Aktivistinnen nehmen vor dem Kongress in Buenos Aires (Argentinien) an einer Demonstration für die Entkriminalisierung von Abtreibungen teil | AP

Argentinien Erste Hürde für legale Abtreibungen genommen

Stand: 11.12.2020 17:49 Uhr

In Argentinien sind Abtreibungen verboten und werden mit bis zu vier Jahren Gefängnis bestraft. Nun hat ein Gesetzentwurf zur Legalisierung von Abbrüchen im Parlament die erste Hürde genommen.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

Es ist kurz vor 8 Uhr morgens, als vor dem argentinischen Kongress der Jubel ausbricht - grüne Tücher und grüne Fahnen werden geschwenkt, grüne Rauchfackeln werden gezündet. Mit 131 Ja-Stimmen und 117 Gegenstimmen hat die Abgeordnetenkammer den Gesetzentwurf zur Legalisierung von Abtreibungen angenommen. Tausende Frauen und auch Männer hatten die ganze Nacht vor dem Kongress ausgeharrt. Nun ist kein Halten mehr.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

"Es geht um unsere Zukunft"

"Zusammenhalt und Verschwesterung, es ist so ein unglaubliches Gefühl", sagt eine Frau. "Vor zwei Jahren haben wir es nicht geschafft, aber wir geben nicht auf, wir werden Geschichte schreiben, hier geht es um unsere Zukunft."

Es ist die erste Hürde zu einer Liberalisierung der strengen Abtreibungsregeln im Land. Die Initiative sieht eine Fristenlösung vor: Schwangere sollen in den ersten 14 Wochen sicher und kostenlos im öffentlichen Gesundheitswesen abtreiben dürfen.

"Recht, selbst über Körper zu entscheiden"

"Dieses Gesetz ist wichtig, denn abgetrieben wird ohnehin", sagt eine andere Frau. "Das Furchtbare daran ist, dass es heimlich gemacht werden muss. Wir wollen das Recht, selbst über unsere Körper entscheiden zu können."

Bisher sind Abtreibungen nur nach Vergewaltigung oder bei Gefahr für das Leben der Mutter erlaubt. Doch in vielen Provinzen, vor allem im stark katholische geprägten Norden des Landes, werden die Eingriffe sogar in diesen Fällen behindert. Ärzte werden angeklagt und Frauen sogar nach Fehlgeburten strafrechtlich verfolgt.

Außerdem kommt es immer wieder zu Komplikationen: Etwa 40.000 Frauen landen jedes Jahr im Krankenhaus - nach heimlich durchgeführten und verpfuschten Abtreibungen.

Aktivistinnen nehmen vor dem Kongress in Buenos Aires (Argentinien) an einer Demonstration für die Entkriminalisierung von Abtreibungen teil | dpa

Aktivistinnen demonstrieren vor dem Kongress in Buenos Aires: Sie wollen selbst bestimmen und nicht mehr heimlich abtreiben. Bild: dpa

Viele Frauen machen es heimlich

Es brauche endlich ein allgemein gültiges Gesetz, das niemand mehr in die Illegalität treibe, begründete der Abgeordnete Carlos Aníbal Cisneros von der Regierungspartei seine Ja-Stimme.

Ich bin 58 Jahre alt. Vor zehn Jahren hätte ich diesem Gesetz wohl nicht zugestimmt, aber man entwickelt sich weiter und lernt dazu. Seien wir nicht scheinheilig. Ich weiß, dass in meiner Provinz Tucumán viele Frauen heimlich abtreiben und wisst Ihr wie? Sie stechen sich mit zwei Stricknadeln in die Gebärmutter. Diese Frauen können später keine Kinder mehr bekommen oder sterben an einer Infektion im Krankenhaus.

"Abtreibung ist nicht der Ausweg"

Der Staat trage Verantwortung für die Frauen, doch Abtreibung könne nicht die Lösung sein, argumentiert das Lager der Gegner. Auch hier finden sich Politiker aller Parteien.

Die konservative Oppositionsabgeordnete der Stadt Buenos Aires, Dina Rezinovsky, erklärte, die Mehrheit der Argentinier sei gegen das Gesetz: "Der Staat muss die Frauen begleiten, er trägt die Verantwortung, dass sie nicht in Armut fallen. Wir, die das Leben verteidigen, werden als scheinheilig hingestellt oder als Zyniker. Die Zyniker seid Ihr, die den Frauen einreden, dass der einzige Ausweg die Abtreibung ist." 

Druck der Kirchen enorm

Nun muss der konservativ geprägte Senat zustimmen, der hatte ein ähnliches Projekt schon 2018 abgelehnt. Auf ihn setzen die Hellblauen, die Gegnerinnen und Gegner der Reform, die auf der anderen Seite des Kongressvorplatzes ebenfalls Mahnwache hielten - mit Kreuzen, Bibel und einer großen Open-Air-Messe.

"Es geht um das Leben, um die zwei Leben, die wir schützen müssen", meint eine Teilnehmerin. "Es geht um die Existenz der Menschheit. Wir sind alle Gotteskinder."

Der Druck der Kirchen - katholischer wie evangelikaler - ist enorm. Papst Franziskus, selbst Argentinier, hatte Abtreibungen als Wegwerfkultur kritisiert. Eine Legalisierung ausgerechnet in seiner Heimat wäre ein Meilenstein in Lateinamerika. Bis jetzt gibt es nur in Uruguay, Kuba und Guyana sowie in Mexiko-Stadt Fristenlösungen.

 

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 11. Dezember 2020 um 19:25 Uhr.