Vor einem Durchfahr-Zentrum für Impfungen in Sao Paulo (Brasilien) winken sich Autoinsassen und eine Drag Queen zu | REUTERS

Corona-Pandemie Brasilien lässt sich impfen

Stand: 02.09.2021 12:52 Uhr

Während in Deutschland Impfstoff ungenutzt liegen bleibt, gibt es in Brasilien kaum Skepsis gegen die Corona-Schutzimpfung. In São Paulo sind 99 Prozent der Erwachsenen mit mindestens einer Dosis geimpft.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Auf die Frage, ob sie geimpft sei, reagiert Teresa Rodrigues lediglich mit einem Schmunzeln. "Ah, schon seit langem", erzählt die 85-Jährige aus São Paulo, die mit ihrem Mann in einem winzigen Häuschen lebt. Bedenken habe sie nie gehabt, erklärt sie. Teresa leidet seit Jahren unter den Folgen einer Tuberkulose-Infektion, die ihre Lunge befällt. Auch ihre Tochter und andere Verwandte kamen vor Jahren mit dem ansteckenden Bakterium in Kontakt und leiden noch heute unter den Folgen.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Die langwierige Belastung durch die Tuberkulose-Infektion ist ein Grund, warum Teresa - so wie die meisten ihrer Landsleute - nicht am Sinn von erprobten Impfungen zweifelt. In Brasilien scheint es insgesamt deutlich weniger Impfskeptiker zu geben als in Deutschland. Während in Europa Impfdosen liegen bleiben, verkündet Brasilien Impfrekorde, von denen die Bundesrepublik nur träumen kann: In São Paulo wurden zuletzt 99 Prozent der Erwachsenen mit mindestens einer Dosis geimpft.

Die Vakzine von BioNTech, AstraZeneca und Sinovac aus China sind hierzulande begehrte Stoffe, anstatt wie in Deutschland häufig ungenutzt in Arztpraxen abzulaufen. An manchen Tagen werden in Brasilien sogar mehr als drei Millionen Dosen geimpft.

Vor einem Durchfahr-Zentrum für Impfungen in Sao Paulo (Brasilien) stauen sich Pkw | REUTERS

Durchfahren, impfen lassen - und dann weiter in die Nacht: Vor einem Drive-thru-Zentrum für Impfungen in Sao Paulo starten sich nach Beginn der Impfkampagne für unter 21-Jährige die Pkw. Bild: REUTERS

Erfolge in der Grundversorgung

Ein Grund für die hohe Impfbereitschaft ist das Vertrauen der Brasilianer in ihr öffentliches Gesundheitssystem SUS. Auch wenn viele Brasilianer auf Operationen meist lange warten müssen, hat das SUS in der Vergangenheit zumindest bei der Grundversorgung und den Impfkampagnen Erfolge feiern können: 2010 - beim Kampf gegen die Schweinegrippe - wurde Brasilien international als Vorbild gefeiert, weil es gelungen war, in wenigen Monaten einen großen Teil der Bevölkerung zu impfen. Auch bei Gelbfieber, Grippe und zahlreichen Tropenkrankheiten impfe Brasilien problemlos und schnell, findet Teresa Rodrigues. Dagegen kommen immer wieder Touristen nach Brasilien, die ohne Impfung aufgrund einer Gelbfieber-Infektion sterben.

Teresa und ihr Mann haben jahrzehntelang - mehr schlecht als recht - vom Recycling von Dosen, Metall und Glas gelebt. Auf die sozialen staatlichen Sicherungssysteme vertrauen sie eher weniger. Auch Aufstieg durch Bildung sei nur schwer erreichbar, da die öffentlichen Schulen chronisch unterfinanziert seien. Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind auf eine der vielen privaten Schulen, da nur die eine realistische Chance auf einen der begehrten Studienplätze und damit auf sozialen Aufstieg versprechen.

Enge beeinflusst Impfbereitschaft

Die staatlichen Impfkampagnen dagegen ermöglichen allen Bürgern gleichermaßen Zugang zu lebensrettenden Vakzinen. Dass in São Paulo nun nahezu 100 Prozent der Erwachsenen mindestens mit der ersten Dosis geimpft sind, erstaunt kaum: In der Megametropole drängen sich tagtäglich Millionen Menschen stundenlang eng an eng in Bussen und Zügen, um zur Arbeit zu kommen. Die Pendler, die auf den öffentlichen Transport angewiesen sind, lassen sich deshalb nicht zweimal bitten, wenn Impfstoffe das Corona-Risiko erheblich senken.

Auch viele Anhänger von Präsident Jair Bolsonaro, der sich oft über Impfstoffe verächtlich gemacht hatte, bevorzugen den schnellen Piks in die Schulter. Den Luxus, an der Impfung zu zweifeln und sie zu verweigern, nehmen sich ganz offensichtlich deutlich weniger Brasilianer heraus als Deutsche.

Warten auf die zweite Dosis

"Wir haben allgemein Angst vor Viren", erzählt der 22-jährige Felipe Neto, der vor einem SUS-Impfzentrum in São Paulo Schlange steht, um seine erste Dosis zu erhalten. Anders als in Deutschland klafft in Brasilien jedoch eine große Lücke zwischen der Erst- und der Zweitimpfung. Das liegt auch daran, dass noch immer nicht genügend Impfstoffe zur Verfügung stehen. Es fehlen zum Beispiel noch Millionen Dosen von BioNTech/Pfizer. Brasilien hatte seine Vakzine vergleichsweise spät bestellt und wartet nun auf die restlichen Lieferungen.

Um langfristig Abhilfe zu schaffen, will auch hier der Bundesstaat São Paulo Vorreiter sein. Deshalb hat man gerade erst ein Abkommen geschlossen, damit ab 2022 der BioNTech-Wirkstoff in Brasilien produziert werden kann. Es wäre das dritte Vakzin, welches im größten Land Südamerikas hergestellt würde, um damit die jährliche Corona-Auffrischungs-Impfkampagne realisieren zu können. Man kann davon ausgehen, dass sich die Brasilianer auch dann wieder mit großer Mehrheit für den Piks in die Schulter entscheiden.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 26. Mai 2021 um 06:51 Uhr.

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KOMMENTARE

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Kaneel 02.09.2021 • 20:47 Uhr

19:52 von Wielstadt

In HH gibt es Überlegungen für Theater/Miniaturwunderland einen tageweisen Wechsel zwischen 2G und 3G Einlass anzubieten. Das fände ich einen tollen Kompromiss - die, die sich damit sicherer fühlen, können 2G wählen und die anderen werden nicht komplett ausgeschlossen. Die Frage wäre allerdings, ob sich nicht auch ein Teil der Geimpften wohler fühlt, wenn weiterhin Abstand gehalten werden kann.