Eine Familie flieht mit ihren Habseligkeiten aus der Provinz Kandahar (Afghanistan). | AFP

Nach Abzug der NATO-Truppen Braucht Afghanistan UN-Blauhelme?

Stand: 06.07.2021 09:03 Uhr

Seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen rücken die radikal-islamischen Taliban in Afghanistan immer weiter vor. Die Zivilbevölkerung leidet - was kann die UN tun?

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Es gebe nur eine akzeptable Richtung für Afghanistan, mahnt die UN-Sondergesandte Deborah Lyons: "Weg vom Schlachtfeld. Hin zum Verhandlungstisch."

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Vor dem Sicherheitsrat sagt die Chefin der UN-Mission UNAMA, die Vereinten Nationen müssten alles in ihrer Kraft Stehende tun, um die Konfliktparteien an diesen Tisch zu drängen. Sie dürften die leidende Zivilbevölkerung nicht hilflos den radikal-islamischen Taliban überlassen:

Mehr als 50 der 370 Distrikte sind seit Mai in die Hände der Taliban gefallen. Die meisten dieser Gebiete umrunden Provinzhauptstädte. Es sieht so aus, als positionierten sich die Taliban, um diese Hauptstädte einzunehmen, nachdem die internationalen Truppen abgezogen sind."

Die UN könnten mehr tun

Doch die Kritik vieler: Die UN könnten mehr tun, um dies zu verhindern. Und einen Frieden voranzutreiben, sagt die Expertin für Internationale Beziehungen, Charli Carpenter, von der Universität Massachusetts: "Die Rolle der UN in Afghanistan ist bislang begrenzt. Die Kräfte dort wurden von der NATO und der internationalen Koalition organisiert. Aber mit dem Segen der Vereinten Nationen."

Der Sicherheitsrat hatte dem Militäreinsatz infolge der Anschläge des 11. September 2001 zugestimmt. Seitdem sind die UN am Hindukusch mit Organisationen wie UNICEF und anderen aktiv. Das größte Standbein ist UNAMA -  eine kleine politische UN-Mission mit etwa 1200 Mitarbeitern, von denen die meisten Afghanen sind. Sie koordinieren, monitoren, dokumentieren.

Es fehlen Friedenstruppen

Doch was fehlt, sind Friedenstruppen, sagt Carpenter: "Um eine Blauhelm-Mission reinzubringen, müssten die Taliban als rechtmäßiger Akteur in diesem Konflikt akzeptiert werden. Es müsste ein Frieden mit den Taliban ausgehandelt werden -  was lange keiner wollte. Und jetzt, wo sie mitverhandeln, brauchen wir Länder im Sicherheitsrat - auch die USA - die einem solchen Einsatz zustimmen."

Für die USA war das keine Option - solange sie selber das Sagen in Afghanistan haben wollten. Doch nach dem Abzug der US-Truppen wäre ein neuer Vorstoß möglich. Einem Blauhelm-Einsatz müssten beide Konfliktparteien zustimmen - nicht nur die Regierung in Kabul: "Bis jetzt gab es keine Zusage der Taliban dafür, aber sie haben signalisiert, dass sie eventuell einer Mission von Blauhelmen zustimmen würden, wenn die aus muslimischen Ländern kommen", sagt Carpenter.

Sicherheitsrat gespalten

Das müssten Länder aus einer anderen Region sein: etwa aus Ägypten, Bangladesch oder Indonesien. Möglich wäre auch eine bewaffnete humanitäre Intervention zum Schutz der Zivilbevölkerung. Doch auch das bräuchte die Zustimmung des Sicherheitsrats. Dazu sagt Carpenter: "Der Sicherheitsrat ist gespalten, wenn es um das Eingreifen aus humanitären Gründen geht. Und besonders Russland und China würden ein Veto gegen solche Maßnahmen einlegen."

Und drittens müssten die Ressourcen her. Sie fehlen bereits für die laufenden Projekte. Für dieses Jahr brauchen die UN 1,3 Milliarden Dollar, um fast 16 Millionen hilfebedürftigen Menschen zu helfen. Bislang haben sie 13 Prozent der Summe in ihrer Kasse.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 06. Juli 2021 um 06:08 Uhr.