Mitarbeiter des Gesundheitswesens in Johannesburg (Südafrika) bereiten sich auf die Untersuchung von Patienten auf Corona vor.

Pandemie im südlichen Afrika Delta verbreitet sich wie ein Lauffeuer

Stand: 01.07.2021 17:05 Uhr

Der Süden Afrikas ächzt unter der dritten Pandemie-Welle. Wegen der Delta-Variante werden wieder mehr Corona-Patienten eingeliefert - Kliniken sind überlastet. Einige Länder versuchen, mit Lockdowns gegenzusteuern.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

Es ist nicht einfach dieser Tage im Süden des afrikanischen Kontinents. Mit der Beta-Variante hat Südafrika seine eigene, hochansteckende Covid-19-Mutation gehabt. Mittlerweile dominiert die noch ansteckendere Delta-Variante, sagen Wissenschaftler. Obwohl wieder strengere Lockdown-Regeln gelten, sind die Krankenhäuser voll. Lerato Mokautu schlägt Alarm. Sie ist Krankenschwester an einer Klinik in Ekuhurleni, nordöstlich von Johannesburg gelegen.

Jana Genth ARD-Studio Johannesburg

"Wir haben Personalmangel, wir müssen bei der Arbeit improvisieren und an unsere Grenzen gehen", erzählt sie. Nach Feierabend habe ihr Team manchmal den ganzen Tag nichts gegessen. "Wir wollen uns wirklich um unsere Patienten kümmern, aber weil wir das tun, sind wir überlastet." Es sei so traurig mit all den Patienten, die neu kommen. "Die Pflegekräfte sind geschafft, die Ärzte sind erschöpft, wir sind müde."

"Krankenwagen stehen Schlange"

Ekurhuleni hat geschätzt 3,5 Millionen Einwohner. Sie ist eine der großen Städte in der Provinz Gauteng, die bislang als Hot Spot gilt. Zwei Drittel aller Infektionen werden dort verzeichnet. An allen Kliniken, auch an den privaten, ist die Situation ernst, erzählt der Lungenarzt Anton Meyburg aus Johannesburg.

"Es ist Chaos, es ist Anarchie, es gibt Grabenkämpfe, es ist ein Kriegsgebiet im Krankenhaus", sagt er. Im Spital lägen viel mehr Covid-19-Patienten, als während der ersten und zweiten Welle. Meyburg schätzt, dass 85 bis 90 Prozent der Abteilungen Corona-Patienten versorgen. "Wir haben nicht genug Platz für Unfallopfer. Krankenwagen stehen Schlange und versuchen, Patienten einzuliefern", klagt er. Es sei so heftig, dass Krankenhäuser ihre Intensivpatienten in andere Provinzen bringen, sogar nach Kapstadt.

Kapstadt ist 1.400 Kilometer entfernt von Johannesburg. Dort ist es im Vergleich noch ruhiger, aber die dritte Welle ist auch dort unübersehbar, sagt Kirsten Bischof, eine Chirurgin in der Notaufnahme. "Die Situation ist so angespannt. Wir haben nur noch wenige Betten für die  allgemeinen chirurgischen und für Notfallpatienten zur Verfügung", sagt sie. "Wir spüren also schon jetzt Auswirkungen in Kapstadt, die wir vorher nicht hatten."

Strenge Auflagen in Namibia

In den Nachbarstaaten Südafrikas sieht es kaum anders aus. In Namibia beispielsweise haben sich die Infektionszahlen innerhalb des vergangenen Monats verfünffacht. Einige Schulen wurden geschlossen. Doch Bildungsminister Kalumbi Shangula klang in einer Videokonferenz ernüchtert. "Obwohl es keinen Unterricht mehr gibt, verzeichnen wir immer noch eine hohe Inzidenz unter den Schülern", sagte er.

Seit heute sind in Namibia landesweit strengere Ausgangsbeschränkungen in Kraft. Solche gelten auch überall in Simbabwe, wo auch die ländlichen Gebiete in Fokus stehen. In Zvimba, gut eineinhalb Stunden nordöstlich der Hauptstadt Harare, verbreitet sich Covid wie ein Lauffeuer.

Dort, in der Region Mashonaland West, gelten strengere Regeln schon länger als im Rest des Landes. "Wir hören, dass es jetzt einen Impfstoff gibt, aber wir wissen nicht, ob er die schlimme Krankheit stoppen kann", erzählte eine Bewohnerin. Zu viele Menschen seien schon gestorben. "Wir verstehen das gar nicht."

Impfquoten sind minimal

Geimpft wird allmählich etwas mehr - das südliche Afrika hat gegenüber der westlichen Welt viel aufzuholen. In Sambia, wo sich die Fallzahlen innerhalb der vergangenen drei Wochen verdoppelt haben, ist die Impfquote minimal. "Wir haben erst weniger als ein Prozent der Bevölkerung geimpft", erzählte der Kinderarzt Chalilwe Chungu. Südafrika habe schon fünf Prozent geimpft. "Wir haben nachgewiesen, dass die Delta-Variante sich in Sambia verbreitet. Das ist anders als in der ersten und zweiten Welle. Diesmal ist die Sterberate sehr hoch."

Auch in Mosambik verdoppelten sich in einigen Gegenden die Covid-Fälle inzwischen innerhalb von vier Tagen. Die meisten Infektionen werden in der Hauptstadt Maputo verzeichnet. Betroffen ist aber auch das nördlich gelegene Tete, eine Gegend, in der Klinikbetten und ausgebildete Pflegekräfte Mangelware sind. Dort wurde laut dem Gesundheitsministerium auch schon die Delta-Variante nachgewiesen.

Die Corona-Varianten und ihre Namen

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) setzt ab sofort auf neutrale Bezeichnungen für die Varianten des Coronavirus. Sie sollen nicht mehr nach den Ländern benannt werden, in denen sie zuerst entdeckt wurden. Damit will die WHO Diskriminierung und Stigmatisierung verhindern.

Alpha heißt die zuerst in Großbritannien aufgetauchte Variante B.1.1.7.

Beta lautet der Name für die in Südafrika entdeckte Variante B.1.351.

Gamma steht für die in Brasilien nachgewiesene Variante P.1.

Delta bezeichnet die zunächst in Indien gefundene Variante B.1.617.2.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. Juli 2021 um 18:18 Uhr.