Erweiterungsarbeiten am Suezkanal | REUTERS

Erweiterung des Suez-Kanals Weg frei für künftige "Ever Givens"

Stand: 23.03.2022 03:03 Uhr

Ein Schiff stand quer - und der Fährbetrieb im Suez-Kanal stand still: Nach der Havarie der "Ever Given" vor einem Jahr wird der Kanal unter Hochdruck vertieft und erweitert - bei laufendem Betrieb.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

3600 Kubikmeter Sand und Gestein hebt die gigantische Schaufel des Schwimmbaggers vom Grund des Kanals pro Stunde. Über schwarze Rohre wird das Geröll anschließend abgesaugt und in der Wüste abgelagert. Zwei nagelneue High-Tech-Bagger aus den Niederlanden sind dafür permanent im Einsatz.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Der Suez-Kanal soll so im südlichen Abschnitt zwischen Kilometermarke 132 und 162 um 40 Meter breiter und etwa 20 Meter tiefer werden. "Es sind die besten Bagger im gesamten Nahen Osten", versichert der Chef der Kanalbehörde, Osama Rabie.

13 Milliarden Kubikmeter Sand wurden seit Mai vergangenen Jahres schon ausgehoben. Riesige Containerschiffe sollen so sicherer durch das Nadelöhr zwischen Mittelmeer und Rotem Meer navigiert werden, weniger anfällig sein für Strömungen und Winde.

Künftig bis zu 100 Schiffe gleichzeitig

Außerdem wird ein Seitenarm des Kanals um zehn Kilometer auf dann 82 Kilometer verlängert. Dadurch können sechs weitere Schiffe die Wasserstraße passieren - es wären dann mehr als 100 Schiffe gleichzeitig; keines soll länger als elf Stunden für die Durchfahrt brauchen.

In zwei Jahren soll das Projekt abgeschlossen sein, früher als ursprünglich geplant. Die Bauarbeiten sollen die Schifffahrt nicht beeinträchtigen. "Bislang haben wir keine größeren Probleme gesehen. Das Projekt kommt gut voran", versichert Rabie gegenüber dem ARD-Studio Kairo bei einem Besichtigungstermin auf einem der beiden Schwimmbagger in der Nähe der Stadt Suez.

Blick in ein Baggerschiff auf dem Suezkanal | ARD-Studio Kairo

Andere Schiffe saugen den Sand am Kanalgrund ab, um mehr Platz zu schaffen. Bild: ARD-Studio Kairo

Havarie-Schock wirkt nach

Ziel soll es sein, eine Havarie wie die des Containerfrachters "Ever Given" Ende März 2021 um jeden Preis zu verhindern. Der weltweit größte Frachter lief damals ganz in der Nähe der Baustelle auf Grund und blockierte den Kanal sechs Tage lang.

Fast 400 Schiffe stauten sich, Lieferketten wurden unterbrochen. Die Folgen waren auch an den Häfen von Hamburg, Rotterdam und Antwerpen zu spüren.

Über den Suez-Kanal laufen 13 Prozent des Welthandelsvolumens. Fast alle Containerschiffe zwischen Deutschland und China passieren die Wasserstraße - etwa neun Prozent aller deutschen Warenimporte.

Eine Springflut löst die Blockade

Wegen der Corona-Pandemie waren die globalen Lieferketten ohnehin am Anschlag. Die Havarie versetzte dem Welthandel einen weiteren Tiefschlag. Nach einer Springflut konnten Schlepper die "Ever Given" schließlich freilegen. Die Welt atmete auf.

Die Ursachen sind bis heute nicht ganz klar. Die Kanalbehörde vermutet menschliches Versagen: Der Riesenfrachter sei bei starkem Wind mit zu hoher Geschwindigkeit durch den Kanal gefahren.

Mit dem japanischen Eigner Shoei Kisen verhandelten die ägyptischen Behörden monatelang über Entschädigungszahlungen. 80 Millionen Euro Schaden seien ihnen entstanden, wie sie sagen. Schließlich wurde eine Einigung erzielt, über deren Details beide Seiten Stillschweigen vereinbarten.

Suez-Kanal auf Rekordkurs

Seither hat die Schifffahrt durch den Kanal wieder Fahrt aufgenommen und ist auf Rekordkurs. Mit 5,5 Milliarden Euro verzeichnet die Kanalgesellschaft für das vergangene Jahr die höchsten Einnahmen, die sie je erzielt hat. 20.694 Schiffe durchfuhren den Kanal, täglich im Durchschnitt 56.

Um die Erfolgsstory fortschreiben zu können, laufen die Erweiterungsarbeiten im Süden nun auf Hochtouren. "Wir haben wegen der Havarie entschieden, das Projekt zu beschleunigen", sagt Osama Rabie von der Kanalgesellschaft. Zeit ist Geld, das gilt in kaum einer anderen Branche so sehr wie in der Logistik - die globalen Konzerne liefern sich einen beinharten Wettbewerb. Das Nadelöhr durch Ägypten soll dabei auch in Zukunft eine wesentliche Rolle spielen.

Über dieses Thema berichtete RBB am 28. Dezember 2021 um 12:58 Uhr.