Der brasilianische Präsident Bolsonro mit Soldaten der Präsidentenwache vor dem Itamaraty Palast in Brasilia. | REUTERS

Brasilien im Wahlkampf Bolsonaro will Stärke demonstrieren

Stand: 07.09.2022 04:13 Uhr

200 Jahre Unabhängigkeit Brasiliens: Präsident Bolsonaro hat große Pläne für diesen Tag - denn es sind nur noch wenige Wochen bis zur Präsidentenwahl. An der Copacabana etwa sind acht Stunden Militäraktivitäten geplant.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

Es war ein ungewöhnlicher Gast den Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro da Ende August mit Staatsehren empfing: Das Herz von Kaiser Dom Pedro, dem Ersten, aufgebahrt in einer goldenen Urne eingelegt in Formaldehyd. "Zwei Länder, vereint durch die Geschichte, verbunden durch das Herz. Zweihundert Jahre Unabhängigkeit, und vor uns: eine Ewigkeit der Freiheit", sagte Bolsonaro bei der Ankunft der Reliquie.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Das Monarchenherz ist eine Leihgabe Portugals, anlässlich des 200.Jubiläums der Unabhängigkeit Brasiliens am 7. September - Dom Pedro I. war es damals, der 1822 mit dem berühmten "Ruf von Ipiranga" die einstige Kolonie vom Mutterland löste. Manche Historiker sprechen von einer Mogelpackung: Schließlich ermöglichte das der Adelsfamilie, Brasilien noch fast 70 Jahre als Kaiserreich weiter zu regieren.

Nationalismus und große Gesten

All das erklärt vielleicht auch, warum der Unabhängigkeitstag in Brasilien bisher eher unter dem Radar lief. Bis Bolsonaro kam und verkündete: "Gott, Vaterland, Familie! Es lebe Portugal, es lebe Brasilien!" Damit verwendete Bolsonaro übrigens wörtlich den Wahlspruch des portugiesischen Diktators des "Estado Novo", Antonio Salazar.

Kein Zufall, sagt der Historiker Lucas Pedretti: "Bolsonaro und auch die Militärs schüren Nationalismus, um Stärke zu demonstrieren. Und sich als Führer und Befreier der Nation zu inszenieren, der in der Tradition einer glorreichen Vergangenheit steht, die zwar so nie existiert hat, aber dazu dient, die Werte einer extremen Rechten zu bekräftigen, die die Welt weiterhin mit den Augen des Kalten Krieges betrachtet".

Furcht vor einem Putsch

Schon im vergangenen Jahr mobilisierte Bolsonaro am 7. September seine Anhänger, um gegen den Obersten Gerichtshof zu protestieren. Nun fällt das historische Datum in die heiße Phase des Wahlkampfes. Laut aktuellen Umfragen liegt Bolsonaro mehr als zehn Prozentpunkte hinter seinem herausfordere, dem linken Ex-Präsidenten Lula da Silva.

Seit Monaten schürt Bolsonaro nun aber Zweifel an Umfragen und am elektronischen Wahlsystem. Edinei Oliveira aus Rio de Janeiro, schwarz und offen homosexuell, fürchtet deswegen um die Demokratie in seinem Land. "Wenn er die Wahlen nicht gewinnt, kommt er mit der Geschichte des Wahlbetruges, um einen Putsch durchzuführen und er nutzt den Unabhängigkeitstag, um seine Anhänger aufzustacheln", sagt Oliveira.

Menschenmeer in Gelb-Grün

Bolsonaro ließ die Feierlichkeiten zum 200-jährigen Jubiläum kurzerhand an die Copacabana verlegen, Rios weltberühmten Strand. Kunstflugstaffel, Motorrad-Rallye, Salutschüsse und Bolsonaro vor einem Menschenmeer in Gelb-Grün. Auch Anwohnerin Ana Maria Pacheco wird sich ein Trikot in Nationalfarben überstreifen, die ganze Theorie von einem Putsch hält sie für völlig übertrieben. "Das wird wunderbar", sagt sie, "und es ist ein guter Moment. Die Wirtschaft wächst wieder, die Arbeitslosigkeit geht zurück und die Inflation auch. Ich finde Bolsonaro ist ein guter Präsident."

Vanderlei Alves, Mitarbeiter des halbstaatlichen Ölkonzerns Petrobras, fühlt sich vom medialen Diskurs in die Ecke gedrängt. Er sagt, die Linke versuche so, von den eigenen Fehlern abzulenken: "Die Linken, die während ihrer Regierungszeit nur geklaut haben und korrupt waren, wollen wieder zurück an die Macht. Das ist die Bedrohung. Und sie kontrollieren die Wahlbehörde, deshalb traue ich dem System nicht."

Brasilien ist politisch tief gespalten

So erlebt Brasilien in seinem 200. Unabhängigkeitsjahr eine tiefe politische Spaltung. Damit verpasse die Gesellschaft auch die Gelegenheit, die eigene Geschichte zu reflektieren, sagt Pedretti. "200 Jahre, das ist ein starkes Datum, um über historische Verantwortung zu diskutieren, in Bezug auf die Sklaverei, die Gewalt gegen indigene Völker, den strukturellen Rassismus."

Stattdessen bekräftige Bolsonaro die Geschichte der weißen, mächtigen Männer, erklärt der Historiker weiter. "Ein Mythos, der uns nicht hilft, gemeinsam eine andere Zukunft zu konstruieren."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 07. September 2022 um 06:51 Uhr.