Sudanesische Sicherheitskräfte rücken in der Hauptstadt Khartum aus, nachdem die Armee über Nacht Mitglieder der Regierung festgenommen hat. | AFP

Putsch gegen Regierung Sudans Militär erklärt Ausnahmezustand

Stand: 25.10.2021 13:28 Uhr

Das sudanesische Militär hat nach dem Putsch den Ausnahmezustand verhängt. Premierminister Hamdok und weitere Regierungsvertreter wurden von Soldaten festgenommen. Aus der Hauptstadt werden Feuergefechte gemeldet.

Das Militär im Sudan hat den Ausnahmezustand über das nordostafrikanische Land verhängt. General Abdel Fattah al-Burhan kündigte zudem die Auflösung der Regierung und des Souveränen Rates an, der bislang den Übergang zur Demokratie leitete und dem neben Mitgliedern des Militärs auch Zivilisten angehörten.

Burhan, der selbst Vorsitzender des Rats war, begründete das Vorgehen damit, dass Frieden und Sicherheit im Sudan gefährdet gewesen seien. Das Militär habe handeln müssen, um die Sicherheit des Landes zu schützen. Das Militär werde den demokratischen Übergang fortsetzen, bis die Macht an eine zivile gewählte Regierung übergeben werde. Er kündigte eine Wahl für Juli 2023 an. Bis dahin solle eine unabhängige Regierung den Sudan führen.

Regierungsmitglieder festgenommen

Zuvor war Regierungschef Abdallah Hamdok von Angehörigen des Militärs an einen unbekannten Ort verschleppt worden. Dies hatte das Informationsministerium, das offenbar noch von Regierungsunterstützern kontrolliert wurde, auf Facebook erklärt. Auch mindestens fünf weitere führende Regierungsvertreter seien festgenommen worden, wie lokale Medien berichten.

Wo die Regierungsvertreter festgehalten werden, ist laut Informationsministerium unklar. Die Armee habe Internetverbindungen abgeschaltet und Brücken gesperrt, teilte das Ministerium weiter mit.

Karte von Sudan mit den Städten Khartum, Bur Sudan, Kassala, Nyala

Gefechte in Khartum

Aus der Hauptstadt Khartum werden Feuergefechte gemeldet. Dabei sollen nach Angaben von Ärzten zwölf Menschen verletzt worden sein. Der Gewerkschafts- und Berufsverbändebund Sudanese Professionals Association und die größte Partei des Landes, Umma, riefen zum Widerstand gegen das Militär auf. Auch das Informationsministerium forderte die Menschen auf, auf die Straße zu gehen.

Dem kamen offenbar viele nach: Aus der Hauptstadt und dem angrenzenden Omdurman zirkulieren Videos, in denen sich große Menschenmengen auf den Straßen versammeln. Einige der Demonstranten blockierten Straßen und steckten Reifen in Brand. Sicherheitskräfte reagierten mit Tränengas.

EU und UN zeigen sich besorgt

International riefen die Entwicklungen Besorgnis hervor: Bundesaußenminister Heiko Maas verurteilte den Putsch. "Ich rufe alle, die im Sudan Verantwortung für die Sicherheit und staatliche Ordnung tragen, auf, den friedlichen politischen Übergangsprozess in Sudan hin zu einer Demokratie fortzuführen", erklärte der Minister. Die Europäische Union forderte die "schnelle Freilassung" der festgenommenen Regierungsmitglieder.

Der US-Sondergesandte für die Region, Jeffrey Feltman, zeigte sich "tief besorgt" über die jüngsten Entwicklungen. Auch der Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen für Sudan, Volker Perthes, zeigte sich in einer Mitteilung "zutiefst besorgt" und rief beide Seiten zum Dialog auf. Die Arabische Liga appellierte an alle Parteien, dem "Weg der demokratischen Transition" weiter zu folgen.

"Militär sieht Pfründe in Gefahr"

Der freie Journalist und Sudan-Experte Tobias Simon sagte auf tagesschau24, das Militär habe nur wenig Rückhalt in der Bevölkerung, seit die Militärführung unter Ex-Machthaber Omar al-Baschir 2019 abgesetzt wurde. Dennoch sei Premier Hamdok bei der Bevölkerung in Ungnade gefallen, da er im Zuge von Verhandlungen mit dem IWF über einen Schuldenerlass die Subventionen für Benzin abschaffte. Dies hatte schon seit Wochen zu Protesten in der Bevölkerung geführt.

Als Grund für den jetzigen Putsch sieht er die Angst des Militärs vor Machtverlusten durch eine Demokratisierung: "Die militärischen Eliten sehen ihre Pfründe und ihre Interessen in Gefahr. Dazu kommt, dass das Militär nie wirklich bereit war, seinen Herrschaftsanspruch vollständig abzugeben."

Rückschlag für das Land

Sollte das Militär nun die Macht in Khartum übernehmen, wäre das ein schwerer Rückschlag für den Sudan. Die bisher amtierende Übergangsregierung hat sich dem Westen angenähert und sich in den vergangenen Monaten mit dem Internationalen Währungsfonds auf Wirtschaftsreformen geeinigt. Um einen Schuldenerlass gewährt zu bekommen, musste der Staat allerdings auch Subventionen unter anderem für Diesel und Benzin streichen. Das führte in dem verarmten Land zu ersten Protesten.

Außerdem hatte die Übergangsregierung im August beschlossen, den langjährigen Machthaber Omar al-Baschir an den internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auszuliefern. Die Bankkonten von Repräsentanten des alten korrupten Regimes wurden eingefroren, offenbar hatten diese Millionen Dollar ins Ausland geschafft.

Mit Informationen von Martin Durm, ARD-Studio Beirut

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. Oktober 2021 um 12:00 Uhr und 14:00 Uhr.