Frauen jubeln am 30.12.2020 in Buenos Aires (Argentinien) nach der Reform des Abtreibungsrechts. | dpa

Argentiniens Abtreibungsgesetz "Unsere Rechte müssen verteidigt werden"

Stand: 30.12.2021 06:45 Uhr

In Argentinien kämpfen Frauen für die Umsetzung eines historischen Gesetzes: Abtreibungen sind seit einem Jahr legal. Aber in konservativen Gegenden gibt es Widerstand.

Von Marie-Kristin Boese, ARD-Studio Südamerika

Alicia Zubira und Eliana Neme beugen sich über ein Heftchen, das mit Telefonnummern vollgeschrieben ist. Wen müssen sie anrufen, wo nach dem Rechten fragen? Zubiria und Neme begleiten Frauen, die mit Medikamenten abtreiben wollen. Sie sind in der nordargentinischen Provinz Tucuman Teil des Netzwerks "socorristas en red". Schon vor der Legalisierung haben sie sich für Frauen eingesetzt, die einen Schwangerschaftsabbruch wünschten. Jetzt sind sie durch das Gesetz geschützt, das nun ein Jahr alt wird.

Marie-Kristin Boese ARD-Hauptstadtstudio

Bis dahin waren Abtreibungen in Argentinien nur in wenigen Ausnahmefällen erlaubt, etwa nach Vergewaltigungen. Aber manche Frauen hätten sich kein weiteres Kind leisten können, erzählt Zubira, bei anderen habe das Verhütungsmittel versagt, andere seien von ihrem Partner vergewaltigt worden und die Polizei habe ihnen nicht geglaubt.

Umso größer war der Jubel, als im Morgengrauen des 30. Dezember 2020 der argentinische Senat für die Legalisierung von Abtreibungen bis zur 14. Schwangerschaftswoche stimmte: ein Durchbruch für die Frauenbewegung nach 30-jährigem Kampf gegen konservative und katholische Moralvorstellungen.

Ohne ihren massiven Druck hätte es das Gesetz nicht geben, sagt die Soziologin Verónica Gago. Das grüne Halstuch, mit dem Frauen gegen das alte Abtreibungsrecht demonstriert hatten, wurde zum Erkennungszeichen einer neuen feministischen Bewegung in ganz Lateinamerika.

Ein schwieriges Umfeld

Und heute, ein Jahr nach der Reform? Um Zubiria und Neme zu treffen, muss man nach Amaicha del Valle fahren: drei Stunden von der Provinzhauptstadt entfernt, in den Bergen, wo riesige Kakteen die Straßen säumen. Es ist ein idyllischer Ort. Aber für Frauen, die ihre Schwangerschaft beenden wollen, bleibt die karge, streng katholische Bergregion bis heute ein schwieriges Umfeld.

"Wenn Du hier eine ungewollte Schwangerschaft nicht sicher beenden darfst, kann das den Tod bedeuten", sagt Neme. Einige Frauen hätten früher zu lebensgefährlichen Praktiken gegriffen, um die Schwangerschaft doch abzubrechen. Viele seien daran gestorben. Das habe sie motiviert zu helfen.

Bis zur Reform gab es in Argentinien gab es schätzungsweise bis zu 500.000 heimliche Abtreibungen jährlich. Ein Jahr später zieht das Land erste Bilanz: 32.758 Abtreibungen gab es seit Jahresbeginn bis Ende November im öffentlichen Gesundheitssystem. Hinzu kommen etwa 46.300 Abtreibungen mit dem Medikament Misoprostol. Noch fehlen Vergleichszahlen, denn vieles, was jetzt ins Blickfeld rückt, lag vorher im Dunkeln. Die zuständige Ministerin Elisabeth Gómez Alcorta aber gibt sich zufrieden: "Wir können sagen, dass in Argentinien keine Frau mehr an einer heimlichen Abtreibung sterben muss."

Alicia Zubiria und Eliana Neme | ARD-Studio Südamerika

Sie sehen ihren Kampf für ein modernes Abtreibungsrecht als noch lange nicht erledigt an: Alicia Zubira und Eliana Neme Bild: ARD-Studio Südamerika

Der Widerstand bleibt

Zubiria und Neme sind aber auch nach der Abtreibungslegalisierung ein Anlaufpunkt geblieben, weil sie zuhören und niemanden verurteilen, die ihre Hilfe sucht. Im öffentlichen Gesundheitssystem in Tucuman blieben Abtreibungen dagegen oft ein Tabu.

In einer der vier Geburtskliniken der Provinzhauptstadt arbeitet die Gynäkologin Gisela Reynaga. Vor der Pandemie demonstrierte sie oft mit einem riesigen Fötus aus Pappmaché gegen Abtreibungen. Von 30 Ärztinnen und Ärzten in ihrem Krankenhaus, würden 27 Abtreibungen aus Gewissensgründen verweigern. Das Gesetz ermöglicht diesen Ausweg. "Allein diese Zahl zeigt doch", sagt Reynaga, "dass eine Mehrheit in der Region damit nicht einverstanden ist". Aus dem Kampf für die Legalisierung ist in manchen Provinzen der Kampf um die Umsetzung des Gesetzes geworden.

Eine Reform mit Strahlkraft

Dabei reicht die Wirkung des Gesetzes weit über Argentinien hinaus. "Es ist ein Signal für den Kontinent", sagt die Soziologin Gago, "denn Argentinien ist das erste große Land Lateinamerikas mit einem fortschrittlichen Abtreibungsgesetz."

Tatsächlich löste Argentinien eine Dynamik aus: In Mexiko erklärte der Oberste Gerichtshof ein absolutes Abtreibungsverbot für verfassungswidrig. In Chile scheiterte zuletzt knapp ein Gesetzentwurf zur Straffreiheit von Abtreibungen. Wie Brasilien oder Peru erlaubt das Land Abtreibungen weiter nur in einigen Ausnahmen. In El Salvador und Nicaragua sind sie grundsätzlich verboten - gemacht werden sie auch dort heimlich, oft unter Lebensgefahr.

Die Angst ist weg

In Tucuman, in Nordargentinien, sind die Gegner der Abtreibungslegalisierung zwar weiter aktiv. Aber Alicia Zubiria und Eliana Neme sind optimistisch. Das Gefühl habe sich geändert: einerseits für die Frauen, die zwar weiter bei ihnen Hilfe suchen, sich nun aber durch das Gesetz geschützt fühlen und keine Angst mehr vor Strafen haben.

Andererseits fühlen auch sie selbst sich gestärkt. "Wir wollen nie mehr zurück in die Heimlichkeit", sagt Neme. Aber eines sei ihnen bewusst: Frauenrechte müssen erkämpft, aber auch verteidigt werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. Dezember 2020 um 20:00 Uhr.

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