke erstickt wären, weil es in der Urwaldmetropole nicht mehr genügend Sauerstoff gibt.

Ein wenig Zeit gewonnen

Sechs von ursprünglich sieben Lastwagen erreichten am Sonntag Manaus, einer blieb unterwegs liegen und kam erst später nach. Sie brachten rund 160.000 Kubikmeter des dringend benötigten Gases nach Manaus. Damit haben die Kranken aber nur Zeit gewonnen. In den Krankenhäusern von Manaus werden derzeit Tag für Tag an die 80.000 Kubikmeter gebraucht, fünfmal so viel wie sonst. Die Anlagen vor Ort können nur rund 30.000 Kubikmeter pro Tag herstellen. Weitere Konvois sollen und müssen folgen.

Mitte Januar war das Gesundheitssystem der Urwaldstadt kollabiert. Zum zweiten Mal, nachdem Manaus schon im April, auf dem Höhepunkt der ersten Welle, zum Corona-Brennpunkt geworden war. Damals gingen Bilder von Massengräbern um die Welt, die in der lehmigen Erde ausgehoben wurden. Diesmal waren es die Bilder von Menschen mit grünen Stahlzylindern, die verzweifelt auf eine Füllung der Sauerstoffflaschen für ihre Angehörigen hofften.

Im brasilianischen Manaus stehen Menschen um Sauerstoff an | dpa

Überlebenswichtig - und weiterhin Mangelware: In Manaus stehen Menschen um medizinischen Sauerstoff an Bild: dpa

"Astronomische Patientenaufkommen"

"Eine eigentlich so einfache Sache wie Sauerstoff geht plötzlich aus - da verliert man den Glauben. Klar, das liegt an dem astronomischen Aufkommen von Patienten, aber dass Sauerstoff fehlt, ist nicht hinzunehmen. Das ist einfach unfassbar", sagte der Arzt Filipe Shimizu dem Fernsehsender Globo News. Die Stadt habe keine zweite Welle erlebt, sondern einen Tsunami.

Hunderte an Covid-19 erkrankte Patienten warteten vergeblich auf ein Krankenhausbett. Vor den Notaufnahmen stauten sich die Rettungswagen. Ärzte versuchten, Menschen draußen in der Krankenanfahrt zu reanimieren. Andere Kranke warteten vergeblich zu Hause auf die Sanitäter.

Es gab weder genug Betten noch Ambulanzen. Und vor allem nicht genügend Sauerstoff. Am 14. und 15. Januar, auf dem Höhepunkt der Sauerstoff-Krise, sollen in Manaus allein 31 Menschen erstickt sein, die mit genügend Sauerstoff wahrscheinlich überlebt hätten, rechnet das Nachrichtenportal G1 vor und beruft sich auf Unterlagen der Staatsanwaltschaft. Am 15. Januar wurden 213 Menschen begraben - vor der Pandemie waren in Manaus rund 30 Bestattungen am Tag die Regel.

Im brasilianischen Manaus werden Corona-Tote beigesetzt | AFP

Im brasilianischen Manaus werden Corona-Tote beigesetzt. Bild: AFP

Die Hilfe kommt nur mit Schwierigkeiten

Erst nach diesen dramatischen Hilferufen kam der Nachschub allmählich in Gang. Die Luftwaffe flog Sauerstoffflaschen nach Manaus, konnte den Bedarf aber immer noch nicht decken. Ein größeres Transportflugzeug war nicht einsatzbereit, kommerzielle Flugzeuge dürfen das brennbare Gas aus Sicherheitsgründen nicht transportieren.

Der chronische Krisenstaat Venezuela schickte Lastwagen mit Sauerstoff nach Manaus - denn von dort gibt es eine gut ausgebaute Straße. Ein Propagandaerfolg für Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro - für Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro muss Venezuela sonst immer als Negativbeispiel herhalten. In Manaus zeigt sich dagegen das Versagen der brasilianischen Corona-Politik.

Ein Militärflugzeug liefert in Manaus Hilfsgüter für die Versorgung von Covid-19-Patienten | AFP

Militärflieger müssen Hilfe für Covid-19-Patienten liefern - doch auch hier müssten viel mehr eingesetzt werden. Bild: AFP

Eine Stadt wie ein "Freiluft-Labor"

200 schwer erkrankte Corona-Patienten wurden inzwischen in andere Bundesstaaten ausgeflogen. Doch die Krankenhäuser von Manaus sind schon wieder völlig überfüllt und überfordert. Gesundheitsminister Eduardo Pazuello will 1500 weitere Kranke verlegen lassen. Dagegen regt sich Widerstand im Rest des Landes. Denn im Amazonasgebiet ist die brasilianische Mutation des Coronavirus zuerst aufgetaucht.

Ob diese Mutation dafür verantwortlich ist, dass das Virus in Manaus sich seit Anfang Januar so schnell ausbreitet, ist noch nicht erforscht. Eigentlich waren Ärzte davon ausgegangen, dass in Manaus nach der ersten Welle schon praktisch Herdenimmunität erreicht sei.

Der Epidemiologe Jesem Orellano vom angesehenen Fiocruz-Institut nennt Manaus "ein Freiluft-Labor, in dem das Virus frei grassiert". Dem Radiosender RFI sagte er, in den ärmeren Vierteln von Manaus lebe jeder, als gebe es keine Pandemie. Abstand, Händedesinfektion oder Masken gebe es nicht.

Ähnlich schlimme Szenen wie in Manaus spielen sich inzwischen wohl auch in den anderen, kleineren und noch entlegeneren Städten des Amazonasgebiets ab. "Wir haben viele Tote zu beklagen. Und nicht nur das: Viele leiden Hunger", sagt Johannes Bahlmann, der aus Deutschland stammende Bischof von Óbidos.

Ernst der Lage verkannt

Dabei gab es schon am 8. Januar Warnungen, dass der Sauerstoff in Manaus zur Neige geht. Erst am 15. begann man aber, Patienten auszufliegen. Deswegen wurden jetzt Ermittlungen gegen Gesundheitsminister Pazuello eingeleitet. Der Ex-General wurde von Präsident Bolsonaro nach Manaus geschickt, bis die Krise dort bewältigt ist.

Viele Beobachter vermuten, Bolsonaro werde Pazuello zum Bauernopfer machen. Bolsonaro hat in der Krise schon zwei Gesundheitsminister verschlissen. Beide wurden gefeuert, weil sie die Anweisungen des Präsidenten nicht Folge leisten wollten - dabei ging es etwa um den Einsatz des Malariamedikaments Cloroquin gegen Covid-19.

Brasilien hat nach den USA weltweit die meisten Toten nach einer Corona-Infektion zu beklagen: Die Johns-Hopkins-Universität zählt am 27. Januar 219.000 Tote. Trotzdem gibt es kaum Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Krankheit - Abstandsregeln werden nicht durchgesetzt oder sie verpuffen im politischen Hin und Her. Mittlerweile haben Impfungen auch in Brasilien begonnen. Den Impfstoff hatte der Gouverneur von São Paulo, João Doria, gegen den ausdrücklichen Willen des Präsidenten beim chinesischen Hersteller SinoVac gekauft.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Januar 2021 um 16:00 Uhr.