Verkehrskreuzung in Rakka (Sendungsbild).
Reportage

Rakka nach IS-Vertreibung Leben in einer traumatisierten Stadt

Stand: 10.05.2021 14:42 Uhr

Der Wiederaufbau der einstigen IS-Hochburg Rakka läuft zäh, noch liegen ganze Viertel in Trümmern. Doch die Menschen erobern sich das Leben zurück - ob beim Fußballspiel oder auf dem einstigen "Platz der Hölle".

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo, zzt. Rakka

Hamza Hussein ist einer der besten Spieler im Rakka-Fußballclub. Virtuos dribbelt der Stürmer über verdörrtes Gras und Spuren von Granatsplittern. Es ist das erste Training der Junioren im alten Fußballstadion nach langer Pause. Der 13-Jährige spürt hier noch den Geist seines Vaters: Der war ein bekannter Profispieler in Syrien, in dessen Fußstapfen Hamza einmal treten möchte, - und den die Terrormiliz IS hinrichtete. "Ich vermisse ihn so sehr", sagt er. "Er hat hier gespielt. Ich habe ihm zugeschaut. Ich erinnere mich noch genau daran. Ich habe das Gefühl, er ist hier bei uns."

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Die Spuren der Vergangenheit sind noch immer allgegenwärtig in der einstigen Hauptstadt des selbsternannten "Islamischen Staates". Nach der Machtübernahme 2014 plante die Terrormiliz von Rakka aus ihre Anschläge in er ganzen Welt. 2017 übernahmen die Kurden nach wochenlangen Bombardements durch US-Luftstreitkräfte die Kontrolle.

Fußballtrainer Essam Efeisen will seiner Mannschaft wieder Freude am Sport und am Leben bringen.

Fußballtrainer Essam Efeisen will seiner Mannschaft wieder Freude am Sport und am Leben bringen.

Trainer Essam Efeisen durfte unter der Herrschaft der Terrormiliz nicht mehr spielen, nicht einmal mehr Fußball im Fernsehen anschauen. Nun will der 45-jährige Ex-Profi nach vorn blicken: Er trainiert die Jugendmannschaft und will dem Team die Freude am Sport und am Leben zurückgeben.

"Früher sind hier Menschen zusammengekommen, die das Leben und den Sport liebten", erinnert er sich. Es war die Zeit, bevor der IS hier sein schlimmstes Foltergefängnis errichtete. "Wir müssen zurückkommen zu Frieden und Liebe. Der so genannte Islamische Staat ist ja nicht mehr als eine dunkle Episode in der Geschichte von Rakka."

Foltergefängnis unter der Tribüne

Unter der Tribüne, wo einst die Umkleidekabinen waren, richtete die Terrormiliz mehr als 100 Isolationszellen ein. Noch immer riecht es dort nach verwestem Fleisch. Menschen wurden an Eisenringen brutal gefoltert. Die Gefangenen wurden in Toilettenkabinen und kleinen Kästen eingesperrt, in denen sie sich nicht mehr bewegen konnten. Von einer Decke hängt noch der Strick, an dem Menschen erhängt wurden.

Wie viele hier zu Tode kamen, weiß niemand genau. Essam Efeisen hat die Anlage jahrelang gemieden. Er wird nur ungern an die IS-Zeit erinnert. Nun hat der Stadionmanager ihn zum ersten Mal durch die dunklen Gänge geführt. "Es war furchtbar, das hier anzusehen", sagt er sichtlich berührt. "Hoffentlich wird sich das in unserer Geschichte nie wiederholen."

Blumen auf dem "Platz der Hölle"

Bis heute liegen ganze Viertel Rakkas in Trümmern. Der Wiederaufbau läuft zäh. Es fließt kaum internationale Hilfe. Viele Anwohner packen selbst an und versuchen den Neuanfang: Plätze erblühen, auf denen Menschen einst bestialisch hingerichtet wurden. Eine Gruppe von Frauen jätet Unkraut auf dem "Platz der Hölle", wie er damals hieß. "Dies sollte ein Platz der Blumen sein", sagt Rama Abdalla. "Stattdessen haben sie hier Köpfe ausgestellt, um die Leute einzuschüchtern. Das erschüttert mich noch immer."

Viele Märkte und Geschäfte sind wieder offen. Strom fließt zumindest ein paar Stunden täglich, Generatoren erledigen den Rest. Trainer Efeisen steht jeden Morgen in einer Bäckerei. Ein Knochenjob von vier bis zehn Uhr, den er zum Überleben braucht. Nicht einmal zwei Euro verdient er so pro Tag. Das muss reichen, um seine Familie mit fünf Kindern durchzubringen. "Es ist anstrengend, sehr, sehr anstrengend", sagt er. "Wenn ich nach Hause gehe, bin ich todmüde. Aber ich muss das für meine Kinder machen."

Freiheit fühlen beim Fußballgucken

Nichts kann ihn davon abhalten, sich auch spät abends noch im Clubhaus ein gutes Fußballspiel anzuschauen. Mit seinem Sohn, seinem Bruder und vielen Spielern, ganz ohne Angst vor Repressalien durch selbst ernannte Gotteskrieger. "Wir fühlen uns frei, wenn wir solche Spiele anschauen", sagt er. "Wir schauen sie an, ohne Angst zu haben, ganz ohne irgendwelche Einschränkungen."

Menschen über den Sport zusammenzuführen nach traumatischen Jahren von Krieg und Terror - das hat sich Efeisen vorgenommen und mehr erreicht, als viele dachten. Eine junge Generation in Rakka schaut wieder nach vorne.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 09. Mai 2021 um 19:20 Uhr.