Binnenflüchtlinge bauen bei Batangafo (Zentralafrikanische Republik) behelfsmaäßige Hütten auf. | dpa

Zentralafrikanische Republik Schon mitten im nächsten Konflikt

Stand: 17.02.2021 12:53 Uhr

Der Internationale Gerichtshof verhandelt gerade gegen zwei Rebellenführer aus dem Bürgerkrieg in der Zentralafrikanischen Republik im Jahr 2013. Im Land tobt schon der nächste Konflikt. Hunderttausende sind auf der Flucht.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

"Kaum eine Krise wird so wenig beachtet wie die in der Zentralafrikanischen Republik", klagt Peter Maurer, Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, der gerade noch dort war. Die "ZAR" zählt zu den drei ärmsten Ländern der Welt. Dabei ist sie gleichzeitig doch so reich: Gold, Diamanten, wichtige Metalle - die Europäer, die USA, aber auch Russland und China wissen das.

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Und sicher wissen es auch die Politiker und Milizenführer des Landes. Das Verteilen von Schürflizenzen ist lukrativ: Wer sie selbst nicht offiziell verteilen kann, lässt als Milizenführer selbst nach den Schätzen graben. Mit dem Gewinn können sie ihre Armeen unterhalten und Krieg führen - das ist womöglich einträglicher als ein Sitz im Parlament.

Wahl als Brandbeschleuniger

Die Präsidentschaftswahlen im Dezember, die Präsident Faustin-Archange Touadéra gewann, haben jedenfalls wieder alles schlimmer gemacht. Verbunden ist dies vor allem mit einem Namen: Francois Bozize. Zunächst war der Ex-Präsident nicht als Präsidentschaftskandidat zugelassen worden. Er galt als belastet, weil er sich 2003 an die Macht geputscht hatte und 2013 seinen Beitrag zum letzten, verhängnisvollen Bürgerkrieg geleistet hatte.

Der Ex-Präsident der Zentralafrikanischen Republik, Francois Bozize (Foto vom 27.01.2020). | AFP

Der Ex-Präsident der Zentralafrikanischen Republik, Bozize, ist zurück im Land - und soll hinter einer Rebellenoffensive stecken. Bild: AFP

Vor den Wahlen kam Bozize aus dem Exil zurück und steckt nun wahrscheinlich hinter dem nächsten Krieg - auch wenn er selbst das leugnet. Beobachter glauben, er habe die wichtigsten, 2013 noch verfeindeten Rebellengruppen geeint. Die neue Allianz blies zum Marsch auf Bangui.

Seither wird wieder geflohen, wird wieder gestorben. Zweitweise war die Hauptstadt eingekesselt, abgeschnitten von jeder Versorgung. Nach 50 Tagen Belagerung traf Anfang Februar der erste Konvoi aus Kamerun ein: 14 Lkw mit humanitärer Hilfe, begleitet von der UN. Das wird nicht reichen, um die Mehlpreise, die sich verdreifacht haben, wieder erschwinglich zu machen.

Viele Dörfer sind verwaist

Auf dem Land das gleiche trostlose Bild: Viele Fernstraßen sind verwaist, in vielen Orten sieht es aus wie in Bangassou und Mbomou. Anfang Januar hatten die Rebellen die Orte Im Osten angegriffen, Tausende Bewohner flohen daraufhin in die Wälder. Inzwischen sind einige Familien in ihre Häuser zurückgekehrt.

Nun, einen Monat später, kommen auch UN-Blauhelme mit einem Kamerateam der Nachrichtenagentur AFP und bringen die Bürgermeisterin des Dorfes Mbomou heim. Sie weiß, wie wichtig es ist, dass in der Region wieder Frieden und Ordnung herrschen: "Wenn die Rebellen die Gegend nicht verlassen, wird der Schulbeginn schwierig. Wenn die Kinder nicht zur Schule können, dann machen wir sie zu den Rebellen von morgen", sagt Pierette Benguere.

Prozess vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gegen zwei Angeklagte aus der Zentralafrikanischen Republik | Via REUTERS
Kriegsverbrechen vor Gericht

Am Internationalen Strafgerichtshof ist am Dienstag der Prozess gegen einen Milizenführer und einen hochrangigen Politiker der Zentralafrikanischen Republik wegen Bürgerkriegsverbrechen in den Jahren 2013 und 2014 eröffnet worden. Angeklagt sind der frühere Minister Patrice-Edouard Ngaïssona und ein Anführer der vorwiegend christlichen Anti-Balaka-Miliz, Alfred Yekatom. Die beiden werden für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich gemacht, darunter Mord, Folter, Einsatz von Kindersoldaten und Vertreibung der Zivilbevölkerung.

Rebellen wollen Touaderas Rücktritt

15 Kilometer weiter macht der selbsternannte Rebellengeneral Mahamat Saleh klar, was für ihn zählt: "Touadera muss abtreten", fordert er. Der Staatspräsident will aber nicht abtreten - und die UN, Ruanda und Russland wollen das auch nicht. Sie alle haben militärische Verstärkung geschickt. Dann gibt es noch die Europäer mit der alten Kolonialmacht Frankreich und China: Jeder Akteur hat seine Gründe, warum er am Status Quo festhält.

Die Frage ist nun, wie groß der Wille der Rebellen und ihrer Hintermänner ist, noch lange weiterzukämpfen. Zwei Drittel des Landes kontrollieren sie - zu viel, um auf absehbare Zeit von der Regierungsarmee und ihren Alliierten zurückerobert zu werden. Klar ist: Die Zentralafrikanische Republik bleibt ein schwerkranker Patient. Die Menschen werden weiter leiden. Und irgendwann wird wieder ein Kriegsverbrecher vor Gericht stehen.