Demo für Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in Argentinien | Bildquelle: dpa

Streit in Argentinien Legal abtreiben in der Heimat des Papstes?

Stand: 10.12.2020 13:34 Uhr

In Argentinien gilt ein besonders strenges Abtreibungsverbot. Seit Jahren wird erbittert über eine Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen gestritten - heute auch im Parlament.

von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

Belén wusste nicht, dass sie schwanger war. Die 27-Jährige aus der nordargentinischen Provinz Tucumán suchte ein Krankenhaus auf, weil sie starke Bauchschmerzen hatte - dort erlitt sie eine spontane Fehlgeburt. Und wurde, auf der Basis von Argentiniens strengen Abtreibungsregeln, wegen Mordes zu mehr als acht Jahren Haft verurteilt.

Sie saß drei Jahre in Haft, bis der feministischen Anwältin Soledad Deza 2017 ihre Freilassung gelang.

Eine Frage der Haltung

"Nach Belén wurden allein in Tucúman 34 Frauen wegen spontanen Fehlgeburten angeklagt, 165 wegen Abtreibung im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch und 72 Frauen wegen selbst provozierten Abtreibungen. Die Legalisierung von Abtreibungen ist etwas, das wir unserer Demokratie schulden. Das erfordert, persönliche Überzeugungen beiseite zu lassen, um anderen keine Gewalt anzutun.", sagte Anwältin Deza Anfang Dezember vor dem argentinischen Kongress.

Der argentinische Präsident Alberto Fernández | Bildquelle: dpa
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Der argentinische Präsident Alberto Fernández hat einen Gesetzentwurf zur Legalisierung von Abtreibungen eingebracht.

Debatte im Kongress

Erneut wird dort um ein liberales Abtreibungsrecht gerungen. Vor zwei Jahren scheiterte die Reform am konservativen Senat. Der erneute Versuch war ein Wahlversprechen von Präsident Alberto Fernández. Demnach sollen Schwangere in den ersten 14 Wochen sicher und kostenlos im öffentlichen Gesundheitswesen abtreiben dürfen.

Vor dem Kongressgebäude in Buenos Aires haben sich Demonstranten in grünen Halstüchern, grünem Mundschutz und grünen Umhängen versammelt; Hunderte singen "legale Abtreibung im Hospital".

Frauen mit grünen Tüchern demonstrieren in Argentinien für legale Abtreibungen | Bildquelle: dpa
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Pro-Choice-Aktivistinnen demonstrieren vor dem Kongress in Buenos Aires für die Entkriminalisierung von Abtreibung.

 

"Auf dass das Gesetz diesmal verabschiedet wird. Je mehr Druck wir machen, desto größer die Chancen. Wir lassen nicht locker. Es geht um unsere Rechte, und dafür kämpfen wir hier auf der Straße", sagt die Demonstrantin Eva Amorrin.

Grüne Welle für legale Abbrüche

Die "marea verde" ist zurück, die grüne Welle. Lateinamerikaweit ist diese Farbe mittlerweile ein Symbol für die Liberalisierung strikter Abtreibungsregeln, wie sie in fast allen Ländern der Region noch immer herrschen. In Argentinien sind Eingriffe nur nach Vergewaltigung und bei Gefahr für die Mutter erlaubt. Fakt ist: Abtreibungen werden trotzdem gemacht, sagt die Ärztin Cecilia Ousset:

"Katholische Frauen, jüdische, muslimische, atheistische, Sexarbeiterinnen und Hausfrauen, Verheiratete und Singles, alle Frauen treiben ab, alle. Das Problem ist, dass sie es heimlich tun müssen, in guten oder schlechten sanitären Konditionen, je nach ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten."

Allein in Argentinien werden jährlich rund 40.000 Frauen nach verpfuschten Eingriffen in öffentlichen Kliniken behandelt, zwischen 2016 und 2018 starben 65 Frauen an den Folgen einer illegalen Abtreibung.

Kirchen machen mobil

Die Legalisierung, ausgerechnet in der Heimat des Papstes, wäre nichts weniger als eine Revolution - das wissen auch die Gegner, die ebenfalls mobilmachen - in Himmelblau, den argentinischen Nationalfarben.

Der Staat zwänge Frauen zu Abtreibungen, ruft die Rednerin ins Megaphon, Abbrüche seien noch bis in den 9. Monat erlaubt, steht auf einem Plakat. Kreuze werden hochgehalten, auch ein riesiger, aus Pappmaché gebastelter Fötus ist zu sehen. Im Kongress meldet sich die Gisela Reynaga vom Abtreibungsgegner-Netzwerk "Ärzte für das Leben" zu Wort:

"Wir Ärzte retten Leben, wir sind doch keine Auftragskiller. Besser ins Gefängnis gehen, als frei in einem Land herumzuspazieren, das schutzlosen, argentinischen Landleuten das Recht auf Leben abspricht."

Es werden alle Register gezogen, der Druck der Kirchen - katholischer und evangelikaler - ist enorm. Aus Sicherheitsgründen wurde der Platz vor dem Kongress mit Gittern in zwei Lager geteilt: Gegner und Befürworter haben am Tag der Abstimmung im Abgeordnetenhaus zur Mahnwache aufgerufen.

Debatte um Legalisierung von Abtreibungen in Argentinien
Anne Herrberg, ARD Buenos Aires
10.12.2020 10:46 Uhr

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