Eine Luftaufnahme der senegalesischen Fischerstadt Saint Louis. | AFP
Reportage

Meeresspiegel im Senegal Der Kampf um Afrikas Venedig

Stand: 13.10.2021 03:03 Uhr

Der steigende Meeresspiegel bedroht die Küsten vieler Staaten Westafrikas. Die senegalesische Fischer-Stadt Saint-Louis gilt als Venedig Afrikas - auf der vom Festland abgetrennten länglichen Insel wird jetzt gebaggert, um dem Ozean Einhalt zu gebieten.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Nordwestafrika

Eine dünne Inselzunge, sie ist Teil der Küstenstadt St. Louis im Norden Senegals. Wellen rauschen an den Strand. Bagger graben, reißen tiefe Löcher in den Boden, türmen Sandberge auf. Große schwarze Steinblöcke stapeln sich in der Nähe - ein kilometerlanger Damm soll St. Louis vor dem Untergang retten.

Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

Maguette Bèye Séne ist Bewohner auf der vom Festland abgetrennten länglichen Insel. Er blicke zuversichtlich auf die Arbeiten, erzählt er der französischen Nachrichtenagentur AFP.

Seit einigen Jahren sind die Bewohner der Langue de Barbarie nur noch mit einer Schwierigkeit konfrontiert: dem vorrückenden Meer. Aber seit Baubeginn sind wir Optimisten geworden.

Fischerstadt gehört zum Unesco-Weltkulturerbe

Es ist ein Kampf gegen die Zeit - und gegen das Wasser. Saint-Louis liegt nur wenige Meter über dem Meeresspiegel. Dass der steigt und steigt macht der Küstenstadt zu schaffen. Sie erstreckt sich auf beiden Seiten auf einem langen, dünnen Sandstreifen, der als Langue de Barbarie bekannt ist, im Westen und nach Osten parallel das Festland. Mitte des 17. Jahrhunderts von den Franzosen gegründet, wurde Saint-Louis zu einem Knotenpunkt für europäische Händler und spielte eine wichtige wirtschaftliche und kulturelle Rolle in der Region.

Wegen ihrer geografischen Besonderheit gilt die Insel-Stadt als Venedig Afrikas und ist bekannt für Architektur aus Kolonialzeiten: bunte Balkonhäuser, doppelstöckige Villen -  die Fischerstadt und einstige Hauptstadt der französischen Kolonie Senegal gehört zum Unesco-Weltkulturerbe.

Nicht alle sind optimistisch

Auch deswegen soll St. Louis nicht untergehen. Der stellvertretende Bürgermeister Alioune Badara Diop erklärt: "Ziel ist es, mindestens 20 Meter an der Küste zu gewinnen, indem wir 20 Meter an Häuser, ausgehend von der Schutzmauer, abreißen und dann vier Meter zu haben, die wieder aufgeforstet und den Bewohnern für Freizeitaktivitäten überlassen werden, aber nicht bewohnt sein werden."

St. Louis hat über 230.000 Bewohner - dazu gehört auch Abdourakhmane Guèye. Er sieht eine düstere Zukunft für seine Heimatstadt.

Dieses Dammbau-Projekt kommt zu spät. Es hat keinen Sinn, nach dem Tod Arzt zu spielen. Sie haben gewartet, bis Milliarden Gelder vom Meer verschlungen wurden, bevor sie jetzt gekommen sind, um diese Steine ​​​​zu setzen.

Angst vor dem Wasser ist ständiger Begleiter

Überschwemmungen und Küstenerosion nagen an der Stadt. Viele Einwohnerinnen hatten keine andere Wahl, sie mussten angesichts von bröckelnden Böden unter ihren Häusern fliehen - viele Bewohner hatten vorher beispielsweise Haustüren und Fenster ihrer Häuser entfernt, um bei Überflutung nicht eingesperrt zu sein. Nachts könnten viele nicht mehr schlafen, weil sie Angst vor dem Wasser hätten, erzählt Thioane Fallhat.

Wie viele andere lebt sie heute in einem der Ausweich-Camps im Landesinneren. Mehr als 3.200 Menschen hat das Wasser hier schon obdachlos gemacht - etwa 1500 von ihnen leben heute in einem Vertriebenenlager außerhalb.

"Unser Zuhause wurde vom Meer total zerstört"

Das bringt für die oftmals einkommensschwachen Fischer weitere Probleme. Zusätzlich zur sowieso schon körperlich schweren Arbeit müssen sie morgens noch früher aufstehen, um ans Meer zu kommen.

Das Leben hier ist eine Tortur. Unsere neue Unterkunft ist extrem heiß, und wir leben dort mit unserer ganzen Familie, da wir keine andere Wahl haben. Wir müssen hier bleiben, weil unser Zuhause vom Meer total zerstört wurde.

Für das 100 Millionen Euro teure Damm-Projekt sollen bis zu 15.000 Menschen gezielt umgesiedelt werden. St. Louis wird auch mit Schutzwall nur für weniger Menschen bewohnbar sein. Der Geographieprofessor Boubou Aldiouma Sy von der Gaston Berger University der Stadt sagt, Saint-Louis sei ein besonders akutes Beispiel für Probleme, die in mehreren Küsten-Metropolen Westafrikas vorkommen. Er kritisiert das Bauprojekt.

Einer von ihnen hat mir gesagt, dass das ein Jahrzehnt halten wird. Ich sagte, das ist eine Verschwendung. Wie kann man so viele Millionen Euro für ein Jahrzehnt ausgeben?

Die See-Barriere ist Senegals Versuch, dem steigenden Meeresspiegel den Kampf anzusagen. Experten wie Professor Boubou Aldiouma Sy fordern alternative Maßnahmen wie eine stärkere Bepflanzung der Küsten und Baukonstruktionen vor der Küste, um die Erosion umzukehren. Senegals Regierung hat angekündigt, nachhaltigere Lösungen weiter zu prüfen - allerdings seien die auch deutlich teurer.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 13. Oktober 2021 um 10:48 Uhr.