Menschen skandieren Slogans während einer Demonstration in Khartum (Sudan). | dpa

Staatskrise im Sudan Machtvakuum nach Hamdoks Rücktritt

Stand: 03.01.2022 12:55 Uhr

Die Staatskrise im Sudan spitzt sich weiter zu: Von Machtkämpfen zermürbt hat Regierungschef Hamdok sein Amt aufgegeben. Die Demonstranten wollen sich weiter gegen das Militär auflehnen.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

In Abdullah Hamdoks letzten Worten als amtierender Regierungschef spiegelt sich die ganze Tragik einer bislang gescheiterten Demokratiebewegung im Sudan wider. "Ich habe, so gut wie ich konnte, versucht zu verhindern, dass unser Land in eine Katastrophe abrutscht. Aber jetzt stehen wir an einem gefährlichen Wendepunkt: Es geht um das Überleben unseres Landes."

Anna Osius ARD-Studio Kairo

Hamdoks Rücktritt in der Nacht kam überraschend und wirkte Beobachtern zufolge gleichzeitig nur wie die letzte Konsequenz eines machtlosen Regierungschefs, der offenbar nicht mehr Spielball des Militärs sein wollte.

Wieviel Macht hatte Hamdok noch?

"Er hat es nicht geschafft, das Blutvergießen aufzuhalten, er hat es nicht geschafft, politischen Konsens zu erreichen. Deshalb gibt es objektiv keinen Grund mehr für ihn, im Amt zu bleiben", meint der Politikjournalist Diaa al Din Belal. Eine Rückkehr ins Amt sei ausgeschlossen, da Hamdok sein politisches Gewicht verloren habe.

Ein politisches Gewicht, das ursprünglich ein Ziel hatte: Demokratie. Ein großes Wort für den Sudan: Nach der fast 30-jährigen harten Herrschaft von Omar al-Baschir führte eine Übergangsregierung seit dem Frühjahr 2019 das Land. Es keimte vorsichtige Hoffnung auf, doch dann riss das Militär Ende Oktober bei einem Putsch die Macht an sich und stürzte Ministerpräsident Hamdok.

Nach internationalem Druck wurde dieser zwar wenige Wochen später wieder eingesetzt. Bis zuletzt war aber unklar, wie viel Macht er tatsächlich noch hatte. Jetzt folgte der offenbar finale Rücktritt. Der eigentliche Machthaber des Landes steht fest: Militärchef General Abdel Fattah al Burhan.

Berichte über gezielte Tötungen

Seit Wochen gehen die Sudanesen gegen die Macht des Militärs und für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte auf die Straße. Das Militär antwortet mit Tränengas-Salven, riegelt Bezirke ab, kappt Telefon- und Internetverbindungen. Und es gibt immer wieder Tote. Sudanesische Ärzte berichten, insgesamt seien in den vergangenen Wochen mehr als 50 Menschen gestorben. Teilweise mit gezielten Kopfschüssen.

Aber die Demonstranten geben nicht auf. "Ich bin mit dem Militärputsch von General Burhan nicht einverstanden", sagt eine von ihnen. Der Putsch sei ein Verrat der Revolution, ein Verrat an den Menschen, ein Verrat an denen, die bei der Revolution gestorben sind. Der Umsturz habe alles verraten, wovon die Menschen geträumt hätten. "Wir gehen weiter auf die Straße, bis wir endlich einen zivil geführten Staat haben."

Die Nachfolge ist unklar

"Wir sind hier, um eine Botschaft an die ganze internationale Gemeinschaft zu senden", sagt ein anderer Demonstrant. "Wir sind auf der Straße, um ein demokratisches System in diesem Land durchzusetzen, ein politisches System, das keinen Platz für Militäranhänger hat."

Doch die Realität sieht derzeit anders aus: Nach dem Rücktritt von Premierminister Hamdok befindet sich der Sudan jetzt in einem politischen Machtvakuum. Noch ist unklar, ob der Posten von einem zivilen Politiker oder von einem Militärvertreter besetzt wird. Beobachter befürchten, dass die Lage im Sudan eskalieren könnte. Das Land könnte in einen Bürgerkrieg abrutschen oder auf dem Weg in eine Militärdiktatur sein.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Januar 2022 um 12:00 Uhr.