Bewaffnete Kämpfer gehen zu Fuß eine Straße in Tigray entlang. | Norbert Hahn
Reportage

Tigray Ein Krieg, der keiner sein soll

Stand: 10.05.2021 12:49 Uhr

Der Krieg in Tigray sei vorbei, sagt Äthiopiens Regierung. Auf einer Reise durch die Provinz zeigt sich: Eritreas Armee ist weiter präsent, Vergewaltigungen sind häufig - und auf dem Land breitet sich Hunger aus.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi, zzt. Region Tigray

Almaz Gerezgiher liegt in einem Krankenbett des Universitätshospitals von Mekelle. Reden möchte sie nicht. Sie blickt auf den Boden, abwesend. Ihr Vater sagt: Die Truppen aus dem Nachbarland Eritrea, die mit der Zentralregierung verbündet sind, hätten mit Artillerie auf sein Dorf geschossen. Viele seien durch Splitter verwundet wurden, nicht nur seine Tochter. "Ihr ältester Bruder starb. Ich bin dann mit ihr hierhergekommen. Wir haben ihn nicht mal begraben können."

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Es sind Geschichten der Verzweiflung, wie das ARD-Team ihnen an vielen Orten Tigrays begegnet - sie machen das Reisen schwerer als die zahlreichen Armee-Checkpoints an der Strecke. Äthiopische Streitkräfte mit ihrem Verbündeten aus Eritrea kontrollieren vor allem die Hauptverkehrsachsen im Osten und Zentrum Tigrays. In den unwegsamen Gebieten jenseits der Straßen wird aber heftig weiter gekämpft. Dort stehen Kämpfer der "Tigray Defence Forces" (TDF) - der militärische Arm der früheren, abtrünnigen Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF).

Eritreische Truppen werden verlegt

"Das Recht ist wiederhergestellt, die Operation ist abgeschlossen", sagt der Sprecher des äthiopischen Außenministeriums, Dina Mufti. Doch so ganz kann das nicht stimmen: Das Ziel, die in manchen Landesteilen geradezu verhasste alte Garde der TPLF zu fassen, ist längst nicht erreicht. Auf der Asphaltstraße nach Westen haben Panzerketten frische Spuren hinterlassen. Bei Ankunft in der zweitgrößten Stadt des Landes, Adigrat, sieht das ARD-Team eritreische Truppen, die gerade aus dem Kampfgeschehen kommen und verlegt werden.

Angeblich hat Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed den Abzug mit Eritreas Präsident Isayas Afewerki schon im März ausgehandelt. Die internationale Gemeinschaft, allen voran die USA, drängt darauf. Denn nach Menschenrechtsverletzungen von allen Seiten wurden zuletzt vor allem die eritreischen Truppen für Vergewaltigungen, Erschießungen und Plünderungen verantwortlich gemacht. Nun, so scheint es, wird auch Hunger zum Mittel ihrer Kriegsführung. Es gebe nun "Berichte von Bauern, die von einer Konfliktpartei entmutigt werden, während der Regenzeit ihr Feld zu bestellen", heißt das in der UN-Diplomatensprache.

Die Karte zeigt die Region Tigray und die Orte Aksum und Mekele in Äthiopien.

"Tun das, um uns verhungern zu lassen"

Klarer sagt es Tsehainesh Tsegay: "Sie haben unseren Pflug zerstört." Die 70-Jährige steht am Straßenrand auf dem Weg nach Aksum. "Sie haben die Leute auf einem Feld versammelt und gesagt: 'Wenn Ihr pflanzt, dann werdet Ihr schon sehen…'", berichtet sie. Sie und ihr Mann Tarekegn Gebru fürchten um ihr Leben. Sie werden das Feld nicht bestellen, sie werden nichts ernten, nichts zu essen haben, nichts kaufen können. Schon jetzt müssen sie Futter für ihre Kühe kaufen. Dafür bringen sie ein Tier nach dem anderen zum Markt - das ist bald vorbei. Tarekegn Gebru sagt: "Sie tun das nur, um uns verhungern zu lassen."

Wer nicht auf dem Land lebt, den traf es meist schon im November, als der Krieg begann. 800 Menschen arbeiteten etwa in der großen Marmorfabrik "Semayata". Dann sei die eritreische Armee gekommen, erklärt der Wächter Riesom Gebremichael. Die erst zwei Jahre alte Fabrik mit den italienischen Maschinen wird geplündert, der Rest mit Sprengladungen zerstört. Kein Einzelfall. 800 Arbeiter nun ohne Lohn - ein schwerer Schlag für eine Region, in der etwa ein Viertel der Menschen auch in besseren Zeiten auf Hilfe angewiesen war.

Aksum, die heilige Stadt der äthiopisch-orthodoxen Christen, ist Schauplatz eines der jüngsten Massaker. Vor einer Kirche ergießt sich eine Betonfläche, in der über 80 Einlässe erkennbar sind, jeder nummeriert, unter jedem einige Tote - so sagen es unsere Begleiter. Ein Mann spricht mit dem ARD-Team über den Verlust seines Bruders, aber nur anonymisiert - zu groß ist die Angst vor Repression. 

Ein Vater sitzt bei seiner verletzten Tochter am Krankenbett  | Norbert Hahn

Almaz Gerezgiher ist beim Angriff auf ihr Dorft schwer verletzt worden, wie ihr Vater berichtet. Bild: Norbert Hahn

Vor einem Gebäude sieht man mehrere Drahtbügel in Zement befestigt. | Norbert Hahn

Drahtbügel im Zement: Unter jedem liegen Tote des Massakers von Axum. Bild: Norbert Hahn

Vergewaltigungen minderjähriger Mädchen

An der Uniklinik von Mekelle spricht Krankenschwester Mulu Mesfin im "One Stop Center" für Opfer sexueller Gewalt über ihre Arbeit der letzten Monate. Etwa 400 Fälle von Vergewaltigungen im Krieg stünden in ihren Akten, die Hälfte davon minderjährige Mädchen. "So viele Fälle, auch komplizierte", sagt sie. "Gerade die Situation der Kinder ist kritisch. Viele sind nun behindert, können nach der Tat nicht mehr gehen." Hilfe gebe es im Moment vor allem von den Menschen aus der Stadt, die Medizin sammelten, sagt sie. 

Ärzte und Angehörige in einem Krankenhausflur in Äthiopien | Norbert Hahn

Berichte von Not und Verzweiflung: Ärzte und Angehörige in der Uniklinik Mekele. Bild: Norbert Hahn

Die Bevölkerung von Mekelle bringt auch Essen in eine Schule, die nun ein Lager für Binnenflüchtlinge ist. Auch hier klagen die Menschen, dass sie sonst kaum Nahrung erreiche - obwohl hier alle Hilfsorganisationen Zugang hätten. Schwer ist es vor allem für die Kinder, aber auch Schwangere und Stillende. In dieser Gruppe habe die Hälfte der untersuchten Frauen Zeichen von Unterernährung, heißt es von den UN. "Wir dachten, ganze Schiffsladungen würden nur darauf warten, verteilt zu werden, wenn es endlich Zugang gibt", sagt Dina Mufti vom Außenministerium ironisch.

Immerhin: Anders als viele andere Flüchtlinge haben die Menschen in der Schule ein Dach über dem Kopf. Kurz vor Beginn der Regenzeit ist das wichtig. Werden die Menschen hier wieder in ihre Dörfer zurückkehren können? Werden sie sich jemals wieder als Teil eines äthiopischen Gesamtstaats fühlen können? Eine Antwort darauf kann es wohl nur geben, wenn der Krieg zu Ende ist - und das kann dauern.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Mai 2021 um 12:00 Uhr.