Sudanesische Demonstranten verbrennen Reifen. | AFP

Militärputsch im Sudan Das Ende der "Arabellion"

Stand: 25.10.2021 18:33 Uhr

Nirgends war die Demokratiebewegung im Nahen und Mittleren Osten erfolgreicher als im Sudan. Nun wurde die letzte Hoffnung der "Arabellion" zerschlagen - offenbar, weil die alte Elite nicht von der Macht lassen kann.

Von Martin Durm, ARD-Studio Beirut

Es sind die üblichen Verdächtigen, die festgenommen wurden - und die üblichen Phrasen, mit denen Putschistengeneräle ihr Handeln zu rechtfertigen suchen: "Im Namen Gottes und im Namen des Vaterlands", sagte General Abdel Fatah al-Burhan in einer Fernsehansprache. "Ich grüße euch und die Jugend, die in der Dezember-Revolution für Freiheit und Frieden gekämpft hat."

Martin Durm

In der bisherigen Übergangsregierung habe es Konflikte gegeben, die die Sicherheit des Landes bedrohten, deshalb habe man handeln müssen, sagte al-Burhan. Die Streitkräfte versicherten aber, dass sie auch weiter beabsichtigten, den demokratischen Übergang zu vollziehen, bis die Führung des Landes einer zivilen Regierung übergeben werden kann.

General Abdel Fattah al-Burhan, Vorsitzender des Souveränen Rates des Sudan. | picture alliance/dpa/Sudan TV

General Abdel Fattah al-Burhan rechtfertigte den Putsch: In der bisherigen Übergangsregierung habe es Konflikte gegeben. Bild: picture alliance/dpa/Sudan TV

Demonstranten wollen sich wehren

Die Demonstranten in den Straßen der Hauptstadt Khartum, die seit dem Morgen gegen die uniformierten Putschisten protestieren, werden ihm das nicht abnehmen.

"Wir rufen das Volk dazu auf, auf die Straßen zu gehen. Niemand sollte heute arbeiten", sagte ein Sprecher der Demonstranten. "Wir müssen dem Putsch mit zivilem Ungehorsam begegnen. Al-Burhan habe den Übergang zur Demokratie zerstört, die zivilen Mitglieder der Übergangsregierung verhaftet. "Dagegen müssen wir uns wehren."

Videoaufnahmen belegen, dass Tausende in Khartum gegen den Putsch protestieren, junge Männer setzten Autoreifen in Brand, schwarzer Rauch hängt über den Straßen. Die Demonstranten sehen sich mit schwer bewaffnetem Militär, Panzern und paramilitärischen Einheiten konfrontiert. Schüsse fielen, es gab Tote und Verletzte.

Letzte große Hoffnung der "Arabellion" wird zerschlagen

Was hier durch einen Militärputsch zerschlagen wird, ist die letzte große Hoffnung der Demokratiebewegungen im Nahen und Mittleren Osten der arabischen Welt. "Arabellion 2.0" wurde sie 2019 genannt, als im Irak, im Libanon, in Algerien und im Sudan Hunderttausende junge Menschen für Freiheit und Demokratie auf die Straßen zogen.

Nirgendwo war diese Bewegung so erfolgreich, farbig und kreativ wie im Sudan. Aala Salah, eine junge Frau aus Khartum, wurde damals zur Ikone der Revolution, ihr gerappter Protest gegen Diktator Umar al-Bashir und seine militärischen Handlanger wurde weltweit gehört.

Demokratiebewegung war gewarnt

Als al-Bashir stürzte, wollten die Generäle eine Art Obersten Militärrat einrichten, um - wie es hieß - das Land geordnet in demokratische Verhältnisse zu überführen. Doch die Protestbewegung, getragen von Gewerkschaftsvertretern und Frauenverbänden, war gewarnt: In Ägypten scheiterte die Tahrir-Revolution, weil die Generäle die Macht am Ende eben doch nicht abgeben wollten. Das Land ist heute eine Militärdiktatur.

Diese abschreckende Entwicklung vor Augen, bestanden die Sudanesen auf eine Übergangsregierung: Fünf Militärs, sechs Zivilisten - geteilte Macht also, die 2023 freie Wahlen und eine reine Zivilregierung herbeiführen sollte.

Die Sudanesen leiden unter Hyperinflation und Arbeitslosigkeit, doch seit der Revolution ist auch vieles besser geworden: Die Medien sind frei, der Islam ist nicht mehr Staatsreligion, Genitalverstümmelung wird als Verbrechen geahndet.

Die alte Elite bangt um ihre Privilegien

Doch die alte, unter der Diktatur sozialisierte Elite bangt offenbar um Pfründe und Privilegien. Ministerpräsident Abdalla Hamdok steht nun unter Hausarrest, fast alle zivilen Regierungsmitglieder wurden festgenommen.

"Der Ministerpräsident ist eine Geisel der Militärs", sagte der sudanesische Journalist Orwa al-Sadek. "Dieser Putsch ist ein Verbrechen. Die Welt soll wissen, was uns angetan wird und dass wir das nicht hinnehmen werden."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 25. Oktober 2021 um 17:25 Uhr.