Idriss Déby, der Langzeitpräsident des Tschad, im November 2019. | AFP

Präsidentschaftswahl im Tschad Der "Sahel-Boss" kann es nicht lassen

Stand: 11.04.2021 08:22 Uhr

Nach 30 Jahren unter Präsident Déby ist der Tschad eines der ärmsten, unfreisten Länder der Welt. Während sich der selbsternannte "Boss im Sahel" heute wiederwählen lassen will, schied die Opposition vorzeitig aus.

Von Stefan Ehlert, ARD-Studio Rabat

Er überstand diverse Bürgerkriege, mindestens einen Putschversuch, Angriffe auf seine Hauptstadt und auf seinen Amtssitz. Bald 31 Jahren ist Idriss Déby Itno schon Präsident des Tschad - und doch kann sich der heute 68-Jährige offenbar nicht vorstellen, dass das Land ohne ihn auskommt.

Stefan Ehlert ARD-Studio Rabat

Der Feldwebel, so nennen sie ihn nach seinem militärischen Rang. Oder auch "Der Boss im Sahel" - eine Anspielung auf die Rolle des Tschads im Kampf gegen den islamistische Terrorguppen in der Region.

Debys Wahlplakate - allgegenwärtig

Frankreich hat ihn immer unterstützt. Débys Soldaten halfen dafür 2013 den Franzosen, weite Teile Malis von militanten Islamisten zurückzuerobern. Jetzt geht es für Déby darum, eine sechste Amtszeit als Präsident zu erobern - an den Wahlurnen. Doch auch dabei, sagt der Politologe Evariste Ngarlem Toldé in der Hauptstadt N‘Djamena, sei ihm traditionsgemäß das Militär behilflich: "Das wissen wir ja: Die Armee schüchtert ein, die Armee ist ausgeruht, und wir sehen ihre Präsenz an jeder Kreuzung, in jedem Dorf, überall in der Hauptstadt."

In der Hauptstadt herrscht auch kein Mangel an Wahlplakaten, doch werben sie nur für einen Kandidaten: Idriss Déby. Seine Kampagne verstoße massiv gegen das Wahlgesetz, bemängelt der Vorsitzende der tschadischen Vereinigung zur Verteidigung der Menschenrechte, Mahamat Nour Ahmat Ibedou. "Das Regime von Herrn Déby unternimmt alles, um die Opposition maximal zu schwächen", sagt er. "Sehen sie nur mal dieses Beispiel:  Eine Partei will eine Kundgebung organisieren, das wird unterbunden. Aber Déby ist überall, mit dem Geld und den Mitteln des Staates."

Opposition muss um ihr Leben fürchten

Jeder, der sich gegen Déby stelle, müsse nach den Wahlen mit dem Schlimmsten rechnen. Er habe Angst davor, sagt der Menschenrechtler Ibedou. Ende Februar feuerten Sicherheitskräfte auf das Haus des Oppositionspolitikers Yaya Dillo; mehrere seiner Verwandten starben. Seitdem findet praktisch kein Wahlkampf mehr statt.

Aus gutem Grund, sagt Oppositionschef Saleh Kebzabo. Er zog seine Kandidatur gegen Déby zurück. Die Opposition habe keine andere Wahl, als die Abstimmung zu boykottieren, sagte er.

Wir haben eine Aufklärungskampagne im ganzen Land gestartet, um der Bevölkerung zu erklären, dass diese Wahlen ohne Wert sind. Das ist immer dasselbe Schauspiel, dass sich da abzeichnete. Deby hat alle Trümpfe auf seiner Seite. Die ganze Maschine steht ihm zu Diensten, die gesamte Verwaltung. Alles ist vorbereitet, damit er diese Wahlen gewinnt, die nicht transparent sein werden.
Ein Aktivist ruft Leute auf einem Markt in N'Djamena dazu auf, bei der Präsidentschaftswahl abzustimmen. | AFP

Ein Aktivist ruft Leute auf einem Markt in N'Djamena dazu auf, bei der Präsidentschaftswahl abzustimmen. Bild: AFP

Regieren - eine Familienangelegenheit

Natürlich gibt es Menschen im Tschad, die für Déby sind - darunter viele, die von ihm profitieren, zu seinem engeren Umfeld gehören. Längst ist Regieren im Tschad eine Familienangelegenheit: Débys Sohn Abdelkerim dient ihm als Kabinettsdirektor und persönlicher Referent.

Die Korruption wird als maßlos beschrieben. Für die Mehrheit der 16 Millionen Menschen im Tschad hat die vermeintliche Demokratie keine Dividende gebracht - in allen sozialen Fragen stehe der Tschad im internationalen Vergleich hintenan, betont Ibedou.

Trotz jahrelanger Erdölexporte ist die Armut nur in wenigen Ländern der Welt so groß wie im Tschad, der wiederum so schwer wie wenige Länder unter dem Klimawandel leidet. Dürre und Hunger sind die Folgen.

"Warum sind wir so arm nach mehr als 30 Jahren unter Déby? Und warum kommt kein neuer Präsident, wenn wir doch Demokratie haben?", fragt sich eine junge, berufstätige Frau in N’Djamena - sie möchte anonym bleiben, aus Angst vor Repressalien. Déby habe nicht eines seiner Versprechen gehalten, sagt die 33-Jährige. Eine neue Person könne es besser machen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. April 2021 um 13:30 Uhr.