Das Red Ribbon - rote Schleife - am Anzug eines Teilnehmers der Welt-Aids-Konferenz in Amsterdam | Bildquelle: REUTERS

Aids in Russland "Jagt das Virus - nicht Menschen!"

Stand: 24.07.2018 12:42 Uhr

Rund 15.000 Experten beraten auf der Welt-Aids-Konferenz in Amsterdam. Besonders dramatisch ist die Lage für HIV-Infizierte laut Aktivisten in Russland. Sie sagen, die Regierung ignoriere Aids und setze falsche Prioritäten.

Von Jeanne Turczynski, BR, zzt. Amsterdam

In über 50 Ländern steigen die Infektionen mit dem HI-Virus an. Besonders dramatisch ist die Lage in Osteuropa und Zentralasien. Vor allem Russland hat ein Problem. Darauf weisen Aktivisten auf der Welt-Aids-Konferenz in Amsterdam hin. Die russische Aktivistin Anna Dovbach sagt, die Regierung in Moskau ignoriere die Probleme und setze die falschen Prioritäten.

Rund 100.000 Menschen haben sich im vergangenen Jahr in Russland mit HIV angesteckt. Mehr als die Hälfte von ihnen war drogenabhängig. Und mit Drogenabhängigen geht man in Russland nicht zimperlich um. Schon für den Besitz von ein paar Gramm Marihuana kann man ins Gefängnis kommen.

Teilnehmer der Welt-Aids-Konferenz in Amsterdam | Bildquelle: REUTERS
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Teilnehmer der Welt-Aids-Konferenz in Amsterdam. Besonders dramatisch ist die Lage für HIV-Infizierte in Osteuropa und Zentralasien.

Größter Absatzmarkt für Heroin weltweit

Doch in Russland werden auch ganz andere Drogen konsumiert. Das Land gilt als größter Absatzmarkt für Heroin weltweit. Wer beim Konsum von Heroin erwischt wird, dem drohen harte Strafen. "Was passiert? Sie wandern ins Gefängnis, werden vielleicht sogar gefoltert", sagt Dovbach in Amsterdam. "Und dann droht ihnen der kalte Entzug, das ist der Horror, den wir hier wahrnehmen."

Dovbach leitet die russische Organisation Eurasian Harm Reduction Association (EHRA). Der Verein unterstützt Drogenabhängige in Russland. Für Abhängige ist es beispielsweise wichtig, saubere Spritzen zu verwenden, um etwa die Verbreitung von HIV zu verhindern. "Harm reduction" - also Schadensbegrenzung - ist der Fachbegriff dafür.

Viele Länder sind dazu übergegangen, Abhängigen saubere Spritzen zur Verfügung zu stellen. Die Niederlande sind ein Beispiel. In Russland ist das zurzeit undenkbar. Immer wieder hat Präsident Wladimir Putin deutlich gemacht, dass man Drogenabhängige nicht brauche. Er jage sie, sagt Dovbach in Amsterdam. Sie fordert: "Jagt das Virus - nicht Menschen!"

Finanzierung von Hilfsprogrammen ungesichert

Dovbachs Forderung ist ein Motto, unter dem sich mehrere Organisationen aus Osteuropa und Zentralasien zusammengeschlossen haben. Sie wollen nicht mehr hinnehmen, dass die HIV-Epidemie sich unbeachtet weiter ausbreiten kann. Russland gibt einige hundert Millionen Dollar jährlich für die HIV-Behandlung aus. Die Frage ist jedoch: Wo geht das Geld hin?

Für vorbeugende Programme wird das Geld offenbar nicht aufgewendet. Die werden ausschließlich mit Geldern aus dem von der UN im Jahr 2001 ins Leben gerufenen Globalen Fonds finanziert - also aus dem Ausland. Der Globale Fonds unterstützt Regierungen bei der Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose. In diesem Jahr allerdings laufen die Mittel aus dem Fonds für Russland aus. Wie es dann mit der Behandlung von HIV-Patienten weiter geht, ist völlig unklar.

Zahl der HIV-Infizierten in Russland gestiegen
tagesschau 20:00 Uhr, 24.07.2018, Demian von Osten, ARD Moskau

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Menschen bleiben ohne Behandlung

"Alles, was wir für die HIV-Prävention ausgeben, wird verschwendet", so Dovbach. Die Menschen würden weggesperrt, "und dann bekommen sie keine Behandlung, werden auch nicht getestet", sagt sie.

Schlecht werden auch Homosexuelle in Russland behandelt. Zwar sind sie eine vergleichsweise kleine Gruppe von Infizierten. Aber Zuspruch erfahren sie nur selten. Im öffentlichen Leben ist es ihnen quasi verboten, sich zu zeigen. Das erschwert die Aufklärung über HIV und die Behandlung einer Infektion.

Linda-Gail Bekker, Präsidentin der Internationalen Aids-Gesellschaft, auf der Aids-Konferenz in Amsterdam | Bildquelle: AFP
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Linda-Gail Bekker, Präsidentin der Internationalen Aids-Gesellschaft, auf der Aids-Konferenz in Amsterdam: "Ihr müsst handeln. Und zwar schnell."

Schwules Leben nur im Verborgenen

Entsprechend findet schwules Leben nur im Verborgenen statt. Der Aktivist Vitaly Djuma, der sich für die Rechte von Schwulen in Osteuropa engagiert, sagt: "Natürlich gehen wir nicht zum Arzt. Wir schützen uns nicht, werden nicht getestet und eben auch nicht gegen HIV behandelt."

Im letzten Jahr waren ein Fünftel aller mit dem HI-Virus in Russland neu Infizierten homosexuelle Männer.

Die Präsidentin der Welt-Aids-Konferenz, Linda-Gail Bekker aus Südafrika, hat eine Botschaft für Politiker in Osteuropa. "Ihr müsst handeln. Und zwar schnell", sagt sie. In Russland würden aktuell etwa eine Million Menschen mit HIV leben - die Dunkelziffer könne deutlich höher sein.

Orthodoxe Kirche setzt auf Enthaltsamkeit

Die Menschen sind nicht informiert über die Seuche, deshalb wird sie auch an die weiter gegeben, die keine Drogen nehmen. 43 Prozent der HIV-Infizierten in Russland sind heterosexuell. Russlands orthodoxe Kirche hat dafür gesorgt, dass der Sexualkundeunterricht aus den Schulen verbannt wird. Sie setzt auf Enthaltsamkeit. So kann Russlands Präventionspolitik - gefördert mit immerhin bis zu 600 Millionen Dollar im Jahr - als gescheitert gelten.

Hinzu kommt, dass Präsident Putin in den letzten zehn Jahren die Begriffe HIV und AIDS nicht einmal öffentlich erwähnt hat. "Das muss aufhören! Er muss das Offensichtliche sehen. Die Infektionen steigen in seiner Region, in seinem Land", sagt Bekker.

Aidskonferenz 2018: HIV breitet sich dramatisch in Osteuropa aus
Jeanne Turczynski, NDR
24.07.2018 09:56 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. Juli 2018 um 12:00 Uhr.

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