Grossi - per Video zugeschaltet zur Sitzung des UN-Sichereitsrats | AP

IAEA zu AKW Saporischschja Keine unmittelbare Bedrohung - derzeit

Stand: 12.08.2022 00:55 Uhr

Die Lage am ukrainischen AKW Saporischschja ist Thema einer Dringlichkeitssitzung im UN-Sicherheitsrat - zugeschaltet wurde der Chef der IAEA. Er sah keine unmittelbare Gefahr für die Sicherheit des AKW, warnte aber, dies könne sich ändern.

Das unter anhaltendem Beschuss stehende ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja ist nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) momentan kein Sicherheitsrisiko. "IAEA-Experten haben vorläufig festgestellt, dass keine unmittelbare Bedrohung der Sicherheit infolge des Beschusses oder anderer militärischer Aktionen besteht. Dies kann sich jedoch jederzeit ändern", sagte IAEA-Chef Rafael Grossi bei einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates. Er war dort per Video zugeschaltet.

Forderung nach Experten-Mission

Grossi forderte Russland und die Ukraine auf, einen Besuch internationaler Experten schnell zu ermöglichen. "Ich persönlich bin bereit, eine solche Mission zu leiten." Auch die USA forderten eine solche Experten-Mission. "Dieser Besuch kann nicht länger warten", sagte die amerikanische Unterstaatssekretärin für Rüstungskontrolle, Bonnie Jenkins, im UN-Sicherheitsrat.

Russland müsse alle Operationen in der Nähe von Atomanlagen in der Ukraine einstellen, Saporischschja an die Ukrainer zurückgeben und seine Truppen aus dem Land zurückziehen. Zudem seien den USA Vorwürfe der Misshandlung des ukrainischen Personals durch russische Soldaten bekannt. "Ukrainische Mitarbeiter müssen ihre wichtigen Aufgaben frei von dem Druck der russischen Streitkräfte erfüllen können", so Jenkins.

Experte: Stromversorgung ist "Lebensader" des AKW

Die UN-Sicherheitsratsitzung war von Russland beantragt worden. Seit Tagen wird aus der Gegend um das von Russland besetzte AKW im Süden der Ukraine heftiger Beschuss gemeldet. Weltweit wächst die Sorge, dass die Kämpfe dazu führen könnten, dass das Kraftwerk nicht mehr kontrolliert werden kann und es zu einer Atomkatastrophe kommt - ähnlich wie 1986 in Tschernobyl.

Nach Einschätzung des Greenpeace-Atomexperten Heinz Smital ist vor allem die Stromversorgung des Kraftwerks ein neuralgischer Punkt. Sie sei "die Lebensader eines Atomkraftwerks, da es auch in ausgeschaltetem Zustand gekühlt werden muss", sagte Smital. Wenn es einen kompletten Ausfall sowohl von Stromnetz als auch von Notstromaggregaten gebe, "ist eine Kernschmelze fast unvermeidlich", warnte er.

Selenskyj: Atomschlag ohne Atomwaffen

Russland und die Ukraine machen sich gegenseitig für die Angriffe auf das AKW verantwortlich. Erneut geriet das Kraftwerk unter Beschuss. Saporischschja sei mit schwerer Artillerie und Raketenwerfern angegriffen worden, teilte ein Vertreter der russischen Besatzungsbehörden, Wladimir Rogow, im Nachrichtenkanal Telegram mit. Zuvor hatte die Ukraine Russland beschuldigt, das AKW ins Visier zu nehmen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Russland in seiner abendlichen Videobotschaft erneut "nukleare Erpressung" vor: "Niemand sonst hat ein Atomkraftwerk so offensichtlich benutzt, um die ganze Welt zu bedrohen und Bedingungen zu stellen." Ein Unfall im größten Kernkraftwerk Europas wäre wie ein Atomschlag, nur ohne den Einsatz von Atomwaffen, sagte Selenskyj.

Russland ist neben China, Frankreich, Großbritannien und den USA ständiges Mitglied im Sicherheitsrat und besitzt dort Vetorecht. Damit ist eine Verurteilung Russlands im mächtigsten UN-Gremium ausgeschlossen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 11. August 2022 um 22:15 Uhr.