Französische Soldaten in einem Hutu-Flüchtlingscamp in Butare (Ruanda) im Juli1994 | picture alliance / dpa

Völkermord in Ruanda Als die Schutzmacht nicht mehr schützte

Stand: 07.04.2021 16:54 Uhr

27 Jahre dauerte es, bis Frankreich seine Mitverantwortung für den Völkermord in Ruanda eingestand. Ein Schritt, den das Land anerkennt - doch am Jahrestag des Massaker-Beginns fordert Kigali mehr als das.

Von Bettina Rühl und Sabine Wachs, ARD-Studios Nairobi/Paris

Stille liegt über der Völkermord-Gedenkstätte etwas außerhalb von Kigali, der ruandischen Hauptstadt. Bänke unter Bäumen laden zum Verweilen ein, zum Erinnern und zum Trauern: Der Ort ist zugleich ein Friedhof. In mehreren Massengräbern wurden hier die sterblichen Überreste von mehr als 250.000 Tutsi bestattet. Sie wurden in Kigali und der Umgebung ermordet, zunächst namenlos verscharrt und später umgebettet.  

Ngabo Valerie war zum Zeitpunkt des Völkermords drei Jahre alt. Hutu-Extremisten ermordeten seinen Vater. Seine Mutter ergriff mit ihm und seiner Schwester die Flucht. "Überall, wo wir lang kamen, lagen Leichen und jede Menge Blut", berichtet er. "Ich erinnere mich nicht an viel, ich war ja erst drei. Aber ich weiß noch, dass es schrecklich war. Eine furchtbare Erfahrung."

So bruchstückhaft seine Erinnerung auch ist, zur Rolle Frankreichs hat er eine klare Meinung: "Die Franzosen haben meiner Meinung nach eine große Rolle im Völkermord gespielt. Sie wollten immer vertuschen, was sie damals an schlimmen Dingen gemacht haben."

Mann in Kigali schaut auf eine Tafeln mit Namen der Opfer des Genozids von 1994 | dpa

Mindestens 800.000 Opfer in nur 100 Tagen - an sie erinnert die nationale Gedenkstätte in Kigali. Bild: dpa

Eine Kommission verwirft alte Erklärungen

Tatsächlich hat Frankreich jahrzehntelang jede Mitverantwortung von sich gewiesen. Aber jetzt kam die Historikerkommission nach zweijährigen Untersuchungen zu einem anderen Ergebnis. Eine der Kernaussagen ihres Berichts: Frankreich ist mit verantwortlich für den Völkermord. Eine “Mittäterschaft” lasse sich dagegen nicht nachweisen.

Ngabo Valerie findet das nicht genug. Er hat grundsätzliche Zweifel an dem Bericht: "Irgendein anderes Land hätte die Leitung übernehmen sollen, oder eine unabhängige Organisation. Aber nicht Frankreich", sagt er.

Nicht die ganze Wahrheit, aber eine Entwicklung

Der ruandische Historiker Tom Ndahiro forscht seit Jahren zum Völkermord, auch zur Rolle Frankreichs dabei. Der Bericht der französischen Historikerkommission sei für sich allein noch nicht die ganze Wahrheit, kritisiert Ndahiro. Dennoch lobt er ihn als sehr großen Schritt nach vorn:

Es ist ein riesiger Schritt, wenn der Präsident eine Kommission einsetzt und die am Ende sagt: 'Die eigene Regierung trägt eine furchtbare Verantwortung für den Genozid.' Aber natürlich sind sie etwas zu kurz gesprungen, indem sie behaupten: 'Mittäterschaft können wir nicht feststellen.' Andererseits ist das Wort 'Verantwortung' schon stark genug.

Die späteren Täter ausgebildet

Ndahiro sieht viele Belege für Frankreichs Komplizenschaft. So bildete die französische Armee die Milizionäre aus, die später die Morde verübten.

"Frankreich lieferte auch einige der ideologischen Konzepte, die von der damaligen ruandischen Regierung während des Genozids genutzt wurden", sagt er. "Und französische Soldaten standen an den Straßensperren, fragten Flüchtende danach, ob sie Hutu oder Tutsi seien. Meistens mussten die Tutsi zur Seite treten, die Hutu durften weitergehen."

In der Ausstellung des "Kigali Genocide Memorial centre" sind Fotos einiger der Opfer des Völkermords zu sehen. | DAI KUROKAWA/EPA-EFE/REX

In der Ausstellung des "Kigali Genocide Memorial centre" sind unter anderem Fotos einiger der Opfer des Völkermords zu sehen. Bild: DAI KUROKAWA/EPA-EFE/REX

Versäumnisse der Schutzmacht

Ab Juni 1994 führte Frankreich in Ruanda eine Militäroperation namens "Opération Turquoise". Sie war vom UN-Sicherheitsrat mandatiert worden und sollte Flüchtlinge und Zivilisten in Ruanda schützen. Die Interventionstruppen unterließen es aber, die extremistischen Milizionäre zu entwaffnen. Sie hinderten die ruandischen Soldaten und Milizionäre auch nicht daran, in die Schutzzone einzudringen, die für Zivilisten eingerichtet worden war. Die Begründung: Das Mandat der "Opération Turquoise" sei dafür zu begrenzt.

Zeugen brachten in den vergangenen Jahrzehnten schwere Vorwürfe gegen die französischen Soldaten vor: Sie hätten die Völkermörder geschützt und sich direkt oder indirekt an den Aktionen der Hutu-Extremisten beteiligt. Dafür sahen die französischen Historiker keine Belege.

Ruandas Präsident Kagame und seine Frau entzünden eine Flamme zum Gedenken an die Opfer des Genozids

Eine Flamme, hier entzündet von Ruandas Präsident Kagame und seiner Frau, soll an den Genozid erinnern. Ein Untersuchungsbericht wurde vor vier Jahren beauftragt.

Ruanda bereitet eigenen Bericht vor

Ruanda will in den kommenden Wochen einen eigenen Bericht vorlegen, Präsident Paul Kagame gab ihn 2017 in Auftrag. Was immer das Ergebnis ist - der Historiker Ndahiro ist zuversichtlich, dass sich Ruanda und Frankreich in ihrem Blick auf den Völkermord annähern:

Die Kluft zwischen den beiden Regierungen wird kleiner, was ihr Verständnis des Völkermordes angeht. Das ist im Moment das entscheidende. Das ist wie beim Brückenbau: der Abstand zwischen beiden Seiten wird kleiner, bis er so schmal ist, dass man leicht hinüberspringen kann.

Frankreichs Präsident Emmanuel Marcon will Ruanda in den kommenden Wochen einen Besuch abstatten. Jahrelang waren die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern gekappt. Die Aussicht auf einen Staatsbesuch ist eine weitere wichtige Annäherung.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. April 2021 um 12:00 Uhr.