Aktivisten mit einer großen Snoek-Puppe protestieren am Muizenberg Beach in Kapstadt. | AFP

Südafrika Wild Coast protestiert gegen Shell

Stand: 06.12.2021 17:08 Uhr

An der südafrikanischen Wild Coast nimmt der Ölkonzern Shell Schall-Untersuchungen vor. Dagegen regt sich in mehr als 60 Orten massiver Protest. Die Menschen befürchten negative Folgen - nicht nur für das Ökosystem Meer.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

In Amadiba südlich der Hafenstadt Durban und an mehr als 60 weiteren Orten der südafrikanischen Wild Coast, einem Küstenabschnitt am Indischen Ozean, trafen sich Menschen zum Protest. Ihre Botschaft: ein klares Nein zur seismischen Untersuchung des Meeresbodens, die der Mineralölkonzern Shell gestartet hat.

Jana Genth ARD-Studio Johannesburg

"Die Küstenbewohner fischen im Meer, aber nachhaltig. Die großen Unternehmen machen das nicht nachhaltig", sagt Gary Koekemoer. Er ist Sprecher von Algoa Bay, einer Bucht bei Gqeberha, dem früheren Port Elizabeth. "Wir sagen: Es wird Zeit, denen zuzuhören, die an der Wild Coast leben. Shell agiert durchaus im gesetzlichen Rahmen, sie haben die Genehmigung. Sie handeln aber nicht nach den Regeln des Planeten."

Meeresbiologen in großer Sorge

Für die seismische Untersuchung, die der Ölkonzern derzeit vornimmt, gibt es die rechtliche Grundlage. Diese wird aber von einer Gemeinde an der Küste angefochten. Pooven Moodley ist Anwalt für Umweltrecht und erklärt die Sachlage so: "Shell hat die Rechte von Impact Africa gekauft, sie haben das Recht 2014 erworben. Das war kurz bevor sich die Gesetze geändert haben. Für jede Art solcher Aktivitäten braucht man jetzt Umweltgenehmigungen - bevor man überhaupt beginnen kann."

Das entspricht einer Art Gesetzeslücke, die Umweltschützer nutzen wollen. Denn die Schockwellen, die das Spezialschiff von Shell nun in Richtung Meeresboden aussendet - gut ein halbes Jahr lang, alle zehn Sekunden - bleiben nicht ohne Folgen. Meeresbiologin Judy Mann sagt, im Ozean seien Lebewesen mehr auf ihr Gehör angewiesen als auf ihre Augen. Die lauten Schallwellen könnten enormen Schaden anrichten, weil sie kilometertief in den Meeresboden eindringen, um mögliche Gasvorkommen zu erschließen.

Ihre Sorge geht aber noch weiter: "Vor der Wild Coast gibt es eine der mächtigsten Strömungen weltweit, den Agulhas-Strom. Das ist wie ein gewaltiger Fluss im Ozean. Man muss sich einen Fluss vorstellen mit dem 300-fachen Volumen des Amazonas. Der rauscht an der Küste entlang", erklärt sie. "Unsere große Sorge ist die: Wenn man Öl oder Gas findet, wie lässt sich das sicher fördern? Es wird nicht umsonst die Wilde Küste genannt."

Protestierende in Sigidi mit einem Transparent, das "Hände weg von unserer Wild Coast" fordert. | REUTERS

Protestierende in Sigidi mit einem Transparent, das "Hände weg von unserer Wild Coast" fordert. Bild: REUTERS

"Wir nutzen doch alle diesen Ozean"

Das Unternehmen selbst sagt, es wolle die Auswirkungen auf Meereslebewesen nach Möglichkeit verhindern oder minimieren. Energieunternehmen, die Erdgas fördern, argumentieren insgesamt damit, eine neue Gaswirtschaft in Südafrika fördere den Übergang zu nachhaltigeren Energiequellen, unterstütze die Abkehr von fossilen Brennstoffen und schaffe neue Arbeitsplätze.

Genau das bezweifelt aber Nqobile Jojo, ein Rettungsschwimmer in Port St. Johns. "Wir haben hier Touristen, die sich erholen wollen. Wir nutzen doch alle diesen Ozean", sagt er. "Wir reden über Schwimmer, über Taucher, über alle, die vom Meer abhängig sind, Fischer zum Beispiel. Wenn die seismischen Wellen ausgesandt werden, zerstört das die Grundlage von allem."

Das Meer ist vielfältig, weil wärmeres und kühleres Meerwasser ineinander übergehen. Die Vielfalt an Leben dort betonen Wissenschaftler und Umweltschutzorganisationen immer wieder. Nicht ohne Grund umfasst der Küstenabschnitt mehrere Natur- und Meeresschutzgebiete.

Die Anwohner wollen weiter protestieren

Die Proteste gegen Shell nehmen inzwischen landesweit zu. Auch weitab von der Küste, in Bryanston im Norden Johannesburgs, gab es schon eine Demonstration. "SOS" stand auf den Plakaten, "Ozeane statt Öl", oder "Stoppt Shell". Die Sprechchöre waren dramatischer: "To Hell with Shell" riefen die Menschen - zur Hölle mit Shell.

Insgesamt will Shell eine Fläche von 6000 Quadratkilometern absuchen. Eine Petition, die sich gegen dieses Vorhaben richtet, hat schon fast 400.000 Unterschriften gesammelt. Und auch Musiker wie The Kiffness steigen mit ein: "Stell dir mal vor, welche Lebewesen wir heute retten könnten!", singen sie nach der Melodie von John Lennons "Imagine".

Der Energieriese Shell hält sich an seine Pläne. Die Anwohner der Küste haben aber angekündigt, keine Ruhe geben zu wollen.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL am 06. Dezember 2021 um 15:53 Uhr.