Argentiniens Präsident Alberto Fernandez und Vize-Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner. | AFP

Wahlen in Argentinien Ohrfeige für Linksregierung erwartet

Stand: 13.11.2021 09:45 Uhr

Im krisengeplagten Argentinien wird am Sonntag ein neues Parlament gewählt. Angesichts grassierender Armut wird mit einer Ohrfeige für die Linksregierung gerechnet. Ein Shootingstar ist derweil auf dem Vormarsch.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

Fähnchen, Lächeln, Winken ins Publikum - Wahlkampfabschluss der linken Regierungskoalition von Argentiniens Präsident Alberto Fernandez. "Ihr könnte euch sicher sein, dass ich unermüdlich daran arbeite, Argentinien wieder auf die Füße zu stellen", sagt er. Daran glauben allerdings immer weniger.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Schon bei den Vorwahlen im September, einer Art Test für die Kongresswahlen am Wochenende, gab es eine schallende Ohrfeige für die Peronisten. In deren Bündnis knirsche es ohnehin, sagt Federico Zapata vom Thinktank Escenario: "Der Koalitionsstreit bremst alles aus. Er lässt den Präsidenten schwach erscheinen und bestätigt Kritiker, die immer schon sagten, seine Vize, die Ex-Präsidentin und Überfigur Cristina Kirchner habe das Zepter in der Hand."

Schlangen vor den Suppenküchen werden länger

Während die Politik sich streitet, rutscht das Land immer tiefer in die Krise. Die Wirtschaft schrumpft, Preise und Arbeitslosigkeit steigen, fast die Hälfte der Menschen lebt inzwischen unterhalb der Armutsgrenze. Die Pandemie hat alles noch einmal verschärft. Unklar ist weiterhin, wie das Land seine Milliardenschuld beim Internationalen Währungsfonds begleichen will.

"Wenn wir bis jetzt noch keine Einigung mit dem Währungsfonds abgeschlossen haben, dann weil wir vor ihm nicht in die Knie gehen", sagt Präsident Fernandez. "Wir werden so verhandeln, dass unser Volk nicht um seine Zukunft fürchten muss." Doch einen Plan scheint es dafür nicht zu geben. Vor den Suppenküchen werden die Schlangen immer länger, wie im Hafenviertel la Boca.

Stefanie Chinguel kommt jeden Tag, sie ist 23 Jahre alt. "Ich musste nie in eine Suppenküche gehen, ich hatte immer einen Job", sagt sie. "Aber nach der Pandemie gab es keine Arbeit mehr, ich schicke jeden Tag meinen Lebenslauf raus, aber niemand meldet sich.

"Hallo, ich bin die Bestie"

"Hallo, ich bin die Bestie", knurrt Javier Milei ins Mikrophon. Lederjacke, schwarze Haarpracht, die in alle Richtungen absteht. Dann reckt er die Faust in den Himmel: "Freiheit, verdammt nochmal". Er ist der Shootingstar der argentinischen Politik, seine Message beim Wahlkampf im armen Süden von Buenos Aires, zwischen maroden Plattenbauten und unverputzten Ziegelhäusern: Das Problem ist der Staat.

"Heute reden wir darüber, warum man die Zentralbank abschaffen muss. Wegen ihr gibt es eine so hohe Inflation in Argentinien, die ungerechteste aller Steuern, die vor allem die Armen trifft", sagt er. "Alle gewinnen, wenn wir sie beenden. Außer natürlich die politische Kaste, diese Diebe, die die Bürger betrügen."

Javier Milei auf einer Wahlkampfveranstaltung in Buenos Aires. | AFP

Javier Milei auf einer Wahlkampfveranstaltung in Buenos Aires. Bild: AFP

Milei "ohne wirkliches Regierungsprogramm"

Fast 14 Prozent holte Milei beim Testdurchlauf in der Stadt Buenos Aires, seine Partei könnte nun mit vier Sitzen ins Parlament einziehen. Der Rechtspopulismus bekäme auch in Argentinien einen Fuß in die Tür, meint der Politologe Pablo Stefanoni. "Er präsentiert sich als Anarcho-Kapitalist, als Aufstand gegen das Establishment, aber ohne wirkliches Regierungsprogramm. Er ist der Kandidat der Unzufriedenen und Protestwähler, das ist ja auch ein globales Phänomen."

Milei, der argentinische Trump oder Bolsonaro, der das Land wieder zur einstigen Größe zurückführen will. Das kommt an, nach Jahren in der Dauerkrise. Und alles deutet darauf hin, dass das ohnehin polarisierte Argentinien aus den Kongresswahlen noch zerrissener hervorgeht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. November 2021 um 13:40 Uhr.