Bryan Stevenson | dpa

US-Bürgerrechtler Stevenson Erinnern, verstehen, verändern

Stand: 03.12.2020 10:21 Uhr

Dem US-Bürgerrechtler Stevenson wird heute der Alternative Nobelpreis verliehen. Stevenson ist eine führende Stimme in der Rassismus-Debatte im Land. Und er kämpft für ein bewusstes Erinnern an Sklaverei und Lynchjustiz.

Von Torsten Teichmann, ARD-Studio Washington

Im Sommer 2020 gehen Zehntausende Menschen nach dem gewaltsamen Tod des schwarzen Amerikaners George Floyd durch Polizisten in den USA auf die Straße. Sie protestieren gegen Polizeigewalt und Rassismus. Und der Anwalt und Bürgerrechtler Bryan Stevenson ist ein gefragter Gesprächspartner. Die Lage in den USA schildert er so:

Was wir im Land sehen, ist ein kollektiver Ausdruck dafür, wie leid wir es sind, dass wir bedroht, an den Rand gedrängt und anders behandelt werden. Und wir müssen uns mit der Krise der Polizei beschäftigen, aber genauso mit unserer Geschichte von Ungerechtigkeit auf Basis ethnischer Herkunft.
Torsten Teichmann ARD-Studio Washington

Stevenson tritt für eine Reform der Polizei und des Strafvollzugs ein. Aber vor allem wirbt der 61-Jährige dafür, dass sich die Amerikaner ihrer Geschichte stellen:

Sich der Geschichte stellen, ändert nichts an den Machtverhältnissen. Und Menschen, die ein angenehmes Leben führen in schönen Teilen der Stadt, müssen diese Stadtteile auch nicht verlassen. Aber hoffentlich sind sie weniger gleichgültig, wenn es darum geht, wie Politik und Verfahren schwarzen Amerikanern Rechte entziehen, sie unterdrücken, ausschließen und an den Rand drängen.
US-Bürgerrrechtler Stevenson und Mitstreiter enthüllen 2013  eine Gedenktafel zum Sklavenhandel in den USA in Montgomery (US-Bundesstaat Alabama) | picture alliance/AP Photo

Sich der Geschichte stellen: 2013 enthüllen Stevenson und Mitstreiter eine Gedenktafel zum Sklavenhandel in Montgomery. Bild: picture alliance/AP Photo

Über die Erinnerung ins Gespräch kommen

Aber wie soll die Gesellschaft überhaupt ins Gespräch kommen? Mit seiner Initiative für "equal justice", also in etwa gleichwertige Gerechtigkeit, hat Stevenson in Montgomery (US-Bundesstaat Alabama) eine bewegende, moderne Gedenkstätte für die Opfer von Lynchjustiz in den USA geschaffen.

Der Weg durch die offene Halle führt durch 800 rostig verwitterte Stahlquader, die von der Decke hängen und zunächst bis zum Boden reichen. Der Boden senkt sich aber, je weiter man ins Innere des Mahnmals, also in die Geschichte vordringt, so dass die Stahlquader am Ende über den Köpfen der Besucher hängen wie die Opfer eines Lynchmords.

Wir haben nicht über die Folgen der Sklaverei gesprochen, nicht über Lynchmorde als rassistisch motivierten Terrorismus, nicht über Verletzungen, die Jahrzehnte der Rassentrennung hinterlassen haben. Wir sind uns nicht bewusst, wie beschämend diese Geschichte ist. Und Scham wäre nichts schlechtes. Sie würde uns anhalten, die Fehler der Vergangenheit kein weiteres Mal zu begehen.
Im "Legacy"-Museum von Mongomery (US-Bundesstaat Alabama) hängen Stelen mit Namen von Opfern von Lynchmorden von der Decke | picture alliance/AP Images

Die Opfer aus der Anonymität herausholen - auch das sollen die Stelen im "Legacy"-Museum in Montgomery. Bild: picture alliance/AP Images

Den Opfern einen Namen geben

Die Gedenkstädte erinnert an Tausende schwarze Amerikaner, die nach Ende der Sklaverei von Weißen gelyncht worden sind. Einige der Morde sind entlang des Wegs als Zeugnisse auf Metallplatten festgehalten: In Calhoun County in Georgia zündete Weiße 1884 das Haus von Calvin Mike an, nachdem er seine Stimme bei einer Wahl abgegeben hatte. Mikes Mutter und zwei seiner Töchter wurden dabei ermordet. Jack Brownlee wurde 1894 in Oxford in Alabama gelyncht. Brownlee hatte einen weißen Amerikaner angezeigt, der versucht hatte, seine Tochter zu belästigen.

Als Stevenson damals nach Montgomery kam, habe es 59 historische Markierungen für die Konföderation der Südstaaten gegeben, aber nicht einen Hinweis auf die Geschichte der Sklaverei in der Stadt, hat Stevenson bei einem Gespräch vor zwei Jahren erzählt.

Seine Familie stammt ursprünglich aus Delaware. Und seine Mutter konnte die Entscheidung des jungen schwarzen Strafverteidigers nur schwer verstehen, ausgerechnet in den Süden der USA zu ziehen. An der Stelle beginnt auch die Verfilmung seines Buches "Just Mercy", in dem er erzählt, wie er als Harvard-Absolvent den Fall von Walter McMillian übernimmt, der zu Unrecht wegen Mordes verurteilt worden war. Stevenson erreicht, dass alle Anklagepunkte nach fünf Jahren fallen gelassen werden.

Mahnmal für die Opfer von Sklaverei und Lynchjustiz in Mongomery (US-Bundesstaat Alabama) | picture alliance/AP Photo

"Raise up" - steht auf: Der Name des Mahnmals am Museum in Montgomery beschreibt die Gewalt an Schwarzen und ruft zugleich zum Handeln auf. Bild: picture alliance/AP Photo

Die Folgen der Sklaverei

Zum Memorial in Montgomery gehört auch ein Museum. Es liegt im früheren Viertel der Sklavenhändler. Im Inneren sind alle Aufnahmen untersagt. Der Besuch beginnt vor den Türen von Gefängniszellen. Auf Projektionen erscheinen Schauspieler wie Geister der Vergangenheit. Frau, Männer und Kinder spielen versklavte Menschen. Sie klagen. Die Geschichte der Sklaverei wird so lebendig. Was im nächsten Raum folgt, ist die Erinnerung vor der sich ein ganzes Land drückt. Die Idee dahinter umreißt Stevenson so:

Die Besucher sollen verstehen, dass nach der Sklaverei der Terrorismus begann. Auf Terror folgte Rassentrennung. Und auf Rassentrennung folgte die massenhafte Inhaftierung schwarzer Amerikaner. Die Verbindung zwischen den Ereignissen ist uns wichtig.
Mahnmal zur Erinnerung an die Sklaverei vor dem "Legacy"-Museum in Montgomery (US-Bundesstaat Alabama) | picture alliance/AP Images

Eine weitere Skulptur arbeitet die Erniedrigung der als Sklaven gehaltenen Menschen auf. Bild: picture alliance/AP Images

Einladung zu eigener Aktivität

Mit dem Museum und der Gedenkstätte hat Montgomery einen Gegenpol zum Vergessen erhalten. Alle 800 Stahlquader mit den Namen von Mordopfern und Tatorten gibt es ein zweites Mal. Sie liegen neben der Erinnerungshalle, neben einander gestapelt in langen Reihen. Gemeinden können Patenschaften für die Stehlen übernehmen. Das Ziel:

Personen beim Namen nennen. Orte beim Namen nennen. Es bedeutet, dass Menschen aus diesen Gemeinden über ihre Geschichte nachdenken müssen. Und ich hoffe, daraus entsteht der Wunsch nach Austausch, nach Diskussionen, um unseren Platz neu zu finden.

Es ist ein langer Prozess, den Stevenson mit seiner Initiative begleiten will. So gesehen hat die Aufarbeitung dieser Geschichte in den USA gerade erst begonnen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Dezember 2020 um 20:00 Uhr.