Ein Schulgebäude steht verlassen und ohne Fenster. | AP

Coronavirus in Uganda Schulbeginn - nach 83 Wochen

Stand: 10.01.2022 09:58 Uhr

In kaum einem Land waren sie so lange geschlossen: Nach fast zwei Jahren Corona-Pause öffnen in Uganda wieder die Schulen. Viele Kinder werden aber nicht zurückkehren: In der Pandemie müssen sie ihre Familien unterstützen.

Von Linda Staude, ARD-Studio Nairobi

Knapp 20 Schüler zählen laut mit, wenn Lehrer Thomas mit einem Stück Kreide an die Tafel schreibt. Römische Zahlen sind heute dran. Der Lehrer will seinen vollen Namen nicht nennen, denn sein Unterricht in einem kleinen Schuppen neben seinem Haus ist eigentlich verboten. "Wir verstecken uns hier. In einer richtigen Schule hätten wir Lehrmaterial an den Wänden. Aber hier haben wir nur die nackten Mauern. Der Boden ist nicht zementiert, das heißt, die Sandflöhe können uns attackieren", sagt er.

Linda Staude

Eigentlich ist Thomas Direktor einer Privatschule, aber die ist - wie alle anderen Schulen in Uganda - seit dem Ausbruch der Corona-Krise geschlossen. 83 Wochen ohne Unterricht - so viel wie in fast keinem anderen Land der Welt.

"Das Leben ist nicht mehr schön. Wir vermissen unsere Freunde, die Schule, sogar unsere Lehrer", sagt Mariam leise. Die 13-Jährige ist eine der Glücklichen, die während des Lockdowns am heimlichen Unterricht teilnehmen konnte. Die meisten Kinder in Uganda sind einfach zu Hause geblieben. Viele mussten mitarbeiten, damit ihre Familien irgendwie über die Runden kommen konnten.

Rund 90 Prozent der Zehnjährigen können nicht richtig lesen

"In Subsahara-Afrika konnten schon vor der Pandemie 87 Prozent der Zehnjährigen keinen einfachen Satz lesen und verstehen. Heute sind es über 90 Prozent. Wir haben eine schwere Lernkrise, die jetzt zu einer Lernkatastrophe wird", so Abhiyan Jung Rana vom UN-Kinderhilfswerk UNICEF.

In Uganda machen die Schulen jetzt wieder auf, die meisten frisch gestrichen und repariert. Aber damit ist es nicht getan. Schülerin Mariam befürchtet, dass sie viele ihrer Mitschüler trotzdem nie wiedersieht. "Einige meiner Freundinnen sind schwanger geworden, andere haben jetzt einen Job oder haben geheiratet. Sie haben Angst, zurück zur Schule zu kommen und von den anderen Schülern vielleicht ausgelacht zu werden."

Jedes dritte Kind wird wohl nicht wieder zur Schule gehen

Geschätzt jedes dritte Kind wird nie wieder eine Schule besuchen. Auch, weil die Eltern sich die Schulgebühren nicht mehr leisten können. Die Pandemie hat Uganda hat getroffen. Die Wirtschaft ist eingebrochen, Betriebe mussten schließen und ihre Leute entlassen.

Auch die Lehrer haben sich gezwungenermaßen andere Jobs gesucht, um zu überleben. "Um sie nach zwei Jahren zurückzuholen, muss man sie erstmal neu trainieren. Damit sie wieder lehren können", erklärt Filbert Baguma von der Lehrergewerkschaft UNATU. Viele werden nicht in den notorisch vernachlässigten Schulbetrieb zurückkehren. Damit haben die lernwilligen Kinder noch schlechtere Chancen auf Bildung.

"Wir sollten nicht von einer verlorenen Generation sprechen, sondern lieber dafür sorgen, dass alle Kinder zurück an die wieder offenen Schulen kommen", warnt Abhiyan Jung Rana von UNICEF. "Wenn sie nicht lernen können, dann finden sie auch keine guten Jobs und verlieren die Chance auf ein gesundes und glückliches Leben."

Schulschließung hat auch wirtschaftliche Folgen

Nach einer aktuellen Berechnung des Kinderhilfswerks zusammen mit der UNESCO und der Weltbank verlieren die Kinder weltweit rund 17 Billionen Dollar Lebenseinkommen durch die Schulschließungen - mit schweren Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Heimatländer.

Mariam ist fest entschlossen, dass ihr das nicht passiert. Sie freut sich auf die Schule. "Ich bin besonders gut in Naturwissenschaften. Ich möchte Krankenschwester werden und anderen Menschen helfen."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 10. Januar 2022 um 12:22 Uhr.