Einer Frau in Tigray rinnt eine Getreideration aus einer Hilfslieferung durch die Hände. | picture alliance / ASSOCIATED PR

Äthiopien Erneute Offensive auf Tigray

Stand: 15.10.2021 13:12 Uhr

Äthiopiens Zentralregierung bestätigt eine erneute Militäroffensive gegen Tigray: Schon seit Anfang der Woche gibt es demnach schwere Kämpfe. Zudem setzt Präsident Abiy auf Abschottung - und Hunger als Waffe.

Von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi

Die Situation im Norden Äthiopiens verschlechtert sich. Die Regierung des ostafrikanischen Landes hat bestätigt, dass sie eine neue Offensive gegen die so genannte Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) gestartet hat. Schon seit Anfang der Woche gebe es schwere Kämpfe. Offenbar wurden zahlreiche Menschen getötet. Die äthiopische Regierung sagte dazu wörtlich, der Feind habe schwere Verluste erlitten. Ein Sprecher der TPLF  hatte schon vor Tagen erklärt, die Zahl der Opfer sei erschütternd.

Antje Diekhans ARD-Studio Nairobi

Nicht nur in Tigray, sondern auch in den Nachbarregionen wird gekämpft. Die Armee greift dabei auch aus der Luft an. Unterstützt wird sie nach Angaben der TPLF weiterhin von Truppen aus dem Nachbarland Eritrea. Ein Waffenstillstand, den Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed vor einigen Wochen erklärt hatte, ist damit endgültig hinfällig.

Zehntausende Kinder mangelernährt

Der Friedensnobelpreisträger von 2019 war nach Wahlen vor Kurzem im Amt bestätigt worden. Seitdem scheint er alles daran zu setzen, die TPLF endgültig auszuschalten. Deren Angehörige hatten über Jahrzehnte die Politik und auch das Militär in Äthiopien dominiert. Als Abiy an die Macht kam, wurden sie mehr und mehr ins Abseits gedrängt. Die politischen Auseinandersetzungen eskalierten, der Regierungschef schickte vor einem Jahr Truppen nach Tigray.

Die Karte zeigt Äthiopien mit den Regionen Tigray Oromia Amphara und Afar.

Zahlreiche Menschen sind seitdem aus der Region geflohen. Kurz hinter der sudanesischen Grenze sind große Flüchtlingslager entstanden. Wer es nicht hinaus schafft, ist inzwischen akut von Hunger bedroht. Hilfslieferungen nach Tigray kommen kaum durch. Es gibt Vorwürfe gegen die Regierung, dass sie die Bevölkerung regelrecht aushungern will. Die Vereinten Nationen warnten gerade erst, die Zahl schwer mangelernährter Kinder sei dramatisch gestiegen: fast 20.000 hätten schon in Krankenhäuser gebracht werden müssen.

Hilfsorganisationen müssen sich zurückziehen

Es gibt auch Berichte über erste Hungertote. All diese Angaben lassen sich aber nur schwer bestätigen, weil die Region insgesamt von der Außenwelt abgeschnitten ist: Journalisten wird die Einreise verweigert. Telefonverbindungen nach Tigray funktionieren nicht mehr.

Mehrere hochrangige Vertreter der Vereinten Nationen wurden inzwischen des Landes verwiesen. Unter anderem Mitarbeiter des UN-Nothilfebüros, das zuvor kritisiert hatte, dass nur etwa zehn Prozent der Hilfslieferungen durchkommen. Hilfsorganisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" mussten ihre Arbeit komplett einstellen. Ministerpräsident Abiy Ahmed setzt auf die totale Abschottung - und hat damit Erfolg.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. Oktober 2021 um 13:00 Uhr.