Menschen warten in einem Impfzentrum in Buenos Aires (Foto vom 16. März 2021). | EPA

CureVac-Test in Argentinien Ein Impfstoff gegen zwei Krisen?

Stand: 31.03.2021 11:24 Uhr

In Argentinien hat die entscheidende Testphase für den Tübinger CureVac-Impfstoff begonnen. Die Hoffnung ist groß, dass ein Ende der Corona-Krise ein Ende der Wirtschaftskrise bedeutet.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Auf diesen Tag hat Paula Barros lange gewartet. Sie betritt das öffentliche Krankenhaus "Evita Pueblo" am Rand der Millionenmetropole Buenos Aires, wo sie hofft, den CureVac-Impfstoff zu erhalten. Paula ist eine von 9000 Teilnehmern der Testphase 3 des Tübinger Unternehmens, das mit Hilfe der Menschen am Rio de la Plata die Sicherheit und Wirksamkeit seiner Vakzine nachweisen will. 

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Dass sie tatsächlich den Impfstoff erhält, ist nicht sicher: Der Hälfte der Probanden wird ein Placebo gespritzt; sie dient als Kontrollgruppe. Sollten sich später deutlich mehr Placebo-Probanden mit dem Virus infizieren, kann so die Wirksamkeit von CureVac ermittelt werden. "Ich will dazu beitragen, dass diese Studie gelingt. Und natürlich hoffe ich auch, die echte Impfung gespritzt zu bekommen. Insgesamt habe ich Vertrauen in die deutsche Technologie", sagt Barros.

Lage Schlangen vor Suppenküchen

Der Beginn der Testphase verläuft erstmal unspektakulär. Im großen Hörsaal des öffentlichen Krankenhauses erklären die argentinischen Ärzte, wer an der Studie nicht teilnehmen darf: Schwangere bleiben außen vor. Jedoch gibt es keine Altersbegrenzung nach oben.

Neben der reinen Wirksamkeit wollen die Wissenschaftler in Argentinien auch den Immunschutz bei Virus-Mutationen testen. Vor allem die brasilianische Mutation P.1 ist derzeit in Südamerika im Umlauf. Wohl auch deshalb wurde Argentinien als Testgebiet ausgewählt, weil die Testphase hier Erkenntnisse über den Schutz gegen neuartige Mutationen möglich macht.

Die Probanden bekommen kein Geld - aber Hoffnung

Die Probandin Barros durchläuft medizinische Tests, ein Blutbild und eine Befragung. Anschließend ist klar: Zwei Tage später darf sie wiederkommen. Geld erhält sie für die Teilnahme nicht. Es ist vor allem die Hoffnung auf baldige Immunisierung, die Menschen zum Mitmachen bewegt.

Auch Ramona Sanchez ist eine Probandin der CureVac-Studie. "Mir ist gar nicht so wichtig, welche Impfung sie mir verabreichen. Hauptsache dieses Virus zieht schnell vorbei, und es gibt keine Toten mehr", sagt sie.

Menschen stehen in Buenos Aires vor einer Suppenküche an. | picture alliance/dpa/telam

Menschen stehen in Buenos Aires vor einer Suppenküche an. Die anhaltende Wirtschaftskrise hat noch mehr Bedürftige hervorgebracht. Bild: picture alliance/dpa/telam

Schon seit Jahren eine schwere Wirtschaftskrise

Sanchez' Worte lassen erahnen, wie hart Argentinien nicht nur von der Virus-Pandemie getroffen wurde. Das Land leidet seit Jahren unter einer schweren Wirtschaftskrise. Die Staatsausgaben sind zu hoch; Argentinien lebt seit Jahren über seine Verhältnisse. Die Menschen leiden unter einer galoppierenden Inflation.

Dann kam die Virus-Krise dazu, die vor allem den Argentinierinnen und Argentiniern in Armenvierteln zusetzt. Dort gibt es hohe Ansteckungsraten und eine hohe Arbeitslosigkeit. Weil Argentinien besonders lange und strenge Quarantäne-Maßnahmen verhängt hat, fehlt vielen Selbständigen und Tagelöhnern schlicht das Geld, um ihre Familie zu ernähren. Deshalb werden die Schlangen vor Suppenküchen immer länger.

Sputnik-Tests erhöhen die Lieferchancen

Eine schnelle Impfkampagne erleichterte vieles. Doch die Lieferungen mit dem vertraglich zugesicherten russischen Sputnik-Wirkstoff trudeln nur langsam ein. Deshalb ist die CureVac-Studie für Veronika Gonzales vom Gesundheitsministerium der Provinz Buenos Aires eine vielversprechende Alternative. "Dass wir hierzulande diese Studie durchführen, gibt Argentinien später eine privilegierte Stellung, diesen begehrten Impfstoff zu erwerben. Wir haben dann eine bessere Ausgangsposition", sagt sie.

Was genau zwischen Argentinien und CureVac vereinbart wurde - dazu macht sie keine Angaben. Klar ist: Dem finanziell angeschlagenen Staat fehlt das Geld, um ausreichend Impfstoffe auf dem freien Markt einkaufen zu können.

Ein Krankenpfleger aus Buenos Aires hält eine Spritze mit der Impfdosis "Sputnik V" in der Hand. | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Ein Krankenpfleger aus Buenos Aires hält eine Spritze mit der Impfdosis "Sputnik V" in der Hand. Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Kritik an den reicheren Ländern

Das weiß auch Juan Marini, der Direktor des Krankenhauses "Evita Pueblo". Aus seiner Sicht müssten wohlhabende Staaten mehr Solidarität aufbringen: "Reichere Länder, die wirtschaftlich besser dastehen, impfen schneller. In Zeiten der Pandemie sollte man solidarischer sein und armen Ländern mehr Impfungen bereitstellen."

Nebenan werden die ersten Probanden geimpft. Auch Paula Barros erhält einen Stich in die rechte Schulter. Sie wird erst nach Ende der Studie erfahren, was sie an diesem Tag tatsächlich erhalten hat: ein Placebo oder den CureVac-Wirkstoff.

Über dieses Thema berichtete SWR Aktuell Baden-Württemberg am 25. März 2021 um 19:30 Uhr.