Bei Kerzenlicht: Eine Frau mit Kind, während in Kapstadt der Strom abgestellt ist. | picture alliance / dpa

Südafrika Nur einige Stunden Energie am Tag

Stand: 17.07.2022 15:20 Uhr

Energie ist knapp - und so wird in Südafrika täglich für mehrere Stunden der Strom abgestellt. Das soll vermeiden, dass endgültig die Lichter ausgehen. Doch jetzt schon ächzt die Bevölkerung - und die Wirtschaft leidet.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

Südafrika sitzt im Dunkeln, bevor die Sonne auf- und nachdem sie untergeht. Stromabschaltungen ist die Nation seit Jahren gewohnt, aber so heftig wie jetzt waren sie noch nie. "Ich habe ein Baby und muss Nachbarn bitten, Wasser zu kochen, um Babynahrung fertig zu machen. Also wirklich!", beklagt sich eine Frau aus Kapstadt. "Wir haben schon lange keinen Strom mehr. Loadshedding löst Probleme aus - für mich und alle anderen."

Jana Genth ARD-Studio Johannesburg

"Load shedding" - übersetzt: Lastabwurf - bedeutet: Nach Plan wird der Strom abgeschaltet, je nach Stufe für derzeit dreimal täglich bis zu 4,5 Stunden. Der staatliche Stromkonzern Eskom, der nach wie vor fast die komplette Energieversorgung in Südafrika sicherstellt, will damit den kompletten Blackout vermeiden. Andre de Ruyter, der Chef, sagt: "Wir möchten die Öffentlichkeit daran erinnern, dass Loadshedding nur als letztes Mittel eingesetzt wird. Das sorgt dafür, dass das Stromnetz und die nationale Versorgung funktionsfähig bleiben."

"Infrastruktur ist alt"

Seit Andre de Ruyter Eskom leitet, gibt es mehr "load shedding". Der Grund: der Konzernchef hat sich der Wartung der Kraftwerke verschrieben. Jahrzehntelang war genau das versäumt worden. Die Oppositionspartei IFP ist nur eine Stimme von vielen, die Korruption als Ursache dafür sieht.

Parteichef Mangosuthu Buthelezi sagte auf einer Veranstaltung in der Nähe der Hafenstadt Durban: "Es gibt keine Hoffnung mehr, dass nicht auch noch die höchste Stufe des 'load sheddings' kommt. Selbst ein kleines Kind kann sehen, dass der ANC gescheitert ist."

Kritik an der Regierungspartei ANC hört man immer öfter. Die Stadt Johannesburg will nun versuchen, einen Energiemix mit unabhängigen Stromerzeugern zu schaffen, sagt Bürgermeisterin Mpho Phalatse von der Partei Demokratische Allianz:

Unsere Infrastruktur ist alt. Es ist kein Geheimnis, dass wir ein kaputtes System übernommen haben. Jahrzehntelang ist die Infrastruktur nicht gewartet worden, sie hält nicht stand. 'Load shedding' macht das noch schlimmer. Es ist eine nationale Krise, aber wir sind das Wirtschaftszentrum und würden gern einiges besser machen.

Privatleute rüsten um

Nicht wenige Unternehmen und Privatleute sind schon einen Schritt weiter und haben in erneuerbare Energien investiert. Energieexperte Mohamed Madhi beobachtet eine eindeutige Entwicklung: "Wir sehen, wie Solaranlagen verkauft und von Unternehmen und Privatleuten angenommen werden", sagt er. "Wir wissen, dass Solarzellen so gut verkauft werden wie nie zuvor in diesem Land. Sonnenenergie gemischt mit anderen Energieformen ist eine Alternative zu Eskom."

Auch Generatoren sind hoch im Kurs bei der Regenbogen-Nation. Wer Geld hat, der sucht nach Alternativen. Dass Südafrika als führendes Land des Kontinents diese Probleme hat, ist ernüchternd.

Wirtschaftswachstum betroffen

"Mit Stufe 6 von 8 oder der höchsten Stufe von 'load shedding' fürchte ich, dass unser Wirtschaftswachstum betroffen ist. Ich denke, es wird deutlich unter zwei Prozent liegen", fürchtet Wirtschaftswissenschaftler Dawie Roodt. "Das Verhältnis von Schulden und Bruttoinlandsprodukt ändert sich dann, und das ist aus Sicht von Rating-Agenturen nicht gut. Wir sind noch nicht an dem Punkt, aber wenn das so weitergeht, müssen wir damit rechnen, in der Kreditwürdigkeit herab gestuft zu werden."

Stromabschaltungen gehören zum Alltag in Südafrika. Sie führen dazu, dass einige Restaurants schließen, wenn sie keinen Strom haben. Sie führen zu langen Staus, weil Ampeln an großen Kreuzungen nicht funktionieren. Und sie führen zu vielen frustrierten Menschen. Die Wirtschaft insgesamt, aber auch die meisten Haushalte leiden wie selten zuvor.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 06. Juli 2022 um 11:50 Uhr.