Mütter in Somalias Hauptstadt Mogadischu protestieren gegen das Verschwinden ihrer Söhne | AFP

Somalier in Eritrea Soldaten wider Willen

Stand: 16.06.2021 16:42 Uhr

Sind tausende Somalier zur Militärausbildung nach Eritrea geschickt worden? Sind Hunderte von ihnen auf den Schlachtfeldern von Tigray gestorben? Die Mütter verschwundener junger Männer fordern Aufklärung – nach vielen Monaten der Ungewissheit.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Ein junger Mann, freundlicher Blick, blaukariertes Hemd, im Hintergrund die Nacht: ein Handyfoto, dass Muriyo Muhumad Hassan immer wieder herausholt, um sich zu erinnern: "Es ist mein einziger Sohn, ich weine um ihn Tag und Nacht", sagt Muriyo Muhumad Hassan und wischt sich die Tränen aus den Augen. "Anfangs hieß es, man bringe sie nach Katar. Doch man brachte man sie insgeheim nach Eritrea."

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Eritreas Truppen kämpfen seit November vergangenen Jahres in Äthiopiens nördlicher Region Tigray gegen die abtrünnige Volksbefreiungsfront Tigray (TPLF) und sind dabei Bündnispartner der äthiopischen Regierung. Ein verlustreicher Kampf - bei dem anscheinend auch Somalier auf Seiten der Allianz teilnehmen.

Das Angebot: Bis zu 2000 Dollar als Wachmann

Für viele der jungen Somalier begann alles offenbar mit dem Angebot, als Wachmann bei der Fußball-WM am Golf zu arbeiten. Seit 2018 bestiegen sie in Somalias Hauptstadt Mogadischu Flugzeige mit dem Ziel Katar. "Man hat ihnen gesagt, sie könnten 1000 oder 2000 Dollar verdienen", sagt Abdisalam Guled, Sicherheitsexperte und bis 2017 Vize-Direktor des somalischen Geheimdienstes, der ARD.

Doch im Golfstaat Katar kamen sie nie an, weiß Muriyo von ihrem Sohn: "Ich habe zuletzt vor fünf Monaten mit ihm gesprochen. Er sagte mir, er sei in Eritrea. Er habe dort sein Militärtraining beendet und hoffte, heimzukehren." Doch auch diese letzte Hoffnung erfüllte sich nicht. Muriyo ist eine von vielen Frauen, die nun für die Wahrheit in den Straßen von Mogadischu demonstrieren.

Denn die ist schwer zu finden unter einer somalischen Führung, die, so scheint es, einen heimtückischen Handel mit dem Nachbarland Eritrea geschlossen hat, das unter Menschenrechtlern gern "das Nordkorea Afrikas" genannt wird. Details hätten nur die Geheimdienste gewusst, sagt die Parlamentsabgeordnete Amina Mohamed Abdi. Sie geht davon aus, dass bis zu 10.000 Somalier nach Eritrea gebracht wurden - bislang wurden 5000 genannt. Ein Untersuchungsausschuss soll nun die Fakten klären.

Muriyo Mohammed Hassan (links) und Hidayo Sabriye Arale (rechts) | ARD Nairobi

Wenige Bilder, hin und wieder ein verstohlener Anruf - mehr Kontakt haben die somalischen Mütter nicht mehr zu ihren Söhnen. Bild: ARD Nairobi

UN-Sonderberichterstatter bekräftigt Vorwürfe

Als zum Jahresbeginn erste Mütter-Proteste begannen, waren die Vorwürfe so ungeheuerlich, dass viele Somalier kaum glauben mochten. Nun erneuerte sie der Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen, Mohamed Abdelsalam Babiker, in seinem Eritrea-Report offiziell: Schon beim Überqueren der Grenze in die äthiopische Unruheregion Tigray Ende 2020 sollen die Somalier eritreische Verbände unterstützt haben.

"Ein äthiopischer Offizieller hat mich darauf hingewiesen", erzählt Guled. "Er sagte: Die Somalier sind schlecht ausgerüstet, schlecht trainiert und tragen eritreische Uniformen. Und die Eritrer benutzen sie als menschliche Schutzschilde." In drei Gebieten Tigrays seien sie eingesetzt worden, Hunderte von ihnen seien womöglich gestorben.

Der Verdacht: Zwangsarbeit in Bauprojekten

Befragungen von Flüchtigen zeigten zudem, dass es nicht nur um Kampfeinsätze gehe. Somalier würden auch - wie andere "Wehrpflichtige" in Eritreas Diktatur - zur Zwangsarbeit eingesetzt, müssten Brücken oder Häuser bauen. Beweise seien schwer zu finden: Eritrea sei wie ein schwarzes Loch, sagt Guled. Etwas Licht hineinzubringen, empfinde er aber als Bürgerpflicht.

Offiziell hat sich Äthiopien nicht zu dem Vorgang geäußert. Gegenüber der ARD gab es auch von der somalischen Regierung keine Stellungnahme - bislang stritt sie jedenfalls die Entsendung von eigenen Soldaten nach Eritrea ab. Die Regierung von Katar, wie andere Golfstaaten sehr engagiert am Horn von Afrika, hatte schon zum Jahresbeginn Berichte zurückgewiesen, sie habe Geld für die Aktion gegeben. Empört wurde sogar gefordert, "solche Verstöße, die Menschenhandel gleichkommen, zu untersuchen".

Muriyo Muhumad Hassan (l) und Hidayo Sabriye Arale (r) | ARD Nairobi

Die beiden Mütter Muriyo Mohammed Hassan und Hidayo Sabriye Arale leben mit der qualvollen Ungewissheit, was mit ihren Söhnen passiert ist. Bild: ARD Nairobi

Nur ein Telefonanruf in zwei Jahren

"Ich habe meine beiden Söhne jetzt zwei Jahre nicht gesehen. Einer rief mich aus Eritrea an und sagte, er sei in die Berge gebracht worden", erinnert sich Hidayo Sabriye Arale. "Als ich ihn fragte, warum, sagte er, dass er das auch nicht wisse." Telefoniert habe er mit dem Handy eines Ausbilders, der neben ihm gestanden habe. "Ich kann nicht schlafen, habe Diabetes und Bluthochdruck bekommen. Ich vermisse meine zwei Kinder. Sicher verstehen Sie, wie schmerzhaft das ist."

Muriyo und Hidayo, zwei Frauen, die sich in einem Hof in Mogadischu die Fotos ihrer Kinder zeigen. Als sie ihre Geschichte erzählt haben, brechen beide wieder in Tränen aus. Die Politiker der Regierung, sagt Muriyo Mohammed Hassan, würden Mütter wie sie nun verächtlich machen: "Ihre eigenen Kinder haben sie in Europa in Sicherheit gebracht - und unsere haben sie uns gestohlen."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Mai 2021 um 12:00 Uhr.