Der albanische Landwirt Ymer Cenja | Bildquelle: Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Albanien vor Geberkonferenz "Europa wird uns nicht im Stich lassen"

Stand: 17.02.2020 05:00 Uhr

Seit Ende November in Albanien die Erde bebte, warten die Betroffenen auf den Wiederaufbau - doch der wird teuer. Auf die heutige Geberkonferenz in Brüssel richten sich daher viele Hoffnungen.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien, zzt. Tirana

"Also hier wohnen wir", sagt Ymer Cenja und schiebt eine Plastikplane zur Seite, die früher mal der Eingang zu seinem kleinen Treibhaus war. Heute ist der etwa 15 Quadratmeter große Raum im Garten der Cenjas Schlafzimmer, Wohnzimmer und Küche in einem.

Zusammen mit seiner Frau Fiqirete sitzt der 60-jährige Landwirt auf einem großen Doppelbett, das den Raum fast völlig ausfüllt. Während Nieselregen auf die fest gespannte Plane des Treibhauses trommelt, trinkt der schmächtige Mann mit dem sonnengegerbten Gesicht Kaffee und das dazu obligatorische Schnäpschen. Trotz der Umstände will er guter Gastgeber sein und keine schlechte Stimmung verbreiten: "Wir sind zufrieden, denn Gott hat unser Leben gerettet. Aber hier ist es schwierig. Es ist feucht. Und wenn es regnet, kommt auch Wasser rein und nachts wird es kalt. Wir versuchen, mit Strom und Gas zu heizen, aber es ist sehr schwierig."

Wie nach einem Luftangriff

Die Cenjas wohnen im Garten, zwischen Obstbäumen und herumstreunenden Hühnern, weil ihr wenige Meter entferntes Haus einsturzgefährdet ist. Es steht im kleinen Ort Thumana, etwa 50 Kilometer von der Hauptstadt Tirana entfernt. 24 Menschen starben hier bei dem schweren Erdbeben vom 26. November 2019.

In unmittelbarer Nachbarschaft der Cenjas sieht es auch heute noch aus wie nach einem Luftangriff. Trümmer liegen auf tennisplatzgroßen Flächen verstreut, hier und da blitzen aus dem Schutt Spuren der früheren Bewohner auf: Reste von Koffern, Räder von Kinderwagen, Schuhe aller Größen und Formen.

Karte: Albanien Tirana Thumana
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Das Erdbeben am 26.11.2019 ereignete sich etwa 30 Kilometer nordwestlich der albanischen Hauptstadt Tirana.

Das kleine Wohnhaus der Familie Cenja ist noch da. Neben der blechernen Eingangstür hat jemand ein gelbes Kreuz gesprüht. Das bedeutet: Sachverständige haben befunden, dass das Haus stehenbleiben kann, aber unbedingt repartiert werden muss, um wieder bewohnbar zu sein.

"Hier haben wir geschlafen", sagt Ymer Cenja und zeigt auf einen bedrohlich wirkenden Riss an der Decke seines ehemaligen Schlafzimmers, der den Blick auf das Mauerwerk freigibt und dessen Form an einen Blitz erinnert. "Dann hat die Erde gebebt und der große Riss in der Wand war zu sehen. Wir sind dann schnell raus."

Nur zum Duschen und um Wäsche zu waschen kommen sie noch ins Haus. Zu groß ist die Angst, dass das Gebäude einstürzen könnte. Außerdem muss Ymer Cenja dann immer an ein Ereignis aus der Erdbebennacht denken, das er nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Der albanische Landwirt Ymer Cenja vor seinem ehemaligen Treibhaus, in dem er nun wohnt. | Bildquelle: Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien
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Das kleine Gewächshaus ist zurzeit Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche für Ymer Cenja und seine Frau.

Eine Milliarde Euro für den Wiederaufbau

Wer wie die Cenjas durch das Erdbeben obdachlos geworden ist oder seine Wohnung nicht mehr bewohnen kann, wartet auf Hilfe vom albanischen Staat. Neben insgesamt 51 Toten und fast 1000 Verletzten sind nach offiziellen Angaben fast 20.000 Familien direkt vom Erdbeben betroffen. Sie wohnen entweder in Zelten oder anderen Notunterkünften oder sie sind bei Verwandten untergekommen. Einige haben Wohnungen gefunden, deren Miete übergangsweise vom Staat bezahlt wird.

Der Wiederaufbau wird insgesamt mehr als eine Milliarde Euro kosten, veranschlagen die Behörden. Das haben albanische und internationale Experten in wochenlanger Arbeit ermittelt. Eine Milliarde Euro sind rund acht Prozent des albanischen Bruttosozialprodukts und für den kleinen Balkanstaat alleine nicht zu schaffen. Außerdem fehlt es an Fachkräften für den Aufbau - vom Ingenieur bis zum Bauarbeiter.

Hoffen auf bis zu 50 Prozent der benötigten Summe

Der frühere Finanzminister Arben Ahmetaj ist im Januar zum Staatsminister für Wiederaufbau ernannt worden, ein eigens für die Bewältigung der Erdbebenfolgen geschaffenes Amt. Im Gespräch mit der ARD macht er auf ein weiteres Problem aufmerksam:

"Neben dem, was man auf den ersten Blick sieht, ist da noch das wirtschaftliche Problem, das Problem mit der Armut. Denn überall gibt es mehr Armut, wo sich Naturkatastrophen ereignen - weil sie Geschäfte und die Art zu leben zerstören. Sie zerstören Eigentum, Häuser, Infrastruktur, Dienstleistungen. Und das ist ein großes Problem, mit dem die Regierung gerade zu kämpfen hat."

Ahmetaj setzt große Hoffnungen auf die EU-Staaten, die USA, die Vereinten Nationen und internationale Organisationen wie die Weltbank. Sie werden auf Initiative der EU-Kommission heute zu einer Geberkonferenz für Albanien zusammenkommen. 30 bis 50 Prozent der benötigten Summe könnten dabei zusammenkommen, kalkuliert Ahmetaj.

Skeptikern, die dem korruptionsgeplagten Albanien einen gewissenhaften Umgang mit dem Geld der Geberländer nicht zutrauen, widerspricht er. Wenn beispielsweise eine zweiköpfige Familie früher 200 Quadratmeter zur Verfügung hatte, werde sie vom Staat dennoch nur eine Wohnung in der Größe von 60 bis 70 Quadratmetern gestellt bekommen. "Eigentlich sind wir überhaupt nicht dabei, etwas zu veruntreuen, ganz im Gegenteil", sagt er. "Wir zeigen, dass wir wirklich sparsam und reif sind und die Steuergelder der Albaner respektieren, genauso wie die Steuergelder aller Länder, die zum Wiederaufbau beitragen werden."

Blumen vor einem Wohnhaus in Albanien - hier kamen beim Erdbeben sieben Menschen ums Leben. | Bildquelle: Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien
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An dieser Stelle kamen beim Erdbeben vom 26. November 2019 sieben Menschen ums Leben. Ihr fünfstöckiges Wohnhaus stürzte ein.

"Großes Vertrauen in alle, die helfen wollen"

In Thumana erinnert ein im Schutt abgelegter Blumenstrauß an die sieben Toten, die beim Einsturz eines fünfstöckigen Wohnblocks in der Erdbebennacht umgekommen sind. Landwirt Ymer Cenja wohnt direkt nebenan. Der Lärm, der Staub und die Schreie der Eingeschlossenen sind ihm immer noch sehr präsent. "Wir sind zur Ruine gerannt und haben zwei Menschen gerettet - ein siebenjähriges Kind und eine Frau. Sie hatte das Kind zwischen ihre Beine genommen und so vor dem Tod bewahrt."

Von der Geberkonferenz in Brüssel habe er gehört, sagt Cenja. Sie könnte der Anfang sein für eine Rückkehr in das alte Leben der Familie, das sich vor weniger als drei Monaten von Grund auf geändert hat:  "Wir haben große Hoffnungen - vor allem an Europa. Europa wird uns in dieser Situation nicht im Stich lassen. Wir haben großes Vertrauen in Deutschland, Amerika, in alle, die uns helfen wollen."

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Schweres Erdbeben in Albanien (19.11.2019)

Trümmer eines Hauses liegen auf einem Pkw

Das wohl schwerste Erdbeben seit Jahrzehnten in Albanien hat am frühen Morgen die Westküste des Balkanstaats erschüttert. | Bildquelle: AP

Europa wird uns nicht im Stich lassen: Albanien vor der Geberkonferenz
Srdjan Govedarica, ARD Wien
16.02.2020 18:48 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. Februar 2020 um 05:40 Uhr.

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