Wandgemälde mit den syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi

Der Fall Alan Kurdi "Bis dahin hat die Welt geschwiegen"

Stand: 20.06.2020 13:24 Uhr

Der Weltflüchtlingstag soll auf die Not Geflüchteter aufmerksam machen. Ein Symbol dafür wurde das Bild des toten Alan Kurdi. Nur der Vater überlebte die Überfahrt. Nun spricht die Familie.

Von Bamdad Esmaili, WDR

Am 2. September 2015 endete an einem Strand, nahe des türkischen Dorfes Akyarlar, die tragische Flucht der Familie Kurdi. Das Bild des toten Jungen Alan Kurdi wird weltweit veröffentlicht und wird zum traurigen Zeugnis und Symbol der Fluchtkrise. Die Not und das Schicksal von Flüchtlingen damals hatte nun ein Gesicht - einen toten Körper, von einem zweijährigen Jungen. 

Die Kurdis waren eine syrische Mittelklassefamilie: Vater Abdullah Kurdi, von Beruf Friseur, und Mutter Rehanna flohen 2012 mit ihren beiden Söhnen Ghalib und Alan vor dem syrischen Bürgerkrieg aus Damaskus. Erst nach Aleppo und dann nach Kobane, die Stadt aus der Mutter Rehanna stammt. Doch auch hier sind sie vor dem IS nicht sicher. Um Arbeit zu finden, ging Abdullah Kurdi zuerst allein in die Türkei, holte später seine Familie nach. Aber das Leben in Istanbul war schwer und Abdullah Kurdi fand keine Arbeit als Friseur, half auf Baustellen. Schließlich fasste er einen Plan und wollte wie Hunderttausende Flüchtlinge damals mit dem Boot nach Europa, wo schon ein Bruder lebte.

Verschiedene Zeitungen mit dem Foto eines türkischen Polizisten, der die Leiche des dreijährigen Aylan Kurdi trägt

Zeitungen in aller Welt zeigten das Foto des Polizisten, der die Leiche des dreijährigen Alan Kurdi trägt.

Mit einem Schlauchboot wollte die Familie Kurdi die griechische Insel Kos ansteuern. Doch das Boot kenterte, der kleine Alan, sein Bruder Galib und Mutter Rehanna sind ertrunken, nur der Vater, Abdullah Kurdi, überlebt: "Wir hatten Schwimmwesten, wir haben versucht, unsere Kinder über Wasser zu halten, haben es aber nicht geschafft. Erst ist Galib gestorben, dann Alan. Und ich werde nie Galibs Worte vergessen, wie er zu mir sagte: 'Papa, hab keine Angst'", berichtet Abdullah Kurdi den tragischen Moment von damals in einem TV Interview.

"Die Herzlichkeit wieder vernachlässigt"

Nach fünf Jahren hat der WDR den Kontakt zu Abdullah Kurdi gesucht. Er lebt heute in Erbil - im irakischen Kurdengebiet. Am Telefon berichtet er, wie er heute über die Ereignisse von damals denkt: "Nach dem Unfall habe ich mich gefreut zu sehen, dass Länder ihre Grenzen und ihre Herzen für die Flüchtlinge geöffnet haben. Und dass sie sie mit Herzlichkeit empfangen haben. Aber leider nach zwei bis drei Monaten hat man diese Herzlichkeit wieder vernachlässigt. Ich rate den Menschen ab, sich über den gefährlichen Weg nach Deutschland oder egal in welches Land zu machen."

Am 15. September, knapp zwei Wochen nach dem Tod von Alan Kurdi wird Angela Merkel auf einer Pressekonferenz gefragt, ob sie mit ihrer Entscheidung Grenzen zu öffnen, verantwortlich für den Flüchtlingsansturm sei. Mit einer emotionalen Antwort kontert die Bundeskanzlerin: "Ich muss ganz ehrlich sagen: Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land."

Hilfe für Geflüchtete im Irak

Abdullah Kurdi gründete nach der Tragödie mit seiner Schwester Tima eine Hilfsorganisation. Mit der "Kurdi Foundation" und den Spendengeldern, die sie bekommen, helfen sie Geflüchteten in Lagern in Erbil.

Tima Kurdi lebt seit über 20 Jahren in Kanada und fühlt sie nach wie vor schuldig für den Tod der Familie ihres Bruders. Denn sie hatte ihnen das Geld, rund 3500 Euro, für die Schlepper geschickt, erzählt sie schluchzend im Interview mit dem WDR: "Ich sagte, das ist meine Schuld und Abdullah sagte: Nein, du bist die beste Schwester der Welt. Du wolltest uns helfen."

"Es hat Millionen Herzen berührt"

Warum ausgerechnet das Foto von Alan Kurdi zum Symbolbild der Flüchtlingskrise von 2015 wurde, kann sich Tima Kurdi nicht erklären: "Davor sind viele Tausende Unschuldige gestorben und die Welt hat geschwiegen. Bis zu diesem Foto. Mein Neffe Alan Kurdi - es hat die Leute bewegt. Es hat Millionen Herzen berührt. Und die meisten haben dann ihr Schweigen gebrochen und haben gesagt: Genug ist genug. Wir müssen anderen helfen."

Die Geschichte von Abdullah Kurdi kommt aber doch noch zu einer guten Wendung. Vor drei Jahren hatte er wieder geheiratet und im März ist er noch einmal Vater geworden: "Ich wusste nicht, ob ich mich freuen soll oder ich mich traurig fühlen soll oder weinen soll. Keine Ahnung was mit mir passiert ist. Wenn man sein eigenes Kind verliert, und ich hoffe, du wirst so was nie erleben, es ist ein sehr eigenartiges Gefühl wenn man schon mal ein Kind verloren hat und dann ein neues Baby bekommt. Mir geht es jetzt Gott sei Dank besser." Das Baby ist sein großes Geschenk. Abdullah Kurdi hat es nach seinem verstorbenen Sohn benannt, Alan. 

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Über dieses Thema berichtet der Weltspiegel am 21. Juni 2020 um 19:20 Uhr.