Ausgewilderter Jaguar in Nordargentinien | Verena von Schönfeld
WELTSPIEGEL

Renaturierung in Argentinien Die Rückkehr der Jaguare

Stand: 21.03.2021 08:38 Uhr

Jahrzehntelang waren Jaguar, Riesenotter oder Sumpfhirsch Im Norden Argentiniens ausgerottet. Ein großes Auswilderungsprojekt ermöglicht nun ihre Rückkehr. Davon profitiert auch die Bevölkerung in der Region.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Südamerika

Juruna hat sich lange Zeit gelassen, bevor sie mit ihren beiden Jungen den entscheidenden Schritt geht. Jetzt zieht die vierjährige Jaguar-Mutter gemütlich durchs nasse Sumpfgras in Richtung des Metalltores, das für ihre kleine Familie die Freiheit bedeutet.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Jurunas Schritt hinaus ins Feuchtgebiet Esteros del Iberá ist Teil eines einzigartigen Auswilderungsprojekts in der nordargentinischen Provinz Corrientes - die ersten Jaguare, die seit den 1970er-Jahren hier in freier Wildbahn leben.

Ein langer Weg

Mehr als 20 Jahre hat Sofia Heinonen von der Stiftung "Rewilding Argentina" auf diesen Tag hingearbeitet. "Am Anfang nahm niemand in dieser Gegend unser Vorhaben ernst", sagt sie, "obwohl die Menschen hier der Jaguar-Auswilderung grundsätzlich positiv gegenüberstehen."

Die Jaguare sind nun das letzte Puzzleteil einer Wildnis, die Heinonen mit ihren Mitstreitern wie am Reißbrett geschaffen hat. Schon seit Jahren zieht die Biologin mit ihrem Team Sumpfhirsche und Riesenotter auf, die Stück für Stück an das Leben in freier Wildbahn gewöhnt werden müssen.

Sofia Heinonen | Verena von Schönfeld

Renaturierung braucht Zeit und einen langen Atem - Sofia Heinonens Projekt zeigt nach 20 Jahren den erhofften Erfolg. Bild: Verena von Schönfeld

So bekommen die Riesenotter ihre Futter nicht mundgerecht in ihren Käfig gelegt, sondern müssen es sich erst verdienen. Makrelen werden in den mit Gittern abgesperrten Teil des Flusses geworfen, in dem die Otter schwimmen. Kurz darauf erwischen die Raubtiere die erste Beute und fressen sie auf einem Stein.

Heinonen schaut genau hin, um zu entscheiden, wann die jungen Otter als Jäger fit genug sind, um auf sich allein gestellt in dem Feuchtgebiet zu leben. Ein weiteres Teil dieses gigantischen Auswilderungs-Puzzles sind die Ameisenbären. Auf einer Farm werden sie so angefüttert, dass sie später allein auf Nahrungssuche gehen können.

Ameisenbär mit Fressnapf | Verena von Schönfeld

Noch frisst der Ameisenbär aus einem Napf - bald soll er sich in freier Wildbahn selbst ernähren. Bild: Verena von Schönfeld

Reisen mit Folgen

Der Plan zu dieser gewaltigen Renaturierung eines ganzen Landstriches entstand in den 1990er-Jahren auf Initiative von Heinonen zusammen mit dem US-amerikanischen Multimillionär Douglas Tompkins.

Der Gründer der Outdoor-Marken Northface und Esprit war nach seinen Reisen fasziniert von dem Feuchtgebiet. Dabei sah er auch, wie sehr Landwirte und die Bevölkerung am Rande des Gebiets die Natur zerstörten. Bereits seit den 1970er-Jahren waren Riesenotter und Jaguare in dieser Gegend ausgestorben. Jäger hatten sie ausgerottet und Landwirte hatten große Flächen für den Reisanbau trockengelegt.

Erst mit der Ankunft von Tompkins und Heinonen änderte sich das. Der US-Amerikaner kaufte einen Großteil des Gebiets auf - und überließ die Natur erstmal sich selbst. Heinonen erinnert sich an die Skepsis der Anwohner: "Viele verstanden nicht, warum wir dieses Land gekauft haben. Ein US-Amerikaner, der riesige Grundstücke erwirbt, um sie zu renaturieren? Die dachten eher an eine Verschwörung, also dass dahinter ein heimliches Geschäft steckt."

Inzwischen ein Schutzgebiet

Doch die Umweltschützer machten Ernst und entwarfen ihren ambitionierten Auswilderungsplan. Dank der Tompkins-Millionen und intensiver Lobbyarbeit bei der argentinischen Regierung wurde das Feuchtgebiet schließlich unter Schutz gestellt.

Jagen ist heute streng verboten. Auch ohne den mittlerweile verstorbenen Gründer Tompkins steht das Projekt auch eigenen Füßen und finanziert sich mit Hilfe von Spenden.

Drei Menschen auf einem Boot  | Verena von Schönfeld

Die Naturschützer müssen sich mit Booten durch die Sumpflandschaft bewegen. Bild: Verena von Schönfeld

Zuschauen und loslassen

Als Juruna mit ihren Jungen das 30 Hektar große Auswilderungsgehege verlässt, schaut Heinonen im Kontrollzentrum gebannt auf einen der Monitore, auf dem die Bilder von Überwachungskameras flimmern. Die letzte Aufnahme zeigt Juruna, wie sie mit ihren Jungen durchs Unterholz zieht. Danach verliert sich ihre Spur.

Die Rückkehr des größten Raubtiers der Region ist der letzte Schritt hin zu einer funktionierenden Wildnis. Sofia freut besonders, dass die lokale Bevölkerung mittlerweile hinter dem Projekt steht. "Ich spüre die Freude der Anwohner. Sie können der Welt jetzt zeigen: Bei uns leben wieder Jaguare. Ohne diese Tiere in freier Wildbahn fühlen sich auch die Menschen hier nicht wirklich frei."

Jaguar | Verena von Schönfeld

Abschied vom Käfig: In Esteros del Iberá geht es für die Jaguare durch die Metalltore zurück in die Freiheit. Bild: Verena von Schönfeld

Neue Einnahmequellen

Die Rückkehr der Jaguare bringt den Anwohnern zudem neue Einnahmequellen. Immer mehr Touristen pilgern in die Esteros del Iberá, angelockt von der neuen Attraktion auf vier Pfoten. Lokale Viehtreiber fahren die Besucher in Booten durch die Wasserstraßen und bieten Touren auf Pferden an.

Für die Umweltschützer um Sofia Heinonen ist die Arbeit noch lange nicht zu Ende. Auch in den kommenden Jahren wollen sie weitere Jaguare in die Freiheit entlassen. Solange, bis die Wildnis wieder vollends zurück im Gleichgewicht ist.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 21. März 2021 um 19:20 Uhr im "Weltspiegel".

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KOMMENTARE

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jukep 21.03.2021 • 14:13 Uhr

11:22 VivtorJara

"Es zeigt sich das der Wille zum Sozialökonomischem handeln Berge versetzen kann......." Im Grunde bin ich bei ihnen. Besser wäre es wenn die Reichen und alle Verantwortlichen die Natur und ihre Geschöpfe vorher also bevor alles zersört ist mit aller Kraft schützen würden. Vergessen sollte man auch nicht, dass mancher sein Reichtum erwirbt oder erworben hat durch die Zerstörung der Umwelt und gerade das Profitdenken die Zerstörung fördert.