Menschen in Johannesburg räumen eine Straße im Township Alexandra auf. | EPA

Südafrika nach den Unruhen Ein Land räumt auf

Stand: 18.07.2021 16:14 Uhr

Mehr als eine Woche nach Beginn der Ausschreitungen beginnen in Südafrika die Aufräumarbeiten. Viele im Land sind geschockt vom Ausmaß der Zerstörung, die Folgen werden noch lange spürbar sein.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

Sie wären keine Südafrikanerinnen und Südafrikaner, wenn die Menschen nicht überall die Chance nutzen würden, zu singen und zu tanzen. Mit Besen und Plastiktüten in der Hand fegen sie nun schon seit Tagen in Durban und nun - am "Mandela Tag" - auch in Alexandra, einem armen Viertel in Johannesburg.

Jana Genth ARD-Studio Johannesburg

Die ganze Stadt hilft beim Putzen

Lincoln Ngwenya lebt in Alexandra und er staunt nicht schlecht, weil aus allen Wohnvierteln in Johannesburg Menschen kommen und mit anpacken. "Es geht nicht um Hautfarbe, hier ist jeder und hilft und fegt, alt und jung, das ist wirklich gut", sagt er.

Das Ganze passiert unter dem Schutz des Militärs. In Alexandra patrouillieren Soldaten, und sogar der Oberkommandeur der südafrikanischen Armee SANDF, Rudzani Maphwanya, kam vorbei. "Wir beschützen weiter unser Volk. Wir tolerieren keine Form der Gesetzlosigkeit", sagte er.

Die Soldaten sind auch rund um Durban stationiert, sie beschützen wichtige Orte. Sie sorgen auch dafür, dass der Verkehr auf der Autobahn N3 wieder läuft, einer wichtigen Logistik-Ader zwischen Durban und Johannesburg. Das wird hoffentlich Entspannung bringen, denn noch gibt es in Durban lange Warteschlangen vor den Supermärkten, die nicht zerstört sind. "Es ist übel, ich habe kaum etwas zu essen zu Hause", sagt eine Frau. "Aber schlimmer waren die brennenden Gebäude, das hat mir Angst gemacht." In ihrer Firma seien alle Computer gestohlen worden, dort sei alles beschädigt, erzählt sie. "Ich weiß auch nicht, ob ich noch Arbeit habe."

Mehr als 200 Todesopfer

Der Schaden nach den Unruhen kann immer noch nicht beziffert werden, er wird auf mehrere Milliarden Rand geschätzt. Ganze Städte sind in ihrer Entwicklung um Jahre zurückgeworfen, vermuten mehrere Bürgermeister. Und viele Ladenbesitzerinnen und Ladenbesitzer sind resigniert. "Sie haben alles mitgenommen, jedes kleine Teil", sagt eine Besitzerin. "Wie kann man nur plündern? Das betrifft Jobs, das ist das Brot für unsere Kinder. Wir sind die, die leiden. Das ist traumatisch."

Mehr als 200 Todesopfer der unruhigen Tage sind eine traurige Bilanz. Die wütende Menge, die in die Einkaufszentren stürmte, hat auch in Alexandra Ängste geschürt - auch bei einer Friseurin, deren Laden noch intakt ist. "Es war nicht einfach, man sieht die Gewehre, die Polizei steht draußen, ich fürchte mich", sagt sie. "Wenn Leute hier reinkommen, dann habe ich auch Angst. Wenn ich sie sehe, denke ich, sie greifen uns vielleicht an."

Private Bürgerwehren in den Nachbarschaften

Viele Menschen haben ihre eigenen Bürgerwehren formiert, um ihre Nachbarschaften zu schützen. Tag und Nacht arbeiten sie jetzt in Schichten. Im ganzen Land werden Spenden gesammelt für das stark getroffene Durban.

Was geschehen ist, das kann Imtiaz Sooliman, Chef der Hilfsorganisation "Gift of the Givers", noch immer nicht verstehen. "Traurig daran ist: Deine Familie, deine Kinder, deine Enkel und Urenkel, sie bezahlen den Preis für deine Fehltat", sagt er. "Die Leute, die geplündert haben: Wie lange reicht ihr Essen, vier bis fünf Tage? Und platt gesagt: Viele schwarze Menschen waren beteiligt. Und wem schaden sie? Schwarzen Menschen."

"Lasst unser Land nicht brennen"

Dass die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung in Südafrika arm ist, ist eine Erklärung für die Übergriffe. In sozialen Netzwerken sieht man derzeit emotionale Videos von ihnen. Jeepy beispielsweise sagt unter Tränen: "Meine Brüder und Schwestern in Südafrika, hört auf mit dem, was ihr macht! Lasst unser Land nicht brennen!"

Man hört es: Der Schock sitzt tief, auch jetzt noch. Südafrika wird die Folgen dieser Woche noch sehr lange spüren.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Juli 2021 um 13:21 Uhr.

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KOMMENTARE

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fathaland slim 18.07.2021 • 23:57 Uhr

21:49, zöpfchen

>>Das ist um Himmel‘s Willen kein Plädoyer für „Statebuilding“ oder gar Kolonialismus. Aber die Lebensumstände der meisten Afrikaner haben sich seit den Ende der Kolonialherrschaft im Großen und ganzen verschlechtert.<< Natürlich ist diese steile Behauptung ein Plädoyer für Kolonialismus. Was denn sonst?