Wahllokal bei der ersten Runde der Präsidentenwahl | EPA

Sao Tome wählt Große Versprechen - wenig Hoffnung

Stand: 08.08.2021 05:06 Uhr

Es ist das zweitkleinste Land Afrikas: Sao Tome und Principe heißt der Inselstaat, der in einer Stichwahl darüber entscheidet, wer Präsident wird. Beide Kandidaten versprechen den Menschen viel - vielleicht zu viel.

Von Sebastian Felser, ARD-Studio Rabat

Sao Tome und Principe liegt ziemlich genau auf dem Äquator. Es ist ein Inselstaat im Atlantik vor der Küste Zentralafrikas. Vor rund zwei Wochen hat das Land die erste Runde der Präsidentschaftswahlen abgehalten. Der frühere Infrastrukturminister - Carlos Vila Nova - lag in der ersten Runde mit knapp 40 Prozent der Stimmen vorne. Sein engster Verfolger heißt Guilherme Posser da Costa und war früher Premierminister - er ist auf 21 Prozent der Stimmen gekommen. Der drittplatzierte, Delfim Neves, hat sich über "massiven Wahlbetrug" beschwert.

Tatsächlich gab es Wahlboykott in einigen Gegenden, aber abseits davon sei die Wahl "normal" verlaufen, so die Wahlkommission. Also machen die beiden verbleibenden Kandidaten am Sonntag unter sich aus, wer die absolute Mehrheit der gut 120.000 Wahlberechtigten bekommt - Versprechen haben beide genug.

Vila Nova bei einer Pressekonferenz | EPA

Der frühere Infrastrukturminister Vila Nova hat gute Chancen, Präsident zu werden. Bild: EPA

Nur vage versprechen

Der zweitplatzierte Posser da Costa wirbt im Internet vor allem mit seiner Erfahrung. Immerhin war der Sozialdemokrat schon mal Premierminister - auch wenn das schon gut 20 Jahre her ist. Er verspricht "Harmonie und Fortschritt" - das ist sein Wahlspruch. Und was die Wahlversprechen angeht, sind die beiden Kandidaten gar nicht weit voneinander entfernt. Sein Gegner, der Favorit und frühere Infrastrukturminister Vila Nova verspricht, ein Präsident zu werden, der "das beste für alle garantieren" kann - das ist sein Wahlspruch!

Die Wahlwerbespots seiner konservativen ADI-Partei zeigen vor allem das, mit dem sich Vila Nova als Minister beschäftigt hat: Infrastruktur. Wasseraufbereitung, Bautätigkeit, schicke Touristen-Ressorts und Sportplätze, Sportplätze, Sportplätze. Das zentrale Versprechen hier: Der Staat lässt ech nicht allein. Das ist allerdings nicht gerade die Erfahrung, die die Menschen in Sao Tome und Principe in den letzten Jahren gemacht haben. Im Gegenteil: Der Staat kann nicht mal die historisch gewachsene Infrastruktur aufrecht erhalten.

Kolonialstaat mit blutiger Geschichte

Um das Jahr 1500 haben portugiesische Seefahrer Sao Tome erreicht. Daher stammt auch der Name: Am 21. Dezember - dem Tag des Heiligen Thomas, auf Portugiesisch "Sao Tome" - haben sie einer Überlieferung nach den ersten Fuß auf die zu dem Zeitpunkt wohl unbewohnte Insel gesetzt. In den Folgejahren hat Portugal eine Kolonie mit ertragreichem Zuckeranbau und angeschlossenem Sklavenhandel errichtet. In den folgenden Jahrhunderten gab es viele blutige Auseinandersetzungen - Sklavenaufstände, Rebellengruppen, Kämpfe im unwegsamen Hinterland.

Im 19. Jahrhundert war der Zuckeranbau an anderen Orten der Welt einfacher und billiger geworden, aber dafür gab es zwei neue Pflanzen auf dem Weltmarkt: Kaffee und Kakao waren heiß begehrt und wuchsen prächtig auf Sao Tome und Principe. Aus dieser Zeit stammen die "rocas" - das sind prächtige Kolonialbauten - Herrenhäuser, Nebengebäude, sogar Krankenhäuser, also richtige kleine Städte wurden da teilweise mit den Plantagen gebaut - von vielen Tausend Menschen, die in Sklaverei auf den Baustellen und auf den Feldern arbeiten mussten.

Verfallende Spuren einstigen Reichtums

Reich sind andere damit geworden, hat der Historiker Fernando d‘Alva der Nachrichtenagentur AFP erklärt, denn der Reichtum hier ist allenfalls noch zu erahnen: "Das Erbe dieser Zeit sind heute verfallene Bauten - der größte Teil von ihnen. Sie waren ganz klar luxuriös, aber das ist verschwunden. Ihre früheren Besitzer hatten sich große Mühe gegeben, denn sie haben geglaubt, dass ihre 'rocas' die Zeit überdauern würden - also haben sie sie stabil errichtet."

Fernando d‘Alva hat an der Universität von Sao Tome Geschichte unterrichtet. Wie viel und welcher Unterricht stattfindet, regelt seit Ausbruch der Corona-Pandemie das Gesundheitsministerium des Inselstaates.

Tourismus als mögliche Chance...

Sao Tome und Principe lag im Jahr 2019 auf Platz 137 von 189 Staaten im Entwicklungsindex. Der Staat ist in vielen Bereichen seinen Aufgaben kaum gewachsen. Somit sind die so prägenden "rocas" in einem schlechten Zustand. "Roca"-Bewohner Willy hat den Großteil seines Lebens auf so einer verfallenden Plantage gewohnt. Vor der Pandemie hat er sich als Touristenführer versucht. Damals war der Tourismus eine der großen Hoffnungen des Inselstaates.

In zahlreichen Image-Filmen im Internet, wie auf dem Youtube-Kanal "Destination Africa", präsentiert sich die Insel als Paradies: Hochglanz-Hotelanlagen - hauptsächlich für wohlhabende Touristen - Traumstrände, ein bisschen kolonialer Schick und vor allem Sicherheit. Tatsächlich hat der Inselstaat viele Probleme der anderen Staaten am Golf von Guinea nicht.

... die durch Corona vernichtet wurde

Das Auswärtige Amt spricht von einer niedrigen Kriminalitätsrate im Gegensatz zur Warnung vor Piraterie, bewaffneten Überfällen und Geiselnahmen an der Küste Nigerias - nur rund 300 Kilometer entfernt. Das alles nutzt "roca"-Bewohner Willy allerdings nichts mehr, denn seit den ersten Covid-Fällen im April 2020 hat die Regierung zahlreiche Reisebeschränkungen erlassen. Trotzdem gab es unter den rund 215.000 Einwohnern etwa 2500 Fälle - seit März 2021 läuft die Impfkampagne. Bis Tourismus wieder möglich ist, dürfte aber noch viel Zeit vergehen.

Auf den "rocas" aber war die Lage schon vor der Corona-Krise prekär, berichtet Willy: "Man kann nicht sagen, dass der Staat hier alles kaputt gemacht hat - das waren die Leute von hier. Die, die Teile vom Dach genommen haben, die Balken, die Mauern und die jetzt sagen, das sei der Staat gewesen. Aber wir selbst haben zum Beispiel unser altes Krankenhaus zerstört."

Frauen und Kinder zapfen Wasser aus einer Quelle. | EPA

Viele Menschen in Sao Tome leben in Armut. Bild: EPA

Staat gibt historische Bauten auf

Auch die Häuser der Einwohner drohen zu verfallen - der gesamte Komplex - und dabei trägt der Staat durchaus eine Mitverantwortung. Nach der Unabhängigkeit des Landes 1975 hat eine sozialistische Regierung alle "rocas" verstaatlicht. Gleichzeitig konnte keine Regierung - weder Sozialisten noch andere - den Erhalt gewährleisten. So hat der Staat in den letzten Jahrzehnten immer mehr Plantagen aufgegeben, obwohl dort noch Menschen wohnen. Ihre Häuser sind dem Verfall preisgegeben und ihre einzige Hilfe ist die Selbsthilfe.

Von den gut 200.000 Einwohnern lebt ein Drittel von deutlich unter zwei Dollar am Tag - das sagen die aktuellen Zahlen des Welternährungsprogramms. Die restlichen zwei Drittel haben auch nicht viel mehr als drei Dollar pro Tag zum Leben. Das beschreibt auch die "roca"-Bewohnerin Sheila das Nevas Villanova: "Früher war es einfacher, hier unter besseren Bedingungen zu leben als heute. Auf der 'roca' gibt‘s halt keine Arbeit. Auf den Feldern gibt es zwar Bananen und andere Früchte und die Menschen versuchen manchmal, welche zu ernten, aber das ist nicht einfach. Wenn andere Leute als die Eigentümer Früchte holen, bekämpfen die Eigentümer sie."

Zweifel an Versprechungen

Nun wählt Sao Tome und Principe in einer Stichwahl einen neuen Präsidenten. Ob die großen Versprechungen - "Harmonie und Fortschritt" oder "das Beste für alle" sich verwirklichen, daran gibt es berechtigten Zweifel. Es gibt einfach viele Orte auf Sao Tome und Principe, wo der Staat die Menschen schon lange alleine lässt. Immerhin: Laut der US-Organisation "Freedom House", die regelmäßig weltweit den Zustand von Demokratien erhebt, dürfte es eine freie Wahl zum Präsidenten werden.

Demonstranten blockieren den Transport von Wahlurnen. | EPA

Bei der ersten Runde der Präsidentenwahl gab es Proteste und Boykotte. Bild: EPA

Ob es aber wieder zu Wahlboykott kommt, ist offen. Die Menschen sind frustriert wegen ihrer Lebensbedingungen - wie in so vielen anderen Staaten auch. Schon der scheidende Präsident Evaristo Carvalho hat in einer Rede vor den Vereinten Nationen festgestellt: "Armut ist die größte Geißel der Menschheit. Ihre Ausrottung sollte höchste Priorität haben für alle Nationen - und ganz konkret für die Vereinten Nationen."

Die Politik auf Sao Tome hat das Problem längst erkannt - allein: Weder die Zentralregierung und erst recht nicht die Vereinten Nationen konnten die Probleme der Menschen auf den "rocas" und im Rest des Landes lösen. Sie können nur warten wählen und hoffen.

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. August 2021 um 13:38 Uhr.