Ein Mann hält im verwüsteten Vosloorus, wo es zu Plünderungen kam, ein Elektrogerät in die Höhe. | AFP

Nach Protest und Plünderungen "Das ist doch nicht Südafrika"

Stand: 14.07.2021 21:57 Uhr

Seit ein paar Tagen versinkt Südafrika im Chaos: Sicherheitskräfte sind überfordert, Präsident Ramaphosa fassungslos. Bricht sich jahrelang aufgestaute Wut auf die Regierung Bahn - oder sind Anhänger des Ex-Präsidenten Zuma die Anstifter?

Von Richard Klug, ARD-Studio Johannesburg

Sieht so ein "failed state" aus? Das fragen sich momentan viele Südafrikaner. Seit ein paar Tagen versinkt das Land an der Südspitze Afrikas im Chaos: Plünderungen in einem Ausmaß, das niemand erwartet hatte, Dutzende Tote und die Furcht, dass es zu Lebensmittel-, Medikamenten- und Benzinknappheit kommen könnte.

Richard Klug ARD-Studio Johannesburg

Ist es nur jahrelang aufgestauter Hass auf die Regierung und Frust über die schlechten Lebensbedingungen so vieler Südafrikaner, die sich hier entladen? Oder steckt da doch die Anstiftung zu einer Rebellion dahinter, wie es manche jetzt vermuten? Innerhalb weniger Tage steht das Land völlig anders da, als man es vor Wochen noch vermutet hatte.

Gescheitert ist der Staat auf jeden Fall mit seiner Polizei. Die hatte den Plünderern wenig entgegenzusetzen, war ihnen zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen und wirkte über weite Strecken hilflos. Auf Bildern von der Erstürmung eines Einkaufszentrums in der Hafenstadt Durban ist weit und breit kein Polizist zu sehen.

Andere Bilder zeigen, wie Polizisten verzweifelt versuchen, Plünderer festzunehmen. Die klammern sich an ihre Beute - und manche schaffen es auch, zu entkommen. Andere Quellen berichten von vorläufig Festgenommenen, die kurz danach freigelassen wurden und wieder zu den anderen Plünderern zurückkamen, um weiter nach Beute zu suchen.

Vor einem anderen Einkaufszentrum in Durban ließ sich ein Mitarbeiter des dortigen Sicherheitsdienstes von Journalisten interviewen - auch er hatte geraubte Gegenstände auf dem Arm.

Dutzende Tote und Fassungslosigkeit

Schließlich wurde die Armee eingesetzt, an vielen Orten beruhigte sich die Lage etwas. Aber auch am Mittwoch kam es vereinzelt noch zu Plünderungen. Während der Aufräumarbeiten machte sich Entsetzen darüber breit, was da angerichtet wurde.

Menschen laufen an den bei Protesten im südafrikanischen Durban geplünderten Läden vorbei. | AFP

Menschen laufen an den bei Protesten im südafrikanischen Durban geplünderten Läden vorbei. Bild: AFP

Dutzende von Toten sind zu beklagen. Viele wurden im Gedränge von ihren Mitplünderern erdrückt, einige kamen zu Tode, als eine hohe Regalwand über ihnen zusammenstürzte, andere wurden erschossen - ob von der Polizei oder Gangstern, ist oft nicht auszumachen. "Es wird lange dauern, bis wir uns davon erholen", sagten Augenzeugen. "Die Reparaturarbeiten, die Ware wieder beschaffen und neue Leute einstellen. Viele Menschen werden jetzt erst recht in der Arbeitslosigkeit bleiben."

Präsident Cyril Ramaphosa trat live vor die Kameras. Am unteren Bildrand liefen Live-Bilder der Plünderungen, die der Präsident auch sehen konnte. "Das sind nicht wir", sagte er fassungslos. "Das ist doch nicht Südafrika".

Zuma-Anhänger machten den Anfang

Nicht nur das Ausmaß der Plünderungen und der Gewalt hat viele Südafrikaner überrascht, sondern auch, wie schnell es dazu gekommen ist. Die Unruhen entstanden aus einer Situation der politischen Unsicherheit, nachdem sich der frühere Staatspräsident Jacob Zuma vergangene Woche den Behörden gestellt hatte und seitdem in Haft sitzt.

Seine Anhänger demonstrierten gegen seine Inhaftierung, forderten seine Freilassung. Offenbar war es vielen Plünderern aufgefallen, dass die Polizei sogar bei den politischen Pro-Zuma-Demonstrationen überfordert schien. In dieses Vakuum stießen einige vor - zahllose andere zogen mit.

In Zumas Amtszeit von 2009 bis 2018 fallen Misswirtschaft und Korruption, Behördenversagen in unvorstellbarem Ausmaß und Klientelwirtschaft. Der Begriff "state capture" wird dafür in Südafrika verwandt - das Kapern eines ganzen Staates zugunsten der Interessen des Präsidenten und einiger Freunde. "Neun verlorene Jahre" nennt Cyril Ramaphosa diese Zeit. Er hatte Zuma nach einem zähen und erbitterten Kampf schließlich aus dem Amt gedrängt.

Zuma entzog sich der Untersuchungskommission

2018 wurde eine Untersuchungskommission eingerichtet - unter dem Vorsitz des zweithöchsten Richters im Land, Raymond Zondo. Die Kommission sollte die Korruptionsvorwürfe untersuchen. Zuma erschien anfangs sporadisch, sprach aber bald von politisch motivierter Justiz. Im November 2020 verließ er ohne Erlaubnis den Saal während einer Sitzungspause - und kam nie wieder.

Zuma und seine Anhänger lieferten sich seither eine politische Schlammschlacht mit Ramaphosa und dessen Anhängern. Vor zwei Wochen schließlich ein Donnerschlag: wegen "Missachtung des Gerichts" - damit ist die Zondo-Kommission gemeint -, verurteilte das südafrikanische Verfassungsgericht Zuma zu 15 Monaten Haft ohne Bewährung. Zuma blieb hartnäckig - dann, kurz vor Ablauf einer letzten Frist, stellte er sich doch noch. Das Weitere ist seit Tagen auf den Bildschirmen zu sehen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach war es doch nur ein Funke an einer sehr kurzen Lunte. Die Mehrheit der Südafrikaner ist immer noch arm - seit Jahren leiden sie darunter, dass der Staat nicht funktioniert. Die Hygienebedingungen in den Armenvierteln sind entsetzlich, die Arbeitslosigkeit ist in schwindelerregenden Höhen und die Corona-Pandemie hat dem Ganzen noch den letzten Schlag verpasst. Es gibt wieder Hunger in Südafrika.

Im Land kursieren auch Theorien, dass Zuma-Anhänger die Plünderer angestachelt haben - Zumas früher Sicherheitschef wird genannt. Vermutlich ist das aber nur bei wenigen Plünderern die Motivation gewesen. Jetzt sucht das Land verzweifelt nach einer Lösung, die Plünderungen und die Gewalt zu beenden. Im Staatsfernsehen sagte ein interviewter Südafrikaner: "Wir werden einen hohen Preis zahlen."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 14. Juli 2021 um 22:15 Uhr.