Eine Mutter hält in der somalischen Region Shabeellaha Hoose ihr unterernährtes Kind im Arm.  | AP

Dürre und Hungerkrise Der "große Gleichmacher" beutelt Somalia

Stand: 20.09.2022 08:31 Uhr

Seit Jahren hat es im Nordosten Somalias nicht mehr geregnet. Millionen Einwohner brauchen Hilfe, Kinder sterben an Mangelernährung - und Helfer klagen: Vielen stellt sich nicht einmal mehr die Frage nach der Zukunft.

Von Caroline Imlau, ARD-Studio Nairobi

Santoy Mursal war erst sechs Jahre, als er in Baidoa beerdigt wurde. Atar Itriswar neun Jahre alt, als sie an Hunger starb. Ihre zweijährige Schwester wurde von den Masern hingerafft. Drei Kinderschicksale, die exemplarisch sind für die katastrophale Lage in Somalia. Mehr als die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren ist in dem Land am Horn von Afrika akut unterernährt. Jedes sechste Kind leidet unter schwerer Mangelernährung, die tödlich enden kann. Und die Zeit, den Kreislauf aufzuhalten, wird knapp.

Caroline Imlau ARD-Studio Nairobi

Andrea Janssen von "Save The Children" beobachtet die schlimme Lage zur Zeit in Hargeisa im Nordosten Somalias. "In unsere Gesundheitsstationen kommen immer mehr Menschen - langsam bekommen wir Kapazitätsprobleme. Unsere Mitarbeiter sind überlastet", berichtet sie. "Leider überleben dann auch nicht alle Kinder. Einige sind so schlimm dran, dass sie nicht mehr gerettet werden können. Das sehen wir jeden Tag - die Verzweiflung in den Gesichtern der Mütter. Das geht einem sehr nahe."

Vier Jahre ohne Regen

Seit vier Jahren hat es in der Region nicht mehr geregnet. Auf den Feldern gibt es kaum noch etwas zu ernten, die meisten Tiere sind verendet. Dazu verhindern militante Al-Shabab-Gruppen, dass die Dörfer mit Gütern versorgt werden. Und so fliehen die Menschen - so ausgemergelt sie auch sind - oft tagelang durch die ausgedörrte Landschaft. Sie hoffen, dass sie lebend dort ankommen, wo sie Hilfe bekommen können.

"Ich habe von Müttern gehört, die einige ihrer Kinder zurücklassen mussten, um die anderen Kinder zu retten", beschreibt Daud Adan Jiran von der NGO "Mercy Corps" in Somalia die ausweglose Lage vieler Familien.

Der Sonderbeauftragte der UN für Humanitäre Angelegenheiten, Martin Griffiths, sagte bei einem Besuch in Baidoa, im Zentrum der Hungerkrise: "Wir fürchten, dass das Schlimmste noch kommt." Auch wenn es jetzt schon schlimm genug sei: "Wenn man die Menschen nach ihrer Zukunft fragt, verstehen sie die Frage gar nicht. Ihnen geht es ums pure Überleben. Und wenn sie die Frage verstehen, sagen sie uns, dass sie gar keine Zukunft haben."

Somalische Kinder, die aus den von der Dürre betroffenen Gebieten geflohen sind, stehen in einem Lager für Vertriebene am Stadtrand von Mogadischu. | dpa

Somalische Kinder, die aus den von der Dürre betroffenen Gebieten geflohen sind, stehen in einem Lager für Vertriebene am Stadtrand von Mogadischu. Bild: dpa

Es fehlt an allem

Auch der Mangel an sauberem Trinkwasser ist ein großes Problem - und begünstigt den Ausbruch von Krankheiten, die vor allem dann auftreten, wenn Menschen bei unzureichender Hygieneversorgung dicht an dicht leben müssen: Cholera und Masern.

Durchschnittlich bekamen nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO zwischen April und Juni diesen Jahres 3,1 Millionen Menschen in Somalia humanitäre Hilfe, zwischen Juli und September waren es schon 4,5 Millionen. Doch es werden noch mehr Menschen werden, die Hilfe brauchen.

Die Zahlen könnten nach Angaben von UNICEF sogar noch viel höher sein, denn viele abgelegene ländliche Regionen sind schwer erreichbar. Die aktuellen Zahlen beziehen sich vor allem auf die Vertriebenenlager, die von Hilfsorganisationen betreut werden.

Um noch mehr Hungertote zu verhindern - da sind sich alle Hilfsorganisationen einig -, brauche es mehr Geld, Nahrung, Medikamente und Gesundheitspersonal für die Menschen in der Region.

"Der Verlust ist der gleiche"

Somalia wurde immer wieder von Hunger- und Dürrekatastrophen heimgesucht. Allein 2011 starben 260.000 Menschen, die Hälfte davon waren Kinder. Dieses Jahr gibt es viel mehr Betroffene: "Die Zahlen sind im Vergleich zu 2011 dreifach höher. Damals gab es für die Betroffenen aber zunächst gar keine Hilfe", sagt Andrea Janssen von "Save The Children". "Jetzt sind wir hoffentlich auf einem guten Weg, aber wir brauchen noch mehr Unterstützung."

Die Somalis haben eine Tradition, den Dürren einen Namen zu geben. Diese heißt "Gleichmacher": Sie habe jeden arm gemacht, sagt Daud Adan Jiran vom "Mercy Corps": "Ob Du als Viehhalter 100 Kühe besessen hast oder zehn - der Verlust ist der gleiche, wenn Du am Ende ohne Kühe dastehst."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. Juni 2022 um 12:00 Uhr.