Blick auf das Flüchtlingslager Um Rakuba im Sudan. | AP
Weltspiegel

Geflüchtete im Sudan Vor dem Tod in die Not geflohen

Stand: 28.02.2021 07:56 Uhr

Mehr als 62.000 Menschen sind nach dem Sturm auf Tigray ins Nachbarland Sudan geflohen. Sie erzählen von Gräueltaten an der Bevölkerung, ertragen Elend in überlasteten Auffanglagern - und es könnte bald schlimmer werden.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo, zurzeit Hamdayet

Seine Frau brachte gerade Zwillinge zur Welt, als Milizen in ihr Dorf einfielen, plünderten, das Vieh mitnahmen, Bewohner wahllos töteten. So schildert ihr Mann Abrah den schlimsten Tag seines Lebens. Seine Frau hatte schwere Blutungen, niemand kam ihr zu Hilfe. Die Familie musste mitansehen, wie sie starb.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Bevor die Kämpfer ihr Haus erreichten, floh er mit seinen zwei Söhnen und den Neugeborenen aus der äthiopischen Provinz Tigray in den Sudan. "Ich bin todtraurig", sagt der 40-Jährige. "Wir haben so viele Menschen tot in den Straßen gesehen. Wir hatten schreckliche Angst." Zwei Monate sei das nun her. Heute sind sie in Sicherheit, haben eine Bleibe im Grenzort Hamdayet gefunden.

Hinweise auf Massaker in Tigray

Dort kursieren zahllose Geschichten von Vertreibungen, Vergewaltigungen, Hinrichtungen. Sie ähneln sich und deuten auf ein Massaker an der Zivilbevölkerung. Unabhängig überprüfen lassen sie sich nicht. Tigray ist abgeriegelt. Seit dem Beginn eines Militäreinsatzes der äthiopischen Streitkräfte mit verbündeten Milizen gegen die Provinzregierung im November dringt kaum etwas nach außen. Das Internet ist abgestellt.

Äthiopiens Militär hat die Kontrolle nach eigenen Angaben übernommen, die Grenze weitgehend abgeriegelt. Seit einigen Tagen kommen nur noch wenige Flüchtlinge durch. Zuvor waren es bis zu 1000 Menschen täglich. Insgesamt sind schon mehr als 62.000 Geflüchtete angekommen.

Selam Zeneba ist die Flucht durch die Linien des äthiopischen Militärs gelungen. Mit einer Plastiktasche kommt die 21-Jährige zur Empfangsstelle für Flüchtlinge, will sich registrieren lassen. Es gebe keinen Frieden, der Krieg halte an, erzählt sie. Soldaten hätten ihr Dorf überfallen, den Menschen ihr Hab und Gut, ihr Vieh weggenommen und zwei Bewohner getötet.

"Krise ohne Vorwarnung"

Das Grenzdorf Hamdayet sollte eigentlich nur eine Durchgangsstation sein auf dem Weg in die Flüchtlingscamps im Landesinneren des Sudan. Doch viele harren hier schon seit November unter erbärmlichen Bedingungen aus. Die Menschen leben in Baracken, Bretterverschlägen, unter Planen oder im Freien. Überall Schmutz und Dreck. Zu essen gibt es Hafer, Bohnen, etwas Gemüse, wenn überhaupt. Trinkwasser ist knapp. Die Welthungerhilfe hat eilig 60 Toiletten hochgezogen. Längst nicht genug.

"Diese Krise kam ohne jede Vorwarnung", sagt Ahmed Youssef, Einsatzleiter der Welthungerhilfe. "Wir waren überhaupt nicht darauf eingestellt, es kam viel zu wenig Geld von Spendern, das Bewusstsein fehlte für die Not der Menschen." Die Klinik am Ort behandelt mehr als 300 Menschen täglich. Sie haben Malaria, Gelbfieber, viele auch Atemwegserkrankungen. Ob es Covid-19 ist, weiß niemand so genau. Kaum einer trägt Masken, die Menschen leben dicht auf dicht, Tests gibt es keine.

Viele Kinder sind unterernährt

Vielen wollen nur noch weg, nach Um Rakuba etwa, 150 Kilometer weiter westlich. Dort haben mehr als 20.000 Flüchtlinge eine Bleibe gefunden. Sie leben dicht gedrängt. Das Camp ist eigentlich nur für die Hälfte der Menschen ausgelegt. Es regiert der Mangel: Für Hilfspakete müssen die Menschen in der Sonne stundenlang anstehen. Das Essen ist karg und rar, ebenso Decken und Medikamente.

Aus der äthiopischen Provinz geflohene Menschen im Lager Um Rakuba im Sudan. | AFP

Aus der äthiopischen Provinz geflohene Menschen im Lager Um Rakuba im Sudan. Bild: AFP

Eine bittere Erfahrung für die Menschen nach den traumatischen Erlebnissen in Tigray. Viele Familien sind auseinandergerissen, Frauen haben ihre Männer verloren, Kinder ihre Eltern. Gerade die Jüngsten leiden am schlimmsten: Zahllose Kinder sind unterernährt. Sie vertragen die Kost des Welternährungsprogramms nicht gut. Mütter fühlen sich hilflos. "Es ist sehr schwer, ein Kind zu haben und für Essen so lange anstehen zu müssen", sagt Stirfi Girmay. Sie habe schon den ganzen Tag in der Sonne gewartet und am Ende dennoch nichts bekommen, erzählt sie.

Durchfallerkrankungen grassieren. Die Folge schlechter Hygiene und Wassermangels. Die Menschen können ihre Kleidung, Kochtöpfe, die Toiletten nicht oft genug reinigen. So entstehen Brutstätten für Bakterien.

Die Zufluchtsstätte ist schon am Limit

Um Rakuba ist schon jetzt am Limit. Hilfsorganisationen aber rechnen mit weiteren Zehntausenden Flüchtlingen, die über kurz oder lang in den Sudan fliehen könnten - in eines der ärmsten Länder der Welt. Und im Mai setzt die Regenzeit ein. Auf die damit einhergehenden Fluten aber ist das Camp nicht ausgelegt.

Die Welthungerhilfe warnt vor einer Katastrophe: "Alles, was wir aufgebaut haben, würde zusammenbrechen. Die Unterkünfte würden zerstört", warnt Schadrak Mutiso, Regionalchef der Hilfsorganisation. "Wir müssten bei der Versorgung der Flüchtlinge wieder bei null anfangen."

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 28. Februar 2021 um 19:20 Uhr.

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Moderation 28.02.2021 • 14:10 Uhr

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