Joe Biden | dpa

Nach Völkermord-Anerkennung Scharfe Kritik an Biden aus der Türkei

Stand: 27.04.2021 13:07 Uhr

Die Türkei kritisiert US-Präsident Biden scharf: Er habe "eine Wunde" in die Beziehungen der Länder geschlagen. Biden hatte den Tod Hunderttausender Armenier im Osmanischen Reich als Völkermord eingestuft.

Nach der Anerkennung der Massaker an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs als Völkermord durch US-Präsident Joe Biden hat die Türkei den US-Botschafter in Ankara einbestellt.

Mit der Einbestellung von David Satterfield bringe das türkische Außenministerium seinen Protest gegen Bidens Äußerungen vom Samstag zum Ausdruck, berichtete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu. Bidens Äußerungen hätten "eine Wunde" in die Beziehungen beider Länder geschlagen, "die schwer wieder gut zu machen" sei, kritisierte das Ministerium in Ankara laut Anadolu. Zuvor hatte es Bidens Positionierung "auf das Schärfste" zurückgewiesen.

Biden hatte am Samstag als erster US-Präsident die Einstufung als Genozid vorgenommen. "Wir gedenken all derer, die im Völkermord an den Armeniern während der Zeit der Osmanen gestorben sind", erklärte er zum 106. Jahrestag der Massaker. Der US-Präsident betonte, es handele sich um die Bestätigung einer historischen Tatsache und gehe nicht darum, der Türkei "Vorwürfe zu machen". Die Anerkennung der Geschichte sei wichtig um zu verhindern, "dass solch eine Gräueltat sich jemals wiederholt".

"Weder legale noch moralische Autorität"

Das türkische Außenministerium wies die Erklärung Bidens "in schärfster Form" zurück, wie die Agentur Anadolu berichtete. Zudem habe die Aussage Bidens, "der weder legale noch moralische Autorität zur Bewertung historischer Ereignisse hat, keinen Wert". Bidens Erklärung, die "historische Fakten verzerre", reiße eine tiefe Wunde, die das gegenseitige Vertrauen und die Freundschaft der beiden Länder untergrabe.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu wies die Aussage "vollständig" zurück. Sie basiere "nur auf Populismus", schrieb er auf Twitter. "Wir haben nichts von niemandem über unsere eigene Vergangenheit zu lernen. Politischer Opportunismus ist der größte Verrat an Frieden und Gerechtigkeit." Ankara hatte die US-Regierung bereits vor Bidens Erklärung vor einer Anerkennung der Massaker als Völkermord gewarnt.

Auch der Sprecher des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, Ibrahim Kalin, verurteilte die Erklärung scharf. Er empfehle den USA auf ihre eigene Geschichte und Gegenwart zu schauen. In einem Telefonat mit Erdogan hatte Biden am Vortag um Verständnis für den Schritt geworben. Erdogan erklärte jedoch, das Thema dürfe nicht "durch Dritte politisiert" und "als Instrument zur Einmischung in unserem Land" missbraucht werden.

Auschwitz Komitee sieht "wichtige Geste"

Das Internationale Auschwitz Komitee begrüßte die Entscheidung. "In der Erinnerung an ihr eigenes Schicksal fühlen sich Überlebende des Holocaust seit vielen Jahren mit dem armenischen Volk eng verbunden", teilte der Exekutiv-Vizepräsident des Komitees, Christoph Heubner, mit. Die "Anerkennung und Benennung des Völkermordes" durch Biden sei für Überlebende des Holocaust eine wichtige Geste sowie ein Signal an die türkische Regierung, sich ihrer historischen Verantwortung zu stellen.

Bereits im Dezember 2019 hatte der US-Kongress in einem symbolischen Votum die Massaker als Völkermord anerkannt. Der deutsche Bundestag hatte das 2016 getan und damit eine schwere diplomatische Krise mit der Türkei ausgelöst. Der 24. April 1915 markierte den Beginn der Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich. Schätzungen zufolge wurden damals von den Soldaten des Osmanischen Reiches zwischen 1,2 und 1,5 Millionen Armenier getötet. Die Türkei lehnt die Verwendung des Begriffs Völkermord ab und spricht von einem Bürgerkrieg, in dessen Verlauf auf beiden Seiten Hunderttausende ihr Leben verloren.

Mit Informationen von Christian Buttkereit, ARD-Studio Istanbul

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell im Hörfunk am 25. April 2021 um 09:03 Uhr.