Mane Garrincha Stadion in Brasilien | EPA

Copa América in Brasilien Das Turnier, das nur einer will

Stand: 13.06.2021 02:51 Uhr

Fußballverrückt? Davon ist in Brasilien vor der heute beginnenden Copa América wenig zu spüren. Denn das Land war binnen Tagen trotz breiter Kritik als Ausrichter eingesprungen - weil es vor allem der Präsident so wollte.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Es war mitten in einer Live-Sendung, als Sportkommentator Luís Roberto der Kragen platzte. Es ging Ende Mai um die spontane Zusage von Brasiliens Regierung, das älteste Fußballturnier der Welt, die Copa América auszutragen. Kurz zuvor hatten die eigentlich vorgesehenen Gastgeber Argentinien und Kolumbien absagen müssen - wegen der Corona-Lage und sozialer Unruhen.  

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro reagierte nur Stunden später und bot sein Land als Ausrichter an. Dabei ist die Corona-Situation in Brasilien weiterhin angespannt. Die Zahl der Opfer liegt knapp unter 500.000.

Deshalb polterte Luís Roberto plötzlich live im TV los: "Um Pfizer zu antworten, braucht er neun Monate – der CONMEBOL (dem südamerikanischen Verband; Anm. d. Redaktion) sagt er in zehn Minuten zu." Der Wutausbruch gegen Bolsonaro ging sofort viral und erreichte Millionen Brasilianer.  

Keine Eile mit dem Impfstoff

Hintergrund ist die viel kritisierte Impfkampagne Brasiliens. Eine parlamentarische Untersuchungskommission hatte jüngst aufgedeckt, dass der brasilianischen Regierung 2020 mehrere Angebote des Impfstoffherstellers Pfizer/BioNTech vorlagen. Dennoch reagierte Bolsonaro monatelang gar nicht. Pfizer fragte sogar bei der Botschaft Brasiliens in den USA nach, warum keine Antwort käme.

Erst im März 2021 bestellte Brasilien Millionen Impfdosen von Pfizer/BioNTech. Dadurch ging wertvolle Zeit verloren, um die Lage in dem Virusmutanten-Gebiet in den Griff zu kriegen. "Es hätten viele Menschenleben gerettet werden können", sagte die Mikrobiologin Natalia Pasternak jüngst vor der Kommission aus. 

Selbst die Fußballfans wundern sich

Jetzt findet die Copa América in vier brasilianischen Bundesstaaten statt, in denen politische Verbündete von Bolsonaro regieren. Doch der Streit um das Turnier hat längst das ganze Land erreicht. Selbst eingefleischte Fußballfans können nicht nachvollziehen, warum man das alles jetzt unbedingt durchziehen muss.

Schließlich wird die Copa América - anders als die Europameisterschaft - alle zwei Jahre ausgetragen. "Da hätte man es in diesem Jahr ruhig ausfallen lassen können", findet Renato Moraes aus Rio. Zumal ja in Südamerika derzeit zusätzlich auch die parallel stattfindende WM-Qualifikation für Katar 2022 gespielt wird.

Am Nationalstadion in Brasilia (Brasilien) bietet ein Durchfahrt-Zentrum Coronatests an. | AP

Diese Realität kann auch kein Fußballturnier vertreiben: Am Nationalstadion in Brasilia (Brasilien) bietet ein Durchfahrt-Zentrum Coronatests an. Bild: AP

Eine Angelegenheit für den Präsidenten

Doch letztlich hat sich Bolsonaro durchgesetzt und dabei auch höchstpersönlich Druck auf die Nationalmannschaft ausgeübt. Denn zeitweise lag ein Boykott der Superstars um Neymar in der Luft. Der beliebte Nationaltrainer Tite soll gegen die Copa América gewesen sein. Ihm wurde indirekt mit Rauswurf gedroht. Schließlich erklärten sich Brasiliens Ballzauberer bereit, zu spielen.  

Jedoch rumort es weiterhin innerhalb der Mannschaft. Zusammen mit Nationalmannschaftskapitän Casemiro und Marquinhos soll Neymar laut Zeitung "Folha de S. Paulo" einer der Spieler gewesen sein, die sich in einem Appell gegen das Turnier ausgesprochen haben. "Wir sind gegen die Organisation der Copa América, aber wir werden niemals Nein zur brasilianischen Nationalmannschaft sagen", heißt es darin. Also eine zähneknirschende Teilnahme aufgrund des politischen Drucks.  

Fußball statt Corona

Gut möglich, dass Bolsonaro das Turnier nutzen will, um von seinem viel kritisierten Corona-Krisenmanagement abzulenken. Bereits 2019 fand die Copa América in Brasilien statt. Am Ende lag der Präsident umringt von feiernden Spielern mit dem Sieger-Pokal auf dem Rasen. Ein klarer PR-Erfolg für den Rechtsextremen.  

Brasiliens Präsident Bolsonaro hält den Copa America nach dem Sieg Brasiliens über Peru im Finale im Juli 2019 | AFP

Ein Bild, das sich Bolsonaro nicht entgehen ließ: Mit den Spielern der "Selecao" feierte er im Juli 2019 den Siegs Brasiliens über Peru Im Finale der Copa América. Bild: AFP

Diese Bilder könnte Bolsonaro auch jetzt wieder gebrauchen, da er derzeit in Umfragen hinter seinem möglichen Herausforderer, Ex-Präsident Lula da Silva, liegt. Brasilien geht hochfavorisiert in das Turnier, das die Gastgeber heute gegen Venezuela eröffnen. 

Zuletzt hatte sich Bolsonaro auch zum Wutausbruch von Sportkommentator Luís Roberto geäußert. Dieser solle seinen Mund halten. "Es fehlt noch, dass er die Hosen runterlässt und seinen weißen Hintern zeigt", polterte Brasiliens Staatsoberhaupt. Er hat mit massivem Druck dafür gesorgt, dass der Fußball endgültig zum Politikum wurde und das größte Land Südamerikas spaltet.  

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Juni 2021 um 08:36 Uhr.